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Ausgabe 04/2016: Zwillinge, Zwillinge, überall!

In einem Dorf in Indien werden auffallend viele Zwillinge geboren – und keiner weiß warum. Um das Rätsel zu lösen, haben wir eine Autorin dorthin geschickt, die uns dafür ganz besonders geeignet scheint: Sie ist selbst als Drilling auf die Welt gekommen.

„Manchmal passiert es, dass der Lehrer uns mit dem falschen Namen anspricht. Aber nicht sehr oft. Nur unsere Großmutter verwechselt uns immer. Aber das macht auch nichts.“ Abhishek und Arjun (rechts), 7 Jahre

Fotos: Claudius Schulze

Ende Januar sitze ich vierzehn Flugstunden von Hamburg entfernt auf einer Terrasse im Schatten der indischen Nachmittagssonne und fühle mich ein wenig wie ein Staatsgast. Es werden getrocknete Datteln auf kleinen Porzellantellern gereicht, köstliche, mit Schokolade überzogene Kekse und würzige Gebäckkringel. Es ist sommerlich warm an diesem späten Nachmittag, aber nicht zu heiß, in der Ferne schaue ich auf Palmen, die in den blauen Himmel wachsen.

Die Idee mit Indien entstand in einer Redaktionskonferenz ein paar Wochen vor Weihnachten. Eine Kollegin hatte von einem Ort mit fast 200 Zwillingspaaren gelesen. Es klang so verrückt, dass ich es kaum glauben konnte. Dem Land Indien, in dem manchmal Kühe wertvoller sind als Menschen, traue ich so gut wie alles zu. Aber ein ganzes Dorf voller Zwillinge?

„Wir sind eigentlich immer zusammen. Wenn unsere Frauen sich später gut verstehen, könnten wir auch nach der Hochzeit noch zusammenwohnen.“ Shakkir und Jabir (rechts), 21 Jahre

„Wir haben alle Spielsachen zweimal, damit wir uns nicht so oft streiten.“ Hida und Hiba (rechts), 3 Jahre

Mit Mehrlingsgeburten kenne ich mich ganz gut aus. Ich bin selber ein Drilling. Meine Schwester und meinen Bruder holten die Ärzte per Kaiserschnitt jeweils eine Minute und zwei Minuten vor mir aus dem Bauch meiner Mutter. Im Laufe meines Lebens musste ich immer wieder sehr viele Fragen beantworten: Wie wir aussehen, ob wir eineiig, zweieiig oder dreieiig sind und ob wir untereinander konkurrieren. Als Kind waren mir diese Fragen oft unangenehm. Für mich war das ja alles ganz normal. Ich habe keine Ahnung, wie es ist, ohne gleichaltrige Geschwister aufzuwachsen. Damals habe ich mir manchmal gewünscht, dass meine Geschwister und ich keine Ausnahme wären, sondern die Regel, dass es normal wäre, dass immer alles doppelt und dreifach gekauft wird und dass man seine Mutter nie für sich allein hat. Ich träumte von einem Ort voller Zwillinge oder Drillinge. Nach Indien zu reisen, fand ich deshalb keine schlechte Idee.

„Es ist wundervoll, dass Sie hier sind, herzlich willkommen“, ein Mann in einem hellen Leinenhemd drückt mir sanft die Hand. Wenn wir etwas über die Zwillinge wissen wollten, sollten wir das Haus von Bhaskaran aufsuchen, hatte man uns im Dorf gesagt. Bhaskaran trägt einen ordentlich gestutzten Schnurrbart und Nickelbrille. Er lässt sich auf einem Holzstuhl nieder und legt mit einer eleganten Langsamkeit seine Beine übereinander. Er reicht mir eine Porzellantasse mit milchig-süßem Chaitee. „Alle kommen wegen der Zwillinge“, sagt er.

„Ich liebe den Style meines Bruders. Besonders seine Brille, die ist cool. Ich hätte auch gerne eine, aber meine Augen sind zu gut.“ Ajsar und Abshar (rechts), 11 Jahre

Es ist meine erste Reise nach Indien. Ich kannte Bilder von Goa, barfüßige Althippies mit Flechtzöpfen, von ehrfürchtigen Tempelanlagen, die so groß waren, dass sie kaum auf die Urlaubsfotos meiner Freunde passten, und natürlich auch die Geschichten aus den Metropolen wie Mumbai und Neu Delhi, in denen Indien als die neue Wirtschaftsmacht gepriesen wird. Hier in Kodinhi, im Süden von Indien, im Bundesstaat Kerala, spüre ich von all dem nichts. Es gibt ziemlich viele Kokosnusspalmen und Bananenstauden und endlos weite, unfassbar grüne Reisfelder, die ich begeistert fotografiere, aber die im Grunde für diesen Erdteil nun wirklich nichts Besonderes sind. Viele Ausländer verirrten sich nicht hierher – bis man die Zwillinge entdeckte.

