HOME
Interview

Wunde, rote oder blutige Brustwarzen : Probleme beim Stillen: "Die Verzweiflung ist oft sehr groß"

Was tun, wenn's beim Stillen nicht so klappt, wie es sollte? Im Interview mit NIDO gibt eine Stillberaterin Tipps für ein angenehmes Stillen und sagt, dass es okay ist, mit dem Stillen aufzuhören.

Stillhütchen sind nur bedingt eine Alternative eine Hilfe, sagt Beraterin Anna Hofer

Stillhütchen sind nur bedingt eine Alternative eine Hilfe, sagt Beraterin Anna Hofer

Wunde, rote oder oder gar blutige Brustwarzen - diese und andere Probleme beim Stillen sind vielen Müttern nicht fremd. Frustration ist häufig die Folge. Im Interview mit Anna Hofer, selbstständige psychologische Beraterin und Stillberaterin für Köln und Umgebung, gibt es ganz konkrete Tipps für Mütter, die unter Schmerzen stillen.

NIDO: Stillen kann am Anfang wehtun. Wie sind denn Ihre Erfahrungen aus der Praxis? Haben mehr Frauen in den ersten Tagen oder nicht?

Anna Hofer: Das Thema wunder beziehungsweise schmerzender ist ein immer wiederkehrendes in meinen Beratungen. Oft unmittelbar nach der Geburt, nach dem Milcheinschuss. Oft beißen diese Frauen aber auch die Zähne zusammen und kämpfen viele Wochen mit dem Schmerz, ehe sie sich an eine Stillberaterin wenden. Die Verzweiflung ist dann oft sehr groß, ebenso der Wunsch nach einer schnellen Lösung.

Woran liegt es, dass manche Frauen in den ersten Tagen Schmerzen haben und andere nicht? Ist es schlicht die Gewöhnung und Veranlagung? Oder und Pech?


Der Anteil der Frauen, die aus physiologischen Gründen nicht stillen können, ist sehr gering. Trotzdem ist die Rate der Frauen, die in den ersten drei Monaten abstillen, sehr hoch. Tatsächlich sind es oftmals mehrere Faktoren, die für Schmerzen beim Stillen verantwortlich sind. Zum einen werden Frauen nicht immer gut auf das Stillen vorbereitet, insbesondere auf die körperliche Veränderung. Viele Frauen beschreiben mir in den Beratungen die Zeit unmittelbar nach der Geburt als Sprung ins kalte Wasser: Schwimm oder geh unter. Aufgrund der eklatanten Entwicklung der Betreuung durch Hebammen in den Kliniken, wie auch im Wochenbett, erfahren diese immer häufiger eine unzureichende Begleitung und Zuspruch.

Viele fragen sich: Ist das normal?

Und sie fragen sich: Ist das, was da geschieht noch normal? Mache ich etwas falsch und wenn ja, was? Was kann ich ändern? Und wen kann ich um Rat fragen? Und dies alles geschieht zu einer Zeit des Ankommens im Elternsein, des Kennenlernens des eigenen Babys, der Erholung. Und wenn dann das Anlegen nicht optimal geschieht, das zu selten gestillt wird, die Mutter aus diesem Stressgewitter nicht rauskommt, kann es zu Schmerzen und wunden Brustwarzen kommen.

Eine Frau schrieb mir, ihr wurde geraten, ihre Brustwarzen im Vorfeld mit einem Spülschwamm abzuhärten. Wir hofften beide, es sei ein Scherz. Aber ist es generell eine gute Idee, die Brustwarzen aufs Stillen vorzubereiten? Und wenn ja, wie geht das konkret?

Die beste Vorbereitung ist die, sich bewusst zu machen, wie Stillen eigentlich funktioniert. Wenn wir die Zusammenhänge begreifen, wird das was wir tun und wie wir es tun, selbstverständlicher. Wenn wir in der Lage sind, auf die frühen Hungerzeichen unserer Babys zu achten, können wir uns in Ruhe in unsere Stillposition begeben. Ein weinendes Baby hat Stress und verursacht bei uns Stress. Das ist von der Natur so gewollt, hat aber beim Stillen oft den Effekt, dass wir uns beeilen, das Kind anzulegen und uns keine Zeit nehmen, Stillposition oder die Anlegeposition achtsam zu wählen.

Das Baby ist da, das Stillen tut weh, die Brustwarzen sind wund und rot, vielleicht sogar blutig. Und nun?

