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"Schildbürger": Stolze Nachfahren der widerspenstigen Narren

Seltsame Leute waren das im Mittelalter, die Bürger Schildas. Alles, was sie taten, machten sie falsch. So viel Dummheit wurde natürlich bald überall bekannt. Doch die Schildauer können mit dem meist nicht böse gemeinten Spott heute gut leben.

In der Bürgermeisterrunde des Landkreises Torgau-Oschatz muss Martin Böttger des öfteren Spott ertragen - vor allem, wenn in der städtischen Verwaltung etwas schief läuft. Böttger ist Bürgermeister der rund 4000 Einwohner großen Stadt Schildau. Die hat sich seit der Wiedervereinigung selbst zur Metropole der sagenumwobenen Schildbürger gemacht. «Die meisten Schildauer sind inzwischen auch etwas stolz darauf, als Nachfahren der Narren zu gelten», sagt der Bürgermeister. Mit dem meist nicht böse gemeinten Spott könne er gut leben.

Rund 30 Orte im deutschsprachigen Raum wollen Spuren der Schildbürger gefunden haben. Für den Vorsitzenden des Geschichtsvereins im sächsischen Schildau steht aber fest, dass die Bürger des 3000 Einwohner-Städtchens in der Nähe von Torgau die Nachfahren der berühmten Narren sind. «Bis ins 19. Jahrhundert nannte sich Schildau vorrangig Schilda», erläutert Cernik.

Anekdoten als Revanche

Forschungen belegten, dass Johann Friedrich von Schönberg, ein kursächsischer Hofrichter und Amtshauptmann zu Sitzenroda, sich mit dem ersten Schildbürgerbuch überhaupt 1598 an den Bürgern von Schilda rächen wollte. Schönberg habe sich stets über die Selbstüberschätzung und die Widerspenstigkeit der Schildaer geärgert. Um sich zu revanchieren, fasste Schönberg alte Schwänke und Anekdoten zusammen und hängte sie den Schildaern an.

Auch wenn andere Schildbürgerstädte ähnliche Forschungsergebnisse präsentieren, so wie im sächsischen Schildau wird die Tradition der Narren wohl nirgends bewahrt. Da in jedem Narren auch viel Weisheit steckt, wollen die Nachfahren der Schildbürger ihr Erbe touristisch nutzen. So steht die gesamte Stadt im Zeichen der Schildbürger: Da gibt es einen Schildbürgerwanderweg, auf denen Fans der Narren zwölf Anekdoten aus dem berühmten Buch nachempfinden können und eine Schildbürger-Kantate haben sie ebenfalls aufgeführt. Außerdem gehört eine Kinderoper zum Repertoire der Schildbürger.

Das Prunkstück aber ist das in direkter Nähe zum Rathaus gelegene Museum. Dort werden seit 1998 die Streiche der Narren aus dem Ort Schilda nacherzählt. Zu sehen sind Schaufeln, Truhen und Körbe, mit denen die Schildbürger Licht auffangen wollten, um es in ihr dreieckiges Rathaus zu bringen. Beim Bau hatten die Herrschaften die Fenster vergessen. Auch Werkzeuge von Handwerkern werden gezeigt. Schließlich hatten die Schildbürger versucht, Salz anzubauen. Wenn Zucker auf dem Feld wachse, müsse das auch mit Salz möglich sein, dachten sie. Der Acker grünte sogar, allerdings wuchsen nur Brennnesseln.

Museum als kleiner Hoffnungsträger

Rund 10 000 Besucher sind seit der Eröffnung in das Museum gekommen. «Das sind sicherlich mehr, als viele vorher dachten», sagt Bürgermeister Böttger. In einer Region mit einer Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent ist das Museum ein kleiner Hoffnungsträger. «Allerdings ist der Traum, Touristenscharen anzulocken wie in vielen anderen Regionen in Ostdeutschland ziemlich schnell geplatzt», stellt Böttger fest.

Eine neue Gaststätte sei trotz aller Anstrengungen nicht entstanden, aber das Aufleben der Schildbürgerstreiche hat wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit gebracht. Und der Geschichtsverein plant bereits den nächsten Streich: Das Museum soll ein eigenes Archiv bekommen, in dem die wissenschaftliche Forschung rund um die Schildbürger dokumentiert wird.

Erik Nebel / DPA
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