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Neuer Präsident Bolsonaro: Brasilianerin erklärt, warum ein rassistischer Hetzer die Hoffnung auf Besserung ist

Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro ist rechtsextrem, lobt die Militärdiktatur und hetzt gegen Frauen und Schwule. Doch für viele Menschen ist er trotzdem ein Heilsbringer. NEON sprach mit einer Brasilianerin, die erklärt warum.

Jair Bolsonaro : Das sind die politisch inkorrektesten Zitate des neuen brasilianischen Präsidenten

Duterte, Trump, Morawiecki, Orbán. Die Liste der regierenden Rechtspopulisten wird immer länger. Seit der Wahl am Sonntagabend in Brasilien gesellt sich nun ein neuer Name hinzu: Jair Bolsonaro, 63, ein ultrarechter ehemaliger Hauptmann der Armee. Die Medien nennen ihn bereits den "Tropen-Trump". Am Sonntagabend setzte sich der 63-Jährige mit 55,1 Prozent gegen seinen Kontrahenten Fernando Haddad von der Arbeiterpartei durch. Für die viertgrößte Demokratie der Welt ist es eine Bewährungsprobe. Bolsonaro stellt ihre Zukunft in Frage. Daran ließ der Ex-Militär nach seinem Sieg wenig Zweifel. "Ich werde das Schicksal des Landes verändern. Jetzt wird nicht weiter mit dem Sozialismus, dem Kommunismus, dem Populismus und dem Linksextremismus geflirtet."

Im Wahlkampf sorgte er mit frauenverachtenden, rassistischen und homophoben Äußerungen für Empörung. Äußerte seine Bewunderung für die Militärdiktatur von 1964 bis 1985. Er kündigte zudem an, den Zugang zu Waffen zu erleichtern, wichtige Ministerien mit Militärs zu besetzen und möglicherweise aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszusteigen. Trotzdem befürworten viele Bolsonaros Pläne. Pricilla Klein gehört dazu. Die 23-Jährige ist gebürtige Brasilianerin und lebt seit ihrem neunten Lebensjahr in Deutschland. Die Geschehnisse in ihrem Heimatland hat sie größtenteils in den sozialen Netzwerken verfolgt. Für sie ist Bolsonaro die Hoffnung auf Besserung, sagt die Studentin NEON.

Bolsonaro ist Brasiliens traurige Hoffnung

"Ich weiß das klingt für jeden Deutschen, der sich ein bisschen mit der Wahl beschäftigt hat, total bizarr. Aber die letzten Jahre haben so einiges dazu beigetragen, warum mit Bolsonaro nun alles anders wird." Was Pricilla damit meint, ist das Chaos der jüngsten Vergangenheit: Korruptionen, Schmiergelder, Skandale. Viele Menschen, sagt sie, hätten ihr Vertrauen in die Politik verloren. Schuld daran habe vor allem die Arbeiterpartei PT. Seit 2002 gewann sie alle Präsidentschaftswahlen in Brasilien. Doch in den vergangenen Jahren verstrickte sich die PT in eine Schmiergeldaffäre, die sie für viele Bürger zum Hauptschuldigen an allem Übel im Land machte.

"Ich könnte einen homosexuellen Sohn nicht lieben. Ich würde es vorziehen, dass mein Sohn bei einem Unfall ums Leben kommt." (Bolsonaro, Oktober 2010)

Es entstand eine mehrheitsfähige Anti-PT-Stimmung. Die sorgte nun dafür, dass ein großer Teil der Wähler am Sonntag nicht für Bolsonaro, sondern gegen die PT stimmte. Auf Instagram teilten viele Brasilianer ein Zitat, das diesen Eindruck bestätigt. Übersetzt heißt es: "Ob Bolsonaro gut ist, wird die Zukunft zeigen. Ob PT gut ist, zeigte dagegen bereits die Vergangenheit." Pricilla sagt, dass sie sich nun drei Dinge von Bolsonaro erhoffe: mehr Sicherheit, ein Ende der Korruption und weniger Armut. "In Rio de Janeiro kannst du gefühlt kaum noch aus dem Haus gehen, ohne mit einer Waffe oder einem Messer überfallen zu werden", so die junge Frau.

Brasilien ist gespalten wie nie zuvor

Viele Brasilianer sehen es wie Pricilla. Den Umfragen zufolge sind die von ihr genannten Punkte die Gründe, die sie dazu veranlasst haben, für Bolsonaro zu stimmen. Dennoch könne sie mit vielen menschenfeindlichen Aussagen des neuen Präsidenten überhaupt nichts anfangen. Das sei für viele ihrer brasilianischen Freunde ein Grund gewesen, Bolsonaro nicht zu wählen. "Es ist schwer, sachlich über die Wahl in Brasilien zu sprechen. Die Stimmung ist aufgeheizt. Die Gräben sind meines Erachtens noch größer geworden. Die Gegner von Bolsonaro haben Angst, dass Brasilien durch ihn die Demokratie verliert."

"Ich würde dich nie vergewaltigen, weil du es nicht wert bist." (Bolsonaro zu einer Parlamentarierin, November 2003)

In der Tat zeigte der Wahlkampf, wie weit die Spaltung Brasiliens fortgeschritten ist. Kritische Journalisten wurden angegriffen und bedroht. Ein Musiker, der sich als Wähler der PT zu erkennen gab, wurde von einem Bolsonaro-Anhänger ermordet. Sogar Bolsonaro erging es es fast ähnlich. Anfang September wurde er bei einer Kundgebung von einem geistig verwirrten Mann mit einem Messer schwer verletzt.

Noch überwiegt die Hoffnung

Ab dem 1. Januar soll sich diese Stimmung ändern. Dann wird Bolsonaros Arbeit beginnen. Pricilla wünscht sich, dass es ihm gelingt – nicht weil sie ihn mag, sondern weil ihr Land ihn brauche. "Brasilien hat alles, was es braucht, um eine starke Nation zu werden. Nur wurde dieses Land bislang sehr schlecht verwaltet. Die Zukunft wird es deshalb zeigen, ob er der richtige Präsident für Brasilien ist." Der letzte Satz ist vielleicht der Beunruhigendste. Niemand weiß, was in den nächsten Monat in Brasilien passieren wird. Es zeigt aber, wie verzweifelt viele Brasilianer sind, ihr Vertrauen einem neuen "Trump" zu geben.

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