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Maß halten: Zu viel ist zu viel – warum es wichtig ist, das richtige Maß zu finden

Wir tummeln uns im Internet, gucken übertriebene Fashion-Hauls und leben in einem Überfluss an Luxusobjekten. Doch wenn diese Entwicklung zum Standard und unser Konsumverhalten zur Normalität wird, ist Schluss. Ein Plädoyer für das Maß-Halten.

von NEON-Community-Mitglied Geena Gamradt

Frau sitzt am Laptop

Unsere Autorin stellt ein Konsumverhalten in Frage, welches inzwischen zum Standard geworden ist (Symbolbild)

Unsplash

Zwar stecke ich äußerst gerne meine Nase in Bücher der unterschiedlichsten Art, doch das schließt nicht aus, dass ich mich aus Unterhaltungsgründen auch hin und wieder auf den verschiedensten Internetplattformen tummle. Dabei begann ich mir vor geraumer Zeit Gedanken über eine Entwicklung zu machen. Als Entwicklung kann man es zugegebenermaßen kaum noch bezeichnen – Standard würde es wahrscheinlich passender treffen. Aber die , die Basis meiner Überlegungen, ist ja immerhin eine langsame Wissenschaft. Daher habe ich mir die Zeit genommen, dieses Thema zu hinterfragen: Mich beschäftigt der ungezügelte Konsum, der auf jeglichen Social Media Plattformen Gang und Gäbe ist.

Maßlos übertrieben: Fashion-Haul und Beauty Einkauf 

Es reicht schon lange nicht mehr, ausführlich über wenige Produkte zu sprechen. Stattdessen lautet das Motto Quantität vor Qualität. Fashion-Hauls lohnen sich nur noch im XXL-Format (und nein, damit meine ich nicht die Kleidergröße). Die enormen Ausgaben für den letzten Beauty-Einkauf schreien einen bereits im Thumbnail an. In der Booktuber-Szene ist es nicht unüblich, sich 20 plus Bücher im Monat zu kaufen. Kaum verwunderlich, dass der SuB (Stapel ungelesener Bücher) mittlerweile rund 150 Exemplare zählt.

Auch ich habe meine Freude an all diesen angesprochenen Gegenständen. Brauchen tu ich sie vielleicht nicht zwingend, den Alltag können sie mir jedoch trotzdem versüßen. Doch leider muss ich feststellen, dass hier das gleiche Phänomen wie bei Schokostreuseln im Vanillepudding auftritt: Zu viel ist zu viel. Mir wird schlecht. Ich kann die ursprüngliche Extravaganz nicht mehr herausschmecken, geschweige denn genießen. Mir verklebt der Mund und am Ende lasse ich das halb aufgegessene Desaster stehen, bis ich es schließlich wegschmeiße. Warum also diese gnadenlose Übertreibung, frage ich mich. Warum reicht ein normaler Rahmen nicht mehr aus? Oder ist dieses schon zur Normalität geworden?

Wir werden motiviert über die Stränge zu schlagen 

Als ich mich auf die Klickzahlen der jeweiligen Videos und Posts konzentriert habe, wurde mir mit Erschrecken bewusst: Als , Blogger oder dergleichen wird man regelrecht dazu motiviert, über die Stränge zu schlagen. Niemand, oder wenn ich es ohne Übertreibung sage, die wenigsten Zuschauer wollen das Normale oder das Durchschnittliche. Erst in komplett abgefahrenen Sphären fängt der Spaß so richtig an.

In seinem zweiten Diskurs schreibt Jean-Jaques Rousseau, dass der Mensch frei handeln kann und sich dementsprechend auch nach seinem eigenen Vorteil richtet. Diese Annahme leuchtet ein. Man kann es also kaum jemandem vorwerfen, dass er sich derart verhält, um letztendlich den größten Nutzen für sich selbst zu erlangen. Wer würde sich selbst, seiner Karriere, oder seiner Zukunft schon gerne freiwillig Schaden zufügen? Und wenn so viele Personen Interesse an eben diesem Format finden, tut man ihnen im Endeffekt nicht sogar etwas Gutes? 

"Brauche ich das?"

Trotzdem sollte nie vergessen werden, dass die Menschen, die regelmäßig derart Content produzieren, ein enorm hohes Maß an Verantwortung tragen. Ihre Zuschauer oder gar Fans, sind größtenteils in einem Alter, in dem sie nur allzu leicht zu beeinflussen sind. Ihnen wird nicht nur gezeigt, dass Konsum gut ist, sondern dass nahezu lächerlich übertriebener Konsum besonders gut ist.

Gar nicht so abwegig also, dass einen ein regelrechter Kaufzwang überkommt. All diese gepriesenen Produkte möchten wir selbst auch besitzen. Wir möchten mitreden können und auf gewisser Ebene dazugehören.  Vielleicht ist die Frage "Brauche ich das?", bevor man sich etwas Neues anschaffen möchte, nicht mehr die richtige. Vielleicht war sie auch noch nie die richtige. Schließlich könnte man sie in Bezug auf materielle Dinge mit "Ich brauche Wasser, Essen und ein Dach über dem Kopf" beantworten. Denn den meisten Kram, den wir besitzen, brauchen wir mit Sicherheit nicht. Aber dieser Ansatz ist meiner Meinung nach zu radikal – immerhin sind wir inzwischen schon längst zu einer Spaß- und Konsumgesellschaft geworden. Ich ziele in diesem Text nicht darauf ab, dass jeder einen minimalistischen Lebensstil führen oder sich einsam in eine Hütte im Wald zurückziehen sollte. Es sollte an sich nichts Verwerfliches sein, sich Komfort und wenig sinnvolle Luxusobjekte zu gönnen, zu genießen.

Was es auf der einen Seite zu Hauf gibt, fehlt an einem anderen Ende

Innerhalb dieses Spielraumes jedoch kann ich nur ähnlich wie Rousseau dafür plädieren, doch bitte Maß zu halten und hin und wieder den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Laut Rousseau findet die Verfehlung des Maßes ihren Ausdruck in sozialer und politischer Ungleichheit. Kurzum: Was es auf der einen Seite zuhauf gibt, fehlt an einem anderen Ende. Wenn ich darüber nachdenke, scheint diese einfache Formel irgendwie doch immer wieder aufzugehen.

Zu Rousseau sei gesagt, dass er zwar jede Art des Luxus strikt ablehnt, davon ausgehend, dieser verweichliche und verderbe die Menschen. Doch immerhin ist es rund 250 Jahre her, das diese Gedanken entstanden ist. Das Leben hat sich allein durch die Industrialisierung und die Erfindung der Elektrizität rapide geändert. Kaum einer geht noch davon aus, dass es ungesund sei, sich zu waschen und auch das Entsorgen jeglichen Unrates auf offener Straße ist glücklicherweise nicht mehr alltäglich. Folglich hat auch eine Veränderung der Besitztümer, des Einkommens, der Freizeit und des privaten und gesellschaftlichen Lebens stattgefunden. Es geht also nicht darum, diese alten Texte eins zu eins auf die heutige Zeit zu übertragen. Vielmehr geht es darum, ihn nach guten Ideen zu filtern und gegebenenfalls etwas aus diesen zu lernen.

Zusätzlich schreibt Rousseau, dass die Freiheit dem Eigensinn die Tür öffnet und somit zulässt eigene Grenzen zu überschreiten. Wenn ich so frei bin, dass ich davon ausgehe, mein Handeln habe keinerlei Grenzen, kann ich durch diese Missachtung die Freiheit anderer beeinträchtigen. Es ist die Aufgabe von uns allen, diese Grenzen wiederzufinden, sie wahrzunehmen, sie uns bewusst zu machen. Bin ich satt oder habe ich noch Hunger? Geht es um das Geschenk an sich oder um den Geldwert, den es vermittelt? Tue ich mir wirklich etwas Gutes oder belüge ich mich selbst?

Wir können Normen und Konventionen zustimmen, wir können sie aber genauso gut hinterfragen

Es sind viele kleine Dinge, die in ihrer Summe etwas Großes bewirken können: Sei es, darauf zu achten, welche frischen Lebensmittel ich noch daheim habe und nicht kaufen muss, oder zu lernen, nur zu kochen, was am Ende auch tatsächlich gegessen wird. Zu einem gewissen Teil haben wir es selbst in der Hand. Wir können Normen und Konventionen zustimmen, wir können sie aber auch genauso gut hinterfragen und boykottieren. Dieses Zweifeln und Abwägen lässt sich einerseits auf die Konsumenten beziehen, genauso aber auch auf die oben angesprochenen Influencer. Wir teilen uns diesen Planeten mit so vielen weiteren Menschen, Tieren, Pflanzen und Lebewesen, dass es ab und zu nötig ist, auf andere zu achten, ohne sich selbst dabei zu vergessen. Meiner Meinung nach kann eine Rückbesinnung auf die Natur dabei helfen, eine aus dem Ruder gelaufene Entwicklung, oder gar einen Standard wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Die Abstellkammer, der rumpelige Kellerraum oder auch die sagenumwobenen Tupperdosen-Schublade: Verstricke ich mich in Anhäufungen aus Übermaß, kann schnell der Blick für das Wesentliche abhanden kommen. Konsum an sich ist keinesfalls etwas Schlechtes, es kommt lediglich darauf an, was wir daraus machen. Jeder von uns möchte das Leben genießen. Da es wäre doch schade, wenn dieser Genuss durch zu viel des Guten verdrängt wird.

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gho