Badeunfälle Wo der Tod lauert

Im vergangenen Sommer zählte die DLRG noch 227 Badetote; ertrunken in Flüssen, in Seen, im Meer, in Schwimmbädern und in Kanälen. Wenn die Lebensretter mit ihrer Einschätzung Recht behalten, werden 2003 noch mehr Tote zu beklagen sein. Hauptgrund: Leichtsinn.

Wenn die DLRG mit ihrer Einschätzung Recht behält, werden in der Sommerhitze dieses Jahres mehr Menschen denn je bei Badeunfällen ums Leben kommen. Bis zu 700 Personen werden nach den Worten des Präsidenten der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, Klaus Wilkens, am Ende des Jahres ertrunken sein, und nach Ansicht von Experten könnten die meisten von ihnen noch leben, wären nicht sträflicher Leichtsinn und Alkohol im Spiel.

Kreislaufkollaps nach Kälteschock

Der Mann hat viel Bier getrunken und am namenlosen Baggersee stundenlang in der Sonne gelegen. Halb dösend lässt er sich ins Wasser gleiten, das tief und kalt ist an dieