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Ausgabe 2/2015: „Niemand will dumm dastehen“

Der Soziologe Heinz Bude sorgt sich um uns: Die heutige Elterngeneration mache sich aus Angst vor Fehlern selbst das Leben schwer. Scheitern wir an der Selbstverwirklichung? Und ist die angestrebte Work-Life-Balance das falsche Ziel?

© Hamburger Edition – Bodo Dretzke

Interview: Susanne Lang | Foto: Bodo Dretzke

Sie sind zwischen 35 und 45 Jahre alt, arbeiten gut und gerne, lieben ihre Familien und genießen ihre Freizeit. Es geht ihnen gut. Und trotzdem haben sie Angst: Davor, eine falsche Entscheidung zu treffen, unter den Tausenden von Möglichkeiten die falsche zu wählen. Angst davor, plötzlich im gesellschaftlichen Abseits zu stehen und selbst daran schuld zu sein. „Generation Null Fehler“ nennt sie der Soziologe Heinz Bude. „Gesellschaft der Angst“ lautet die Diagnose seines neuen Buchs. Steht es wirklich so schlecht um diese Generation – also um uns, die Eltern von heute? Reiben wir uns auf mit dem Anspruch, ein perfektes Leben führen zu wollen? Ist die allseits gewünschte Work-Life-Balance ein großes Missverständnis? Ganz so negativ sieht es der Soziologe am Hamburger Institut für Sozialforschung dann doch nicht. Er habe viel Sympathie für diese Generation, sagt er und lacht. Diese Herzlichkeit wird während des Gesprächs im Büro des Instituts immer wieder aufblitzen. Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung.

Herr Bude, welchen Fehler haben Sie zuletzt gemacht?

Ich habe einem Gebrauchtwagenhändler zu sehr vertraut und mich beim Kauf betrogen gefühlt. Bemerkenswerterweise hatte ich sofort Selbstzweifel: Hab ich meine Menschenkenntnis verloren? Bin ich etwa naiv?

Sind diese Selbstzweifel nicht eher typisch für die „Generation Null Fehler“, wie Sie sie beschreiben?

Das stimmt. Ich habe in meinen Gesprächen festgestellt, dass viele Vierzigjährige das Gefühl haben, bei der Arbeit, aber auch in der Liebe vorsichtig sein zu müssen, damit sie am Ende nicht dumm dastehen. Dahinter steckt das Winner-take-all-Prinzip. Nach dieser Logik muss man ständig auf der Hut sein, dass man nicht von jemandem überholt wird, der minimal besser oder auch nur anders auftritt. Man muss sich locker geben, trotzdem kompetent sein, um nicht aus dem Rennen zu fallen. Deshalb ist diese Generation auch so ironiebegabt.

Wobei genau hilft da Ironie?

Die Vierzigjährigen gehen anscheinend davon aus, dass man das Leben unendlich perfektionieren kann. Aber jeder weiß doch, dass man es immer mit einer Welt zu tun haben wird, die nicht beherrschbar ist. Diese Generation versucht trotzdem, allen Unbeherrschbarkeiten vorneweg zu sein. Untergründig hadert sie dabei aber mit einem Problem des neoliberalen Menschenbildes: Leben heißt ja nicht nur wählen, sondern auch gewählt werden. Niemand kann kontrollieren, wer ihn wählt. Also bleibt die Ironie. Und To-do-Listen.

Was haben die damit zu tun?

Mit To-do-Listen erzeugt man eine Illusion von Präferenzen und Prioritäten, die für wählende Wesen essenziell sind. Aber was will ich eigentlich? Und was ist mir wirklich wichtig?

Sie gehören ja zur Generation der heute Sechzigjährigen. Gehen Sie abgesehen von To-do-Listen auch anders mit Ihren Fehlern um?

Ich stecke sie besser weg, weil ich noch diese alte Idee verinnerlicht habe, dass man am Scheitern wächst. In meinen jungen Jahren nannte man das Berliner Ökonomie. Im Sinn von Martin Kippenbergers Motto „Durch die Pubertät zum Erfolg!“ In der Generation der Vierzigjährigen dominiert die Matrix, nicht der Pfeil. Aus welchen Zuordnungen ergibt sich welche Kurve? Leben heißt dann, sich Szenarien vor Augen führen, die möglich sind. Und dann das klügste zu wählen.

Aber das klingt doch ganz vernünftig.

Absolut, das ist sehr klug. Problematisch wird die Null-Fehler-Haltung jedoch, sobald sie das Leben dauerhaft bestimmt. Den meisten fällt es schwer, ein Rennen auszulassen. Man hat Angst, etwas zu verpassen. Privat ebenso wie beruflich. Ich kann das gut verstehen. Denn die Selbstverwirklichungsideale sind sehr komplex geworden. Ein Vierzigjähriger, der freimütig gestehen würde, dass ihm Job und Karriere am wichtigsten sind, würde heute nur noch Kopfschütteln auslösen. Aber damit holt die Männer jetzt auch das Vereinbarkeitsproblem ein.

Eigentlich ist das doch ein Fortschritt. Aber der verlangt – zugegeben – allen einiges ab. Wo kommt da Angst ins Spiel und wovor?

Der Ausgangspunkt für meine Beobachtung war ein unbestrittener Befund aus der Psychotherapieforschung. Die neurotischen Störungen nehmen ab, dafür häufen sich die depressiven Verstimmungen. Die Menschen leiden nicht mehr an der Erfahrung, dass gewisse Bedingungen sie einschränken, sondern an der Möglichkeit, zwischen vielen Möglichkeiten wählen zu können. Zum Problem wird diese Wahlfreiheit, wenn einem das Wählen selbst ungeheuer wird. Woran messe ich, was ich will? Daraus ergibt sich eine der Angstformeln: Man wird schuldig – gemessen an sich selbst, nicht an äußeren Maßstäben. Plötzlich hat man sich selber im Verdacht.

Aber gerade bei der Vereinbarkeitsfrage gibt es doch offensichtlich Rahmenbedingungen, die das Leben erleichtern oder einschränken.

Faktisch ist es natürlich so. Die Einrichtung der Elternzeit zum Beispiel ist eine gute Sache. Ebenso ist der Bewusstseinswandel gut, dass Männer keine Schluffis sind, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern. Aber für das Erleben dieser Generation ist es viel weniger wichtig, als wir glauben. Denn es hilft nichts bei der Tatsache, dass – mit Kierkegaard gesprochen – jeder sein Leben selber führen muss. Es hilft einem niemand dabei. Kein Gott und keine Angela Merkel. Für die notwendige Orientierung bleiben nur die Mitmenschen. Und das wäre das zweite Element meiner Angsttheorie, da folge ich Sartre: Die Hölle, das sind die anderen.

Sind sie das?

Nehmen Sie die Partnerschaften. Sie sind kündbar geworden. Die Generation der Vierzigjährigen lebt im Bewusstsein dieser ständigen Kündigungsdrohung. Niemand kann sich auf den Liebespartner verlassen, weil ihm das Ideal der romantischen Liebe jederzeit eine Begründung gibt, dem Partner den Rücken zu kehren. Aus dem nichtigen Anlass, dass die Liebe vorbei ist.

Besser als die Hölle einer schlechten Beziehung, oder?

Aber wer bleibt zurück? Und wer zieht davon? Das läuft oft immer noch ganz klassisch, der Mann hat sich in einer Midlife-Crisis in eine jüngere Frau verliebt und kann das aber nicht für sich behalten, sondern macht es zum Thema.

Sollte er es verschweigen?

Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich abschätzen kann, welche Belastung das für eine Liebesbeziehung bedeutet. Was wäre die Treue zur Liebe? Doch nicht, sich nichts zuschulden kommen zu lassen. Noch anders stellen sich die Dinge dar, wenn Kinder dazukommen. Familie ist was anderes als eine erweiterte Partnerschaft. Sie bringt andere Verpflichtungen mit sich. Genau deshalb wollen die Leute schließlich Kinder. Sie spüren eine Sehnsucht nach unkündbaren Beziehungen.

Sie trennen sich ja nicht von den Kindern, sondern vom Liebespartner.

