Afghanistan Die Picknick-Patrouille von Chora


Um sechs Uhr morgens verlassen fünf ungepanzerte Geländewagen das Lager der holländischen Armee. Die Routinepatrouille weiß auf ihrem Weg nie, welcher Bauer oder Ziegenhirte nicht doch ein Taliban ist - und im nächsten Moment vielleicht seine Waffe zückt.
Von Carsten Stormer, Uruzgun

Warum schaut der Melonenverkäufer so grimmig? Könnte der Ziegenhirte einer sein? Oder der Typ auf dem Motorrad, mit dem schwarzen Turban und dem langen Bart? Vielleicht hat er eine Kalaschnikow unter seinem Gewand versteckt oder ein Satellitentelefon und verrät die Position der Soldaten.

Es ist nicht leicht, einen Taliban zu erkennen, weil jeder hier in dieser Gegend einer sein könnte. Oder eben auch nicht. Es ist nicht leicht, Taliban als Nachbarn zu haben. Man weiß schließlich nie genau, wo sie sich befinden. Dort drüben, versteckt in einem der Lehmhöfe der Einheimischen? In einer der vielen Höhlen in den Bergen?

Eines weiß man gewiss, sie sind da.

Soldaten legen ihre schusssicheren Westen an

Das Lager der holländischen Armee in Chora sieht aus wie eine mittelalterliche Festung - verbarrikadiert mit Erdwällen und Nato-Draht. Es ist sechs Uhr morgens. Im Osten steigt ein riesiger Feuerball aus dem Staubnebel. Routinepatrouille. Ein Dorf, zehn Kilometer südlich von Chora ist das Ziel. Die Soldaten, drei holländische und dreißig Afghanen, legen ihre schusssicheren Westen an, setzen Helme auf und schieben Magazine in Sturmgewehre. Der Konvoi aus fünf ungepanzerten Geländewagen verlässt das Lager. Es ist heiß, dabei hat der Tag noch gar nicht richtig begonnen. In Schrittgeschwindigkeit bewegen sich die Fahrzeuge durch die engen Gassen der Dörfer.

Außer ein paar grimmig dreinblickender Männer und einigen Kindern ist niemand zu sehen. Die Frauen sind weggesperrt oder gehen nur zum Wasserholen vor die Tür, versteckt unter einer Burka. Staub! Überall Staub. Fein gemahlener Wüstensand, der die Augen verklebt und den Mund austrocknet. Im Wagen herrscht Ausgelassenheit, als wenn man zu einem Picknick fahren würde. Und so nennen die afghanischen Soldaten auch diese Patrouillen: Picknick. Der Lieblingsspruch der Soldaten: "Taliban no problem", dabei streicheln sie Kalaschnikows oder Panzerfäuste.

Mitte zwanzig, schwarzes Gewand, schwarze Turbane

Für die paar Kilometer benötigt der Konvoi fast zwei Stunden. Die Soldaten halten entgegenkommende Fahrzeuge an, durchsuchen Wagen und Insassen nach Waffen und Sprengstoff. Es sind allesamt Männer im gleichen Alter, Mitte zwanzig, schwarzes Gewand, schwarze Turbane. Sie tragen Golduhren und erklären, dass sie zur Arbeit aufs Feld fahren wollen. "Bullshit", sagt Sergeant Baggie, ein holländischer Marine-Infanterist. "Seht euch ihre Hände an. Die sind weich wie ein Babypopo. Und welcher Bauer trägt Golduhren bei der Arbeit? Die verarschen uns!"

Doch sie finden nichts. Hattet ihr unterwegs Probleme mit Taliban, fragt Sergeant Merwais die Männer in Paschtu, der Landessprache. "Nein, natürlich nicht", sagt einer. "Hier ist alles wunderbar ruhig. Keine Probleme". "Bullshit", schimpft ihnen Sergeant Baggie hinterher. Aber was will man machen?

Plantagen sind der perfekte Ort für Überfälle

Die Soldaten haben sich in zwei Gruppen aufgeteilt. Sie schleichen mit entsichertem Maschinengewehr durch Orangenhaine und Mandelplantagen. Immer wieder bleiben sie stehen, sichern die Umgebung, suchen nach Sprengfallen und lauschen auf verdächtige Geräusche. Überall könnten sich Taliban versteckt halten, die Plantagen sind ein idealer Ort für sie, um Patrouillen aus dem Hinterhalt zu beschießen. Ein Soldat schießt ein paar Salven in die Luft, dann ist es wieder ruhig. Keiner weiß, wo sich die Kerle versteckt halten. "Man kann ja nicht jeden Hof durchsuchen", erklärt Sergeant Merwais, ein 26-jähriger Afghane, für den die Taliban "Steinzeit-Islamisten" sind. Ein paar hundert Meter von hier ist Taliban Land. Eine No-Go-Area für Nato- und afghanische Soldaten. Eine unsichtbare Linie liegt dazwischen, die nur dann übertreten wird, wenn die Taliban richtig Ärger machen. Im Klartext: Wenn sie angreifen, wird zurück geschossen. Aber nur dann.

Aus dem Funkgerät krächzen Stimmen, in Paschtu. Die Frequenz der Gotteskrieger, Taliban FM. In irgendeinem Versteck sitzt jemand und beobachtet die Patrouille. Wo? Keine Ahnung. Aber er muss ganz in der Nähe sein. Sergeant Merwais übersetzt: Stimme Eins: "Bruder, sie sind hier." Stimme Zwei: "Bei Allah, kannst Du sie angreifen?" Stimme Eins: "Nein. Ich habe zu wenige Männer. Morgen, wenn sie wiederkommen, werde ich bereit sein." Stimme: Zwei: "In'schallah. Gott sei mit Dir, Bruder."

Wer sich weigert, wird erschossen, verbrannt, geköpft

Ein paar Minuten später ziehen die Soldaten unverrichteter Dinge ab. Das nächste Dorf. Das nächste Feld. Keine Taliban. Die Patrouillen seien wichtig, sagt Sergeant Merwais. "Das afghanische Militär zeigt Präsenz und vermittelt der Bevölkerung Sicherheit. Und wir lassen den Taliban dadurch wenig Spielraum, sich in den Dörfern einzunisten.

Doch dann kommt so ein Moment, der zeigt, wie schwierig ihre Mission ist. Auf einem Feld läuft ihnen ein Bauer entgegen, mit erhobenen Armen. Er sieht nicht so aus, als wäre er ein Selbstmordattentäter. Die Soldaten nehmen ihn dennoch ins Visier, "vorsichtshalber". Der Mann bleibt stehen, ist außer sich. Vor zwei Wochen kamen drei Familienangehörige bei einem Luftangriff der Nato ums Leben. "Warum tut ihr das?", fragt er, "wenn ihr doch für die Afghanen kämpft? Ihr wisst doch, dass die Zivilisten als menschliche Schutzschilde nehmen?" Wer sich weigert, werde erschossen, verbrannt, geköpft. Warum also?

Afghanen und Holländer blicken bedrückt zu Boden. Einer scharrt mit dem Fuß im Staub.

"Das nächste Mal, wenn die Taliban ins Dorf kommen, nimm Deine Familie und flieh in die Berge", rät ihm Sergeant Merwais. Einen besseren Ratschlag könne er ihm leider nicht geben. Halt, kann er doch! "Am besten sag uns gleich, wo sie sich versteckt halten. Dann holen wir sie uns." Dann zieht die Patrouille weiter.


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