HOME

"Icke muss vor Jericht": Die Tücke liegt im leeren Karton

Der angeklagte Arzt liebte es, im KaDeWe einzukaufen. Doch eines Tages werden ihm seine Pillen-Lieferungen an die Mitarbeiter des Berliner Luxus-Kaufhauses und die leere Schatulle eines Edel-Feuerzeuges zum Verhängnis. Es folgten Hausverbot, Herzinfarkt und eine Anklage wegen Hehlerei.

Von Uta Eisenhardt

Über 30 Jahre lang besuchte Adrian Bijani* regelmäßig das Berliner KaDeWe. Er war Stammkunde am Hummer- und Austernstand und in der Tabakwarenabteilung, wo er kistenweise kubanische Zigarren und regelmäßig auch edle Feuerzeuge kaufte. "Er kannte die Leute und war gern dort - Bijani liebte das KaDeWe!", sagt sein Anwalt.

Jetzt sitzt der 67jährige, pensionierte Urologe im eleganten Nadelstreifenanzug neben seinem Verteidiger. Nein, er mache keine Angaben, sagt der Lebemann mit dem grauen Schnurrbart und lauscht schweigend der verrückten Geschichte eines edlen Feuerzeuges, an dessen Verschwinden er beteiligt gewesen sein soll. Die Staatsanwältin unterstellt ihm Hehlerei: Eine Mitarbeiterin des KaDeWe soll den Luxusartikel gestohlen und dann dem Arzt zu einem günstigeren Preis verkauft haben - aus Gefälligkeit, weil der Arzt sie regelmäßig mit Medikamenten versorgte.

Ein Feuerzeug für 1620 Euro

Die Geschichte des verschwundenen Feuerzeuges beginnt zum Jahreswechsel 2005/2006. Den feierte Bijani mit seinen Freunden in der Lebensmittelabteilung seines Lieblingskaufhauses. Zwei Tage später führten die Mitarbeiter der Tabakwarenabteilung eine Inventur durch. Dabei tauchte eine leere Schatulle mit der Garantiekarte für ein Feuerzeug namens "Diamond Drops" auf. Das ist ein platiniertes, mit 22 Diamanten besetztes Luxusstück im Wert von 1620 Euro. Die französische Firma "S. T. Dupont" hatte es anlässlich eines Firmenjubiläums in einer limitierten Auflage von 1952 Stück auf den Markt gebracht.

Nach dem Fund begann der Leiter der Abteilung Tabakwaren zu rotieren: Hatte vielleicht einer seiner Mitarbeiter das Feuerzeug verkauft, ohne sofort den Chef über dieses freudige Ereignis zu unterrichten? Er befragte alle seine Verkäufer, aber niemand konnte sich an das "Diamond Drops" erinnern. Nur eine Frau blieb für seine Nachfragen unerreichbar: Monika Motzken* war ein Vierteljahr zuvor mit zwei unbezahlten Zigarettenstangen erwischt worden, als sie gerade ihre Arbeitsstätte verlassen wollte. Die langjährige Mitarbeiterin musste ihre Kündigung schreiben. "Aber gerade Frau Motzken hätte mir Bescheid gesagt", sagt der Abteilungsleiter. Warum der Verkauf gleich dem Chef kundgetan werde, will die Richterin von einem Tabakwaren-Mitarbeiter wissen. "Bekommen Sie Provision?" "Nein", antwortet der Zeuge, "aber man ist sehr stolz, wenn man so ein Feuerzeug verkauft hat."

Ohne Karton wäre kein Diebstahl aufgefallen

Ein Warenwirtschaftssystem, anhand dessen man Einkauf und Verkauf hätte vergleichen können, existiert im KaDeWe nicht. "Wäre die leere Schatulle im Mülleimer gelandet, wäre der Diebstahl niemals aufgefallen", sagt der Abteilungsleiter vor Gericht. Um den Diebstahl dennoch zweifelsfrei nachweisen zu können, hätte jede Bon-Rolle kontrolliert werden müssen. So weit gingen die Bemühungen des Zeugen jedoch nicht. Auch ohne aufwändige Bon-Kontrolle stand für ihn fest: Das Feuerzeug war nicht regulär über den Ladentisch gegangen: Keine Meldung, kein Verkauf, lautete die einfache Gleichung des Abteilungsleiters.