Das stimmt. Aber den meisten ist ganz genau bewusst, welche Belastung das für die Kinder mit sich bringt. Nicht selten werden alle Beteiligten unglücklich. Ich will mich natürlich nicht gegen Trennungen aussprechen. Aber die Verpflichtung für andere ist was anderes als die Verpflichtung gegenüber sich selbst. In der Angst, etwas falsch zu machen, steckt die Angst, sich auszusetzen. Heißt Leidenschaft nicht, sich selbst aufs Spiel zu setzen, sodass einem Hören und Sehen vergeht?

Wenn Sie sich nicht gegen Trennungen aussprechen wollen, dann wofür?

Ich will als Soziologe zeigen, dass die privaten Probleme öffentliche Fragen beinhalten. Soziologie geht ins Innere und hält zugleich Distanz. Die genaue Beschreibung zeigt, dass wir nicht allein sind. Das ist die indirekte Ethik der Soziologie.

Das bedeutet, dass die Gesellschaft auch in der Pflicht ist?

Nehmen wir die jungen Frauen, die zwischen 25 und 35 Jahren in eine ungeheure Rushhour kommen: Sie sollen die Partnerschaft stabilisieren, sich im Beruf etablieren und ein erstes Kind planen. Das ist fast nicht zu machen. Bei den jüngeren, das sehe ich bei meinen Studentinnen, gibt es aber den Wunsch, Kinder zu haben und einem Beruf nachzugehen. Ein abstoßendes Role Model ist für sie die Powerfrau, die wegen des Berufs auf Kinder verzichtet hat. Keine tragischen Wahlen mehr. Da sind auch die Unternehmen in der Pflicht.

Warum sollten sie sich um die privaten Dinge ihrer Beschäftigten kümmern?

Da passiert im Augenblick mehr, als man denkt. Die Debatte um die Generation Y, die weder leben will, um zu arbeiten, noch arbeiten will, um zu leben, wirkt. Es entsteht ein Bewusstsein, dass Berufsbiografien Experimente ohne Vorbild darstellen. Dafür haben wir in Deutschland gute Voraussetzungen, weil die jungen Leute Forderungen stellen können. Für die heute Zwanzig- und Dreißigjährigen existiert ein ziemlich günstiges Verhältnis von verfügbaren Stellen und generationeller Geburtenhäufigkeit. Das stärkt die eigene Verhandlungsposition.

Sie sprechen von einer größeren Akzeptanz für Teilzeit oder Auszeiten?

Grundsätzlich muss es in Unternehmen eine Bereitschaft geben, die Arbeitsintensität zu variieren. Da kommt die Gesellschaft ins Spiel. Was wäre ein Anrecht auf die eigene Mischung? Wir brauchen nette und freundliche Erzieherinnen und Erzieher, die nicht der Meinung sind, dass man eine Rabenmutter oder ein Rabenvater ist, wenn man das Kind bei ihnen abgibt.

Denken das selbst Erzieher und Erzieherinnen?

Zum Teil ja. Die Kita ist in unserer Gesellschaft so eine Art Schlachtfeld der Affekte. Vielen ist das vielleicht noch gar nicht aufgefallen.

Wer kämpft und worum?

Nehmen Sie die Situation des Abholens der Kinder, die soziologisch einigermaßen aufschlussreich ist. All diese gestressten Väter und Mütter, die ihr Kind pünktlich abholen wollen …

… weil sonst oft die Stühle schon auf den Tischen stehen und der Staubsauger läuft.

Und das schlechte Gewissen kommt. Dann gibt es aber auch die Väter und Mütter, die extra spät kommen, obwohl sie gar nicht so viel zu tun hatten zuvor – die treffen auf andere Väter und Mütter, die sich sofort fragen: Warum kommen die zu spät und ich pünktlich? Bin ich hier der Dumme? Da haben sie schon wieder dieses Null-Fehler-Denken, das so wahnsinnig anstrengend ist.

Hier herrscht also eher eine Kultur des schlechten Gewissens, oder?