Ich kann hier an dieser Stelle keine allgemein gültigen Tipps geben. Und bei einem solchen Fall, würde ich diese Mutter auch bitten, zur Wundbehandlung ins Krankenhaus zu gehen oder ihren Frauenarzt aufzusuchen.

"Wichtig ist die Ursache für die Schmerzen zu kennen"

Mütter wünschen sich, ihre Kinder zu stillen und dann klappt es kaum, weil sie vor lauter Schmerzen Angst vor dem nächsten Anlegen haben. Wie kann diese Situation entspannt werden?

Es herrschen in solchen Momenten ein unglaublicher Leidensdruck und eine hohe Frustration. Reden lassen und Zuhören helfen im ersten Moment sehr. Man schaut gemeinsam, ob eine Brust weniger schmerzbelastet ist und ggf. zweimal hintereinander zum Stillen angeboten werden kann. Oft bitte ich die Mütter, ihr Baby etwas eher als sonst zum Stillen abzuholen, damit es entspannter trinkt. Wir üben neue Stillpositionen und auch da ist es von Vorteil, wenn das Baby Appetit und keinen Hunger hat. So kann man die Stillposition ggf. noch einmal korrigieren, bevor das Baby ungeduldig wird.


Was halten Sie von Stillhütchen?

Wie alle Stillhilfsmittel sind es eben nur Hilfsmittel. Eine gewisse Zeit, kann ein Stillhütchen im Fall von wunden Brustwarzen eine gute Lösung sein. Aber es ist wichtig, die Ursache für die Schmerzen zu kennen und nicht nur die Symptome zu behandeln.

Was können Frauen noch machen, um das anfängliche Stillen zu erleichtern?

Besucht in der Schwangerschaft eine Stillgruppe. Hört euch an, was diese Mütter erzählen! Ihre Erfahrungen sind ein wirklicher Schatz. Sprecht mit eurer Hebamme oder mit einer Stillberaterin und fragt sie Löcher in den Bauch! Und wenn euer Baby geboren ist: Hört auf die Signale Eures Körpers! Schmerzen sind Schmerzen und sollten als solche auch ernst genommen werden. Lasst Euch nicht mit den Worten "Das ist am Anfang nun mal so!" abspeisen. Holt Euch eine zweite Meinung.

Jede Mutter muss entscheiden, ob sie weiter stillen will

Was kann sonst noch helfen, wenn es so weh tut, dass Frauen aufgeben wollen? Der Gedanke an Freundinnen, die vollkommen ruhig stillen? Eine Monatsanzahl, die Frau "durchhalten" will?

Von Durchhalteparolen halte ich persönlich wenig. Ich möchte vielmehr die Entscheidung unterstützen. Sowohl die, weiterzustillen als auch die, aufzuhören. Denn nur wenn wir das Gefühl haben, diese Entscheidung selbst getroffen zu haben, können wir gut mit ihr leben.

Ab wann ist es nicht mehr der "Anfangsschmerz", in dem sich die Brustwarzen auf die neue Saugbewegung einstellen müssen, sondern stattdessen etwas, auf das eine Stillberaterin mal draufschauen muss.

Ich bin immer für ein Vier-Augen-Prinzip. Manchmal haben wir einfach einen Tunnelblick und erfassen nicht alles, was diese Mutter gerade betrifft. Die weitere Meinung einer Stillberaterin kann immer von Vorteil sein und ist nicht an ein zeitliches Fenster gebunden. Ich rate eher: Wartet nicht zu lange, fragen kostet nichts und wenn mehrere Personen eine einhellige Meinung zu einem Befund haben, schafft auch dies Sicherheit und Ruhe. Und das ist es, was unsere Mütter doch brauchen.

Wie finde ich eine gute Stillberaterin?

Viele Stillberaterinnen haben eine eigene Website und sind über Google gut zu finden. Mein Ausbildungsinstitut DAIS (Deutsches Ausbildungsinstitut für Stillbegleitung) hat alle ausgebildeten Stillberaterinnen auf ihrer Website gelistet, ebenso der Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen. Die Kolleginnen vom AFS (Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen) und der LLL (La Leche Liga) verfügen über ein weitreichendes Netz ehrenamtlicher Stillberaterinnen, die ihre Beratungen in Stilltreffs, via Telefon und/oder Email anbieten.


Nido-Logo Das könnte Sie auch interessieren