Bhaskaran deutet auf einen Stapel von Magazinen und Tageszeitungen. Man sieht es ihnen an, dass sie schon durch sehr viele Hände gewandert sind. Viele Seiten sind fleckig und abgegriffen. „Uns war gar nicht bewusst, dass Zwillinge einen solchen Nachrichtenwert haben“, sagt er. Seine weißen Zähne blitzen. Ihm scheint das ganz gut zu gefallen. Meine Mutter wusste das vermutlich auch nicht – bis sie von einem Fotografen in der Fußgängerzone angesprochen wurde. Das Bild von uns Dreien in einem übergroßen Kinderwagen schaffte es auf die erste Seite der Lokalzeitung in Hagen. Heute klebt es bei mir im Fotoalbum.

Bhaskaran nimmt seinen Job ernst: Er ist der Präsident der Twins and Kin

„Es gibt kein Haus in ganz Kerala, in dem schon so viele Fremde waren“, sagt Bhaskaran, „die Zwillinge haben uns berühmt gemacht.“ Er strahlt über das ganze Gesicht. Die Zwillinge sind für ihn, ohne Übertreibung kann man das so schreiben, das Tor zur Welt. Ich stelle sie mir vor, die japanischen Wissenschaftler, die chilenischen Touristen und die amerikanischen Journalisten – wie sie alle mit Bhaskaran unter seinem Holzdach hocken, an dem süßen Chai nippen und seinen Erzählungen lauschen. Wie im Jahr 2006 zwei Schülerinnen eher zufällig zwanzig Zwillingspaare an ihrer Schule zählten. Wie diese Meldung es in die Tageszeitung „Mumbai Mirror“ schaffte. Wie er 2008 die Idee hatte, eine Twins and Kin Association zu gründen. „Die ganzen Anfragen aus aller Welt, es wurde einfach zu viel“, sagt er und zieht einen zerfledderten Schnellhefter zwischen den Magazinen hervor. In einer Exceltabelle hat er sorgfältig die Namen und Kontaktdaten der Zwillinge notiert. Es sind 186 Paare.

Er lacht ungläubig, als ich ihm erzähle, dass in Europa immer mehr Zwillinge geboren werden, weil die Frauen später Kinder bekommen und die medizinische Hilfe, zu der sie dann greifen, die Chance auf eine Mehrlingsgeburt erhöht. „Viel Arbeit, alle Hände voll zu tun“, sage ich und denke daran, dass meine Geschwister und ich, als wir laufen lernten, manchmal ein Ledergeschirr trugen. Das Ende der Leine hielt meine Mutter fest in der Hand. Bhaskarans Kopf wiegt hin und her, so wie es Inder oft machen. Als Europäer weiß man oft nicht, ob es ein zustimmendes Ja-Nicken oder ein abwehrendes Nein-Schütteln ist. Er scheint von meinen Erzählungen recht unbeeindruckt. Auch seine Söhne sind Zwillinge. Hier in Kodinhi ist das nun wirklich nichts Besonderes.

„Die Kleider haben wir für eine Hochzeit geschenkt bekommen, aber auch sonst tragen wir fast jeden Tag das Gleiche.“ Rifa und Shifa (rechts), 6 Jahre

Die Stimmung zwischen uns verschlechtert sich schlagartig, als wir nach unserem ersten Besuch bei einem Zwillingspaar nicht bereit sind, ihm tausend Rupien zu bezahlen. Ich muss an das Buch „Der weiße Tiger“ von Aravind Adiga denken. „Jeder kann ein Entrepreneur sein“, schreibt der Inder an einer Stelle. Ich verstehe plötzlich, dass Bhaskarans Begeisterung für die Zwillinge kein selbstloses Interesse war, sondern ein gutes Business.