Aber wo war nun der Inhalt der Schatulle geblieben? Die Antwort kam ein halbes Jahr später, als Bijanis Lebensgefährtin das Feuerzeug in die Tabakwaren-Abteilung zum Reinigen und Befüllen brachte. Jeglicher Zweifel war ausgeschlossen, die Serien-Nummer des gebrachten war mit der Serien-Nummer des vermissten "Diamond Drops" identisch. Die Mitarbeiter suchten nun nach der leeren Schatulle mit der Garantiekarte. Doch vergeblich blieb das hektische Kramen nach den Beweismitteln, niemand der anwesenden Verkäufer wusste von deren Verbleib. Erst Tage später wurden sie im Keller wieder gefunden. Darum ließ man, ohne sich etwas anmerken zu lassen, die Lebensgefährtin mit dem gereinigten und neu befüllten Feuerzeug wieder gehen.

Hausverbot für den Stammkunden

Nach diesem Vorfall geschah erst einmal monatelang nichts, bis ein dreiviertel Jahr später - im März 2007 - der Doktor persönlich zum Reinigen und Befüllen kam. Inzwischen war man für diesen Fall gewappnet: Griffbereit lag die Schatulle bei den Hausdetektiven. Die baten den Verdächtigen in ihr Büro, wo sie ihn mit den Beweisen konfrontierten. Bijani sagte, er habe das "Diamond Drops" für 1400 Euro bei Frau Motzken im KaDeWe erworben - die beiden Detektive mit dem Vornamen "Udo" erinnern sich unisono an diese Worte. Einen Kontoauszug habe der Arzt nicht beibringen können, er habe in bar bezahlt. Warum er die Garantiekarte nicht mitgenommen habe, bohrten die Udos weiter. Solche Zertifikate seien ihm nicht wichtig, für ihn sei ein Feuerzeug ein Gebrauchsgegenstand, soll der Beschuldigte geantwortet haben. Vorsorglich erteilten die Detektive dem treuen Stammkunden ein Hausverbot. Diese Kränkung traf ihn tief: Zwei Wochen später erlitt Bijani einen Herzinfarkt. Der zwang ihn, so sein Verteidiger, seine Praxis aufzugeben. Der Angeklagte selbst sieht auf dem Gerichtsflur die Folgen seines Hausverbotes etwas optimistischer: "Ich habe eine Menge Geld gespart."

Da der Urologe keinen Zugang zu den Waren besaß, ist die Version, er habe das Feuerzeug von Frau Motzken zu einem Freundschaftspreis erhalten, nicht von der Hand zu weisen. Doch warum sollte die ehemalige Mitarbeiterin dieses getan haben? Aus Gefälligkeit, davon gehen Kaufhaus-Leitung und Anklage aus. Dr. Bijani habe Motzken regelmäßig, etwa alle drei Wochen, in einem kleinen Plastiktütchen Medikamente über den Ladentisch gereicht. Das habe der Abteilungsleiter angeblich erst nach deren Kündigung erfahren. Auch einer Verkäuferin aus der Lebensmittelabteilung soll der Urologe regelmäßig Tütchen überreicht haben. Die Frau war "ihrem Doktor" so dankbar, dass sie für ihn ein Glas Kaviar im Wert von über 250 Euro entwendete und es ihm durch einen Kollegen überreichen lassen wollte. Zum Pech für die Mitarbeiterin der Lebensmittelabteilung kam dies dem Kollegen merkwürdig vor. Die Frau musste ebenfalls kündigen.

"Ich habe allen Tabletten mitgebracht"

Die beiden Verkäuferinnen sollen aber nicht die einzigen Medikamenten-Empfängerinnen gewesen sein "Ich habe allen Tabletten mitgebracht", sagt Dr. Bijani in seiner einzigen, kurzen Wortmeldung vor Gericht. Ein Mitarbeiter der Tabakwaren-Abteilung und auch die Kronzeugin Monika Motzken bestätigen das. "Nein, die hat er nicht nur mir mitgebracht, fast alle Kollegen haben von ihm Medikamente bekommen", sagt die ehemalige Mitarbeiterin des Luxus-Kaufhauses, die wegen zwei Stangen Zigaretten ihren Arbeitsplatz verlor und bis heute keine neue Anstellung gefunden hat. Kopfschmerztabletten seien es gewesen, Allergietabletten, auch mal eine Salbe. "Was man so gebraucht hat." Bezahlen musste niemand, erinnert sich Motzken.

Auch sie will das "Diamond Drops" nicht verkauft haben. Doch jeder Mitarbeiter, jede Aushilfe hatte Zugang zu den wertvollen Waren: "Die Feuerzeuge waren überhaupt nicht gesichert. Die standen ganz offen im Regal." Ob sie ein besonderes Verhältnis zu dem Urologen gehabt hätte, will die Richterin wissen. "Wir haben uns gut verstanden, er war mein Kunde." Ob er das diamantbesetzte Stück von ihr günstiger erworben hätte? Bei dieser Frage muss die füllige Frau mit dem blondierten Deckhaar lachen: "Nee, von mir nicht." Ob sie die Verpackung immer mitgegeben hätte? Nein, es habe des öfteren Kunden gegeben, die das nicht wollten, die das Erworbene gleich in die Hosentasche steckten. "Die gingen mit einem 1000-Euro-Feuerzeug um, wie wir mit einem für einen Euro."

Anwalt fordert Freispruch

Für die Staatsanwältin liegen die Parallelen zum versuchten Kaviar-Diebstahl auf der Hand. Motzken bekam Pillen, darum verkaufte sie das Feuerzeug billiger. Der Arzt hätte den Schummel wittern müssen und soll nun eine Geldstrafe von 70 Tagessätzen zahlen. Für den Verteidiger aber ist an diesem Fall noch gar nichts klar: Warum, bitte schön, brachte der Angeklagte das corpus delicti gleich mehrfach zum Befüllen ins KaDeWe, wo man es doch vermissen musste? Er hätte diese Dienstleistung auch in anderen Geschäften bekommen können. Der Anwalt fordert für Bijani den Freispruch.

Die Richterin setzt sich über diese Argumentation großzügig hinweg. Sie hält das wiederholte Befüllen für eine besondere Dreistigkeit des Urologen: "Einmal ist es gut gegangen, dann wähnte er sich sicher." Sie glaubt Bijani seine Version vom 1400-Euro-Kauf. Doch sie versteht nicht, warum er diese Zahlung nicht nachweisen kann und warum er auf die Garantiekarte verzichtete. Darum unterstellt sie dem Sammler edler Feuerzeuge, die wahren Umstände für das vermeintliche Schnäppchen gekannt zu haben. "Wer den Deal mit Bijani gemacht hat, konnte nicht festgestellt werden", sagt die Richterin. "Doch es ist nicht auszuschließen, dass sich die Verkäuferin bemüßigt sah, eine Gegenleistung für die Medikamente zu erbringen." Dann verurteilt sie den Pensionär zu einer Geldstrafe von 2800 Euro (70 Tagessätze). Das Feuerzeug verbleibt in der Asservatenkammer der Justiz.

In Sachen "Diamond Drops" ist wohl kaum das letzte Wort gesprochen. Der Verteidiger kündigte an, wegen eines Verfahrensfehlers in Revision zu gehen: Die Richterin habe vergessen, die Zeugin Monika Motzken über ihr Schweigerecht zu belehren, denn auch die ehemalige Verkäuferin soll bald wegen des gestohlenen Feuerzeuges auf der Anklagebank sitzen. Zum Schluss gibt Bijanis Anwalt den Umstehenden noch einen guten Rat an alle potentiellen KaDeWe-Kunden: "Vergessen Sie dort niemals Ihren Karton!"

* Namen von der Redaktion geändert