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Meinung

Historischer Tiefpunkt: Liebe SPD, was hat dich für die Jugend bloß so ruiniert?

Unser Autor ist aufgewachsen in einer Zeit, als die SPD für junge Wähler noch die agile Alternative zur Bräsigkeit der Union darstellte. Das klingt länger her, als es ist. Was ist in der Zwischenzeit bloß mit der Partei passiert?

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Liebe SPD,

Du bist am Ende. Du fährst bei der Europawahl mit 15,8 Prozent abermals das schlechteste nationale Ergebnis Deiner Geschichte ein, du verlierst mit Bremen eine Deiner letzten Bastionen an die CDU. Was vor Jahren noch undenkbar war, wird bei Dir langsam zur Gewohnheit. Und dass du nur noch eine Karikatur Deiner selbst bist, lässt sich jetzt sogar mit Zahlen belegen: Bei der Jugend liegst Du gleichauf mit der Satirepartei Die Partei. Ein schlechter Scherz.

Das ist zweifellos der beunruhigstende Aspekt Deines bedauerlichen Zustandes: Junge Wähler machen ihr Kreuz lieber bei Komikern, Konservativen oder Rechten als bei Dir. Wie zur Hölle konntest Du es so weit kommen lassen?

SPD: Nichts mehr übrig vom alten Image

Ich bin im Rheinland, in einer der rotesten Regionen der Republik, aufgewachsen. Bei meiner ersten Wahl 1998 habe ich für Rot-Grün gestimmt, wie damals so ziemlich jeder Jungwähler. Damals gab es noch keine Zweifel an der Macht, die Du als eine der beiden Großparteien verkörpertest – die Grünen holten als dritte Kraft und späterer Koalitionspartner seinerzeit 6,7 Prozent, und Du, liebe SPD, kamst auf 40,9! Wahrlich Zahlen aus einem anderen Jahrtausend.

Gut 20 Jahre und minus 25 Prozent später stellt sich die Frage, was Dich für die Jugend (von der gestern sogar nur neun Prozent für Dich stimmten) bloß so ruiniert hat? Damals, als ich noch zu den jungen Wählern zählte, hast Du schließlich die agile Alternative zur bräsigen Union der späten Kohl-Jahre dargestellt. Von diesem Image ist heute nichts, aber auch gar nichts mehr übrig geblieben. Das Parteiengefüge hat sich offenbar unwiderruflich verändert. Und das liegt daran, dass Du, liebe SPD, die Jugend vergrault hast. Du hast es nicht verstanden, den Klimaschutz als Thema der Stunde auszumachen und Dich dementsprechend zu positionieren – ein mehr als vermeidbarer und folgenschwerer Fehler.

Aber vor allem hast Du Dich durch Dein jahrelanges Missmanagement in eine Abwärtsspirale katapultiert, aus der Du inzwischen nicht mehr herausfindest. Du bist für junge Menschen offenbar das Musterbeispiel an Unbeweglichkeit und Rückwärtsgewandtheit. Dein Image als Katastrophe zu bezeichnen, wäre ein Euphemismus.

Konservative, rechte Tendenzen bei der Jugend

Was die Themen betrifft, die junge Wähler umtreibt, bist Du inhaltlich theoretisch gar nicht so schlecht aufgestellt, jedenfalls sicher nicht schlechter als die Union, aber Du schaffst es nicht, dies zu transportieren. Dass sich grassierende konservative und rechte Tendenzen inzwischen auch bei der Jugend immer deutlicher abzeichnen, ist da nur ein weiterer Nagel im Sozi-Sarg.

Ist der Ruf erstmal so ruiniert, lebt es sich zwar gänzlich ungeniert – gleichsam gerät es zur Mammutaufgabe, diesen Trend jemals wieder umzukehren. Die Zeit der Durchhalteparolen, diese ganze Politik der halben Sachen, mit der Du in den letzten Jahren immer wieder auf Deine eigene Bremse gedrückt hast, muss endlich und endgültig vorbei sein.

"Think about it", hat der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert in Bezug auf die fehlenden jungen Stimmen für die SPD noch am Wahlabend getwittert. Aber mehr noch als denken musst Du als Partei jetzt handeln. Jeder Juso sollte die einmalige Chance wahrnehmen, denn für den Nachwuchs dürften die Aufstiegschancen innerhalb der Ränge nie günstiger gestanden haben.

Und diese Entwicklung wäre alternativlos: Nichts brauchst Du, liebe SPD, dringender als eine radikale Verjüngung. Du musst es Dir zur Aufgabe machen, frische Gesichter zu fördern. Damit Du irgendwann wieder eine agile Alternative darstellst. Sonst endest Du auf Dauer einstellig, so wie die Grünen damals, 1998. Dritte Kraft wird man damit heutzutage aber nicht mehr.

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