Ich spreche trotzdem mit ziemlich vielen Zwillingen in dieser Woche. Mit der fast Achtzigjährigen, die ihre Schwester, die mittlerweile in einem anderen Ort wohnt, vermisst, mit der Mutter des jüngsten Paares, die noch keinen Namen tragen, mit den beiden Teenagern, die hoffen, dass sie auch nach der Hochzeit noch zusammenwohnen können. Es ist nicht so, dass man permanent auf Zwillinge stößt, wenn man durch die verzweigten Straßen von Kodinhi läuft. Aber fast jeder, den wir in den zahlreichen Cafés ansprechen, kennt ein Paar. Ich muss sagen, dass ich mich mit einem Zwilling, egal ob in Indien oder in Deutschland, immer sehr verbunden fühle. Wahrscheinlich, weil viele Themen mir vertraut sind. Vielleicht ist es kein Zufall, dass meine beste Freundin ein Zwilling ist.

„Mein Bruder ist oft viel schneller als ich. Ich musste zwei Klassen wiederholen. Aber dafür kann er mir jetzt besser bei den Hausaufgaben helfen.“ Naseem und Nasim (rechts), 15 Jahre

„Wir singen beide. Oft stehen wir auch gemeinsam auf der Bühne. Nur bei Wettbewerben nicht.“ Rafna und Rashna (rechts), 15 Jahre

Auch der Bürgermeister hat uns zu sich eingeladen. Er ist auf die ganze Sache nicht sehr gut zu sprechen. Das mit den Zwillingen, sagt er, sei aus dem Ruder gelaufen. Zum Eklat kam es Ende letzten Jahres. Da wollte eine Fastfoodkette einen Werbespot in Kodinhi drehen. „Die Zwillinge hätten vor laufender Kamera Hamburger essen müssen“, erzählt er. Den Eltern habe man etwas von einem Fernsehbeitrag erzählt. „Es ist wohl auch Geld geflossen“, er flüstert jetzt fast und seine Augen verengen sich. „Alles, so wird gemunkelt, in die Hände des Präsidenten der Zwillingsvereinigung.“ Er werde der Sache nachgehen, sagt er beim Abschied und es klingt wie ein Versprechen.

Bei meinen Gesprächen in dieser Woche werde ich nicht müde, immer wieder nachzubohren, wie man sich diese hohe Anzahl an Zwillingspaaren erklärt. Kodinhi hat 2000 Familien, rund jede zehnte bekommt also zwei Kinder gleichzeitig. Zudem kommen Mehrlingsgeburten in Asien grundsätzlich seltener vor als in Europa. Doch auf meine Fragen ernte ich im besten Fall müdes und oft auch genervtes Schulterzucken. Wir sind bei Weitem nicht die ersten, die diese Frage stellen. Etwas erschöpft sitze ich am Ende der Woche bei Krishnan Sri Biju in der Praxis. Immer wieder war sein Name gefallen als jemand, der die Zwillingsforschung in Kodinhi vorangetrieben hat. Mit seinem zerzausten Haar und dem zerknitterten Karohemd erinnert er mich an einen zerstreuten Professor. Irgendwie macht mir das Hoffnung, dass er das Rätsel lösen wird.

Der Arzt Krishnan Sri Biju ist dem Zwillingsrätsel auf der Spur.

„Sind einfach alle miteinander verwandt?“, frage ich. Es ist das, was mir sofort durch den Kopf ging, als ich in Hamburg das erste Mal von dem Zwillingsdorf hörte: Ich dachte, dass in einer kleinen indischen Stadt vielleicht das Zwillingsgen von Generation zu Generation weitergegeben wird. Doch Biju wiegt den Kopf: „So einfach ist das leider nicht.“ Seine erste Erhebung ergab, dass zahlreiche Zwillingsmütter nicht aus Kodinhi stammten, sie also keine gemeinsamen Gene mit anderen Dorfbewohnern haben. Er scheint meine Enttäuschung zu spüren: „Ich vermute, dass es etwas mit dem Wasser zu tun hat. Vielleicht finden wir dort besonders viele Hormone?“ In diesem Jahr plant er, zusammen mit Kollegen der Universität, die einzelnen Inhaltsstoffe des Trinkwassers zu analysieren. „Und irgendwann entwickeln wir einen Fruchtbarkeitscocktail“, er lacht laut, sogar sein Schnurrbart vibriert. Vielleicht war es ein Scherz, aber irgendwie glaube ich ihm das.


Dieser Text ist in der Ausgabe 04/16 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.