Vor allem unter Frauen handelt es sich oft um eine regelrechte Politik des schlechten Gewissens. Die Norm sind mittlerweile eineinhalb Einkommen in Familien, das heißt, Frauen geben nicht mehr selbstverständlich nach und bleiben zu Hause. Umgekehrt, wenn es eine aber aus ganz persönlichen Gründen doch will, bekommt sie dafür kaum Respekt. Eine Frau, die hochqualifiziert, ehrgeizig und attraktiv ist und sich entscheidet, auf Familie mit zwei Kindern und ohne Beruf zu machen, muss schon ziemlich selbstbewusst sein. Für so eine Frau kann der Blick von Frauen aus ihrem Milieu ziemlich vernichtend sein. Das sind die Altbauspießer, wie sich eine Gesprächspartnerin ausdrückte, die einem das schlechte Gewissen machen.

Fehlt uns Respekt oder Toleranz für die jeweils anderen Modelle?

Ich will nicht moralisch urteilen, nur konstatieren. Das Problem liegt im Begriff der Familie, der heute einen solchen Reichtum an Lebensformen und Lebenserfahrungen entwickelt hat, dass er sich kaum auf ein normatives Raster bringen lässt.

Trotzdem herrscht eine gewisse Normativität. Liegt darin auch der Grund versteckt, warum es in Deutschland immer weniger Familien gibt?

Das ist kompliziert. Bei den jüngeren gebildeten Frauen ist der Trend der sinkenden Geburtenraten gestoppt. Heute gilt es wieder als schick, Kinder zu haben und das auch zu zeigen. Kinder als Statusgüter, die Kinderlose in die Defensive treiben.

Beschweren die sich deshalb lautstark, dass Schluss sein soll mit dem Kinderglücksterror?

Dieser untergründige wechselseitige Neid nimmt sehr merkwürdige Ausmaße an. Ich kann doch niemandem vorhalten, dass er keine Kinder hat. Schon gar nicht muss ich ihm an den Kopf werfen, dass meine zwei oder mehr Kinder ihre Rente bezahlen werden.

Sie haben eine Tochter. Was geben Sie ihr auf den Weg, damit sie in diesem Dilemma der Wahlfreiheit besser zurechtkommen wird?

Da muss ich kurz überlegen: Welche Fähigkeiten sollte meine Tochter besitzen, um ein gelungenes Leben zu führen? Ich glaube, es sind drei. Erstens sollte sie wichtig von unwichtig unterscheiden können. Zweitens wäre es gut, wenn sie eine Idee von der Ökonomie der Energie hätte. Man kann nicht immer alles zustande bringen. Und drittens würde ich mich freuen, wenn sie ihre Entscheidungen als ihre Entscheidungen begreifen könnte.

Vor anderen oder vor sich selber?

Es reicht nicht, wenn man die Entscheidungen mit sich selbst ausmacht. Man muss sie kommunizieren können. In der alten Sprache der 50er Jahre hätte man das Verantwortung genannt. Verantwortung für Entscheidungen.

Und wenn diese sich als nicht richtig herausstellen sollten?

Dann ist es auch nicht schlimm. Man kann sich ja korrigieren. Aber intelligente Fehler lassen sich nur über die Kommunikation von blöden Fehlern unterscheiden.

Wird sich das in der nächsten Generation ändern?

Die Jüngeren sehen offenbar optimistisch in die Zukunft. Allerdings mit einer bemerkenswerten Schleife: Man ist pessimistisch im Blick aufs Ganze der Gesellschaft, aber optimistisch, was einen selbst angeht. Das ist ein sozialpsychologisch spannendes Paradox. Wogegen und wofür ist man dann?


Zur Person: Heinz Bude ist einer der führenden deutschen Soziologen. Sein Schwerpunkt ist unter anderem die Generationenforschung. Bude promovierte zur Flakhelfer-Generation, habilitierte zur Herkunftsgeschichte der 68er, befasste sich in Büchern mit den „Ausgeschlossenen“ dieser Gesellschaft und der „Bildungspanik“. Aktuell gilt sein Interesse der Generation der Vierzigjährigen, der er in seinem neusten Buch „Gesellschaft der Angst“ den Spiegel vorhält (Hamburger Edition, 168 Seiten, 16 Euro). Er lehrt als Professor an der Universität Kassel Makrosoziologie.


Dieses Interview ist in Nido #2 2015 erschienen. Einzelhefte des Magazins können hier nachbestellt werden.

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