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Schweden: Studentin verhinderte Abschiebung – jetzt erklärt sie ihren Protest

Elin Ersson wurde bekannt, weil sie durch zivilen Ungehorsam eine Abschiebung nach Afghanistan stoppte. Nun hat sie über die Beweggründe ihres Protests im Flugzeug gesprochen.

Elin Ersson filmt ihren Protest gegen eine geplante Abschiebung

Quasi über Nacht wurde Elin Erssons Gesicht berühmt. Am Montag hatte sich die junge Schwedin geweigert, in einem Flugzeug, mit dem ein Afghane in sein Heimatland abgeschoben werden sollte, ihren Sitzplatz einzunehmen. Damit verhinderte sie letztendlich die Abschiebung. Ersson hatte ihren Protest live auf Facebook gestreamt, das Video, in dem zwölf Minuten lang nur ihr Gesicht zu sehen ist, wurde schon mehr als vier Millionen Mal angesehen. Medien aus der ganzen Welt berichteten über ihren Protest.

Nun hat die 21-jährige Studentin mit der britischen Tageszeitung "The Guardian" über ihre Aktion gesprochen. "Ich war so in dem Moment gefangen, dass ich gar nicht merkte, wie alle mich anschauten", sagt sie. "Ich war total darauf konzentriert, diese Abschiebung zu stoppen." 

"Ich hatte die Unterstützung, die ich brauchte"

Dabei handelte es sich gar nicht um den Mann, dessen Abschiebung Ersson eigentlich hatte stoppen wollen. Stattdessen befand sich ein anderer Afghane an Bord. In dem Video ist zu sehen, wie Ersson immer wieder erklärt, dass den Mann in Afghanistan höchstwahrscheinlich der Tod erwarte.

Flugbegleiter und auch wütende Passagiere hatten versucht, sie davon zu überzeugen, sich hinzusetzen. Doch es gab auch weitere Menschen in der Flugzeugkabine, die Ersson unterstützten und sich ihrem Protest anschlossen, beispielsweise eine ganze Fußballmannschaft. Mit den Spielern hatte Ersson vor dem Einsteigen bereits gesprochen: "Ich wusste, dass es Leute gab, die meinen Plan unterstützten. Ich hatte die mentale Unterstützung, die ich brauchte."

Afghanistan: 1600 tote Zivilisten im ersten Halbjahr

Ersson studiert in Göteborg Soziale Arbeit und engagiert sich schon länger in der Flüchtlingshilfe. Besonders Abschiebungen nach Afghanistan bewegen sie, erzählte sie dem "Guardian": "Die Menschen sind dort nicht sicher. Sie wissen nicht, ob sie den nächsten Tag erleben. "Je mehr Leute aus Afghanistan ich kennengelernt habe, desto mehr glaube ich, dass niemand nach Afghanistan abgeschoben werden sollte."

Der Staat gilt zwar – auch in Deutschland – als sicheres Herkunftsland. Doch im ersten Halbjahr 2018 kamen nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 1600 Zivilisten bei Anschlägen oder Luftangriffen ums Leben. "Ich glaube, wir könnten Flüchtlinge besser behandeln als wir es jetzt tun. Besonders in einem reichen Land wie Schweden."

Schwedische Staatsanwaltschaft ermittelt

Nachdem ihr Video eine so große Aufmerksamkeit erreicht hat, gilt Elin Ersson für viele Menschen als Heldin. In Facebook-Kommentaren wird ihr Mut gelobt und bewundert. Sie hofft, dass dadurch mehr Menschen auf das Problem aufmerksam werden: "Wir müssen die Menschen sehen, deren Leben durch unsere Abschiebungen zerstört werden." Gleichzeitig werfen ihr Abschiebungsbefürworter allerdings Naivität vor. 

Ersson beharrt zumindest darauf, dass Protestaktionen wie in Göteborg ihr gutes Recht seien – sie verstoße damit gegen keine Gesetze. Trotzdem könnten der schwedischen Studentin juristische Konsequenzen drohen. Die Staatsanwaltschaft hat eine Voruntersuchung wegen Verdachts auf Verletzung der Luftfahrtverordnung eingeleitet. Mehr könne in der frühen Phase der Ermittlungen zunächst nicht gesagt werden, erklärte die Behörde.

epp