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Familienleben: Lasst sie in Ruhe wachsen

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Viele frühkindliche Fördermaßnahmen und Trainingsprogramme bewirken im besten Fall nichts. Das meiste passiert sowieso von alleine.

Susanne Mierau beschreibt in einem Blogbeitrag über die Geburt ihres dritten Kindes, wie es sich für ein Neugeborenes anfühlen muss, aus dem behaglichen Mutterleib zu kommen. Und welche Herausforderungen die neue Umgebung für das Baby darstellt. Wie es sich an die neue Umgebung gewöhnt und sich langsam weiterentwickelt.

Kinder sind nämlich alles andere als fertig. Viele Funktionen und Features sind anfangs noch nicht vorhanden oder nur rudimentär entwickelt und bilden sich erst im Laufe der Jahre ganz von alleine heraus.

Das ist jetzt natürlich keine sensationelle Neuigkeit, aber viele Eltern (und ich schließe mich da in Teilen nicht aus) vergessen vor allem das „ganz von alleine“ in regelmäßigen Abständen und versuchen Entwicklungen zu beschleunigen, zu optimieren.

Das Kind schläft nach einer Woche noch nicht durch im eigenen Bett? Kein Problem: Jedes Kind kann schlafen lernen. Es kann nach einem Jahr noch nicht laufen? Mit einer LaufstallLauflernhilfe sollte da doch was zu machen sein. Es kann mit 10 Monaten immer noch nicht reden? Macht nix. Es gibt ja den Babyzeichensprachekurs.

Die anderen Kinder im gleichen Alter sind doch schon viel weiter. Immer kann einer schon mehr, als das eigene Kind. Und so ist man als Eltern im ständigen Wettbewerb mit anderen Eltern und ihren Kindern. Die Mittel in diesem Kampf sind gutgemeinte Ratschläge von Großeltern, windige Ratgeberliteratur, die alle paar Jahre neue, teils widersprüchliche, Erkenntnisse präsentiert und ausgeklügelte Belohnungssysteme (nur noch 5 Durchschlafstempel und dann gibt’s Schokoladeneis).

Dabei gibt es dafür eigentlich gar keinen Grund. Zum einen erzählen die anderen Eltern natürlich viel lieber und ausführlicher von der einen Nacht, in der das Baby schön lang geschlafen hat. Die anderen Nächte, in denen alle zwei Stunden Alarm ist, werden lieber verschwiegen. Und zum anderen passieren die meisten Entwicklungsschritte einfach irgendwann von selbst.

Ich habe meinen Sohn fast ein Jahr lang zugetextet, ob er nicht doch mal langsam alleine aufs Klo gehen will. Ihn „zum Testen“ drauf gesetzt, ihm Belohnungen versprochen. Hat alles nichts gebracht und kurz vor seinem vierten Geburtstag hat er einfach selbstbestimmt irgendwann alleine gekackt. Bei seiner kleinen Schwester ist das alles schon im Alter von 2,5 Jahren passiert.

Was uns zur zweiten Binsenweisheit in diesem Text führt: jedes Kind ist eben unterschiedlich und entwickelt sich auch so. Gutgemeinte Hilfsprogramme und Entwicklungsbeschleuniger bringen meistens wenig. Nur Stress und Druck für das Kind und die Eltern. Die gesparte Energie steckt man lieber in Zuneigung und Dasein. Das hilft den Kindern meistens viel mehr.

Natürlich kann es sinnvoll sein, das eigene Kind fördernd bei einem bestimmen Entwicklungsprozess zu unterstützten. Aber man sollte sich immer überlegen, warum man das macht und ob es in ein paar Monaten nicht von alleine klappt.

Mein Sohn ist jetzt in der 2. Klasse und er hat gerade überhaupt keine Lust auf Lesen, während ein Mitschüler natürlich schon die ersten zwei Harry Potter-Bände durchgelesen hat. Ich bleibe entspannt und bereite zur Sicherheit aber schon mal das nächste Fleißpunkte-Bonussystem vor.