Amoklauf in Finnland Matti Saari und der Hass aufs Leben


Er schrieb Gedichte, liebte Horrorvideos und war manchmal etwas einsam. Ganz normal halt, sagen die, die ihn kannten. Jetzt ist Matti Juhani Saari tot und mit ihm acht Schüler und zwei Lehrer. Sie starben, als der 22-Jährige in seiner Berufsschule Amok lief. Ein angekündigter Tod, den die Polizei ignoriert hatte.
Von Manuela Pfohl

Es ist nur Sekundensache. Jukka Forsberg, der als Hausmeister an der Hotelfachschule von Kauhajoki mit einigen Reparaturarbeiten beschäftigt ist, nimmt den Mann kaum wahr, der kurz vor der Mittagspause mit einer Skimaske vermummt in eines der Schulgebäude läuft. Er ahnt nicht, dass der Mann in seiner Tasche eine Waffe, Sprengsätze und verschiedene Chemikalien transportiert. Drinnen herrscht zu diesem Zeitpunkt angespannte Ruhe. Rund 150 Schüler sind im Unterricht. Die elfte Klasse hat gerade Prüfungen. Dann knallen plötzlich Schüsse. Forsberg fürchtet Schreckliches. Er sieht, wie einige Mädchen blutend und schreiend aus dem Haus laufen. Flammen lodern im Treppenhaus. Gas explodiert. Panik bricht aus. Es ist Dienstag. Der Tag, an dem in der finnischen Kleinstadt Kauhajoki acht Schüler und zwei Lehrer sterben, weil Matti Juhani Saari seinen Krieg mit dem Leben führt.

Ein angekündigter Tod

Wahllos hatte der 22-Jährige auf Schüler geschossen, die in einem Kellerraum der Palvelualojen-Oppilaitos-Schule, mit naturwissenschaftlichen Experimenten beschäftigt waren. Er hat das Ganze lange geübt. In einem Video, das er bei YouTube präsentierte, kündigte er das Massaker vor fünf Tagen an. In den Szenen, die inzwischen von der Seite gelöscht sind, ist er zu sehen, irre wie die Typen im Film "Saw" und den anderen Horror-Movies, die er so gern mochte.

Irgendwo in der finnischen Pampa richtet er seine Walther P 22 auf imaginäre Ziele im Nichts. Er dreht sich langsam nach rechts. Teich, Wiese, Schießstand. Peng. "Das ganze Leben ist Krieg und das ganze Leben ist Schmerz und jeder ist bei diesem Krieg allein", schreibt er drei Stunden, bevor er seine Waffe nimmt, sich die Skimütze übers Gesicht zieht und das Feuer auf seine ehemaligen Mitschüler eröffnet. Ein ganz realer Tod für die 18- bis 25-Jährigen- der offenbar hätte verhindert werden können.

Warnung nicht ernst genommen

Finnlands Innenministerin Anne Holmlund jedenfalls erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Sie bestätigte, dass die Beamten die Videos bereits in der vergangenen Woche gesehen haben. Doch sie seien nicht gegen die Gewaltandrohungen des späteren Amokläufers vorgegangen. Zwar hätte ein Polizist am Montag mit Saari gesprochen. Aber er habe danach keinen Grund gesehen, dem Schüler den Waffenschein oder seine Pistole abzunehmen.

Schuldirektor Tapio Varmola versteht die Welt nicht mehr: Vielleicht hätte er seine Schüler und die beiden Kollegen ja schützen können, wenn er von der Massaker-Ankündigung gewusst hätte. Doch die Polizei habe ihn nicht informiert, klagt er in den finnischen Medien.

Als die Polizei am Dienstagabend Saaris Zimmer durchsuchte, fand sie jede Menge Hinweise darauf, dass er schon lange seinen Krieg mit dem Leben führte. Man habe viel Material gefunden, mit dem der Schüler seinen "grenzenlosen Hass auf alle Mitmenschen" zum Ausdruck gebracht habe, gab ein Kripobeamter am Mittwochmorgen im Fernsehen an.

Jetzt sollen bei einer Sondersitzung der Regierung der Amoklauf und das offensichtliche Versagen der Polizei debattiert werden.

In Kauhajoki interessiert es kaum jemanden, dass Ministerpräsident Matti Vanhanen Stunden nach dem Drama eine Initiative zur Verschärfung der Waffengesetze ankündigte und den Mittwoch zum nationalen Tag der Trauer ausrief. Sie fragen sich entsetzt: Wie kann einer von uns überhaupt zu solch einer Tat fähig sein? Matti Juhani Saari, der von sich sagte, dass er "Sex und Bier und Waffen liebt" wird nichts mehr erklären können. Er starb am Dienstagnachmittag um 16.46 Uhr in der Uniklinik von Tampere an einem Kopfschuss, den er sich nach seinem Amoklauf selbst gesetzt hatte.

Verdächtig? Unverdächtig? Normal?

"Er war zwar sehr ruhig und vielleicht auch etwas einsam", erzählt eine Bewohnerin des Studentenwohnheims, in dem auch Saari lebte, einem örtlichen TV-Sender. Nur manchmal, meint ein anderer, sei er aufgefallen. Dann nämlich, wenn er abends Schlagzeug spielte. "Ich glaube", überlegt ein Mädchen, "er hatte keine Freundin." Ist das verdächtig? Unverdächtig? Normal?

Ist es bedenklich, wenn jemand, wie Saari, Rammstein hört und Metallica? Was brachte ihn dazu, in einem Forum Gedichte zu schreiben, wie: "Und plötzlich war es Krieg, und unsere Kinder tot, verbrannt in den Trümmern, die der Krieg zurückgelassen hat" - und was ging in seinem Kopf vor, als er anschließend ein Blutbad unter Jugendlichen anrichtete, die in einem Klassenzimmer saßen und für ihre Zukunft paukten? Welten entfernt von ihm. Gibt es überhaupt eine Erklärung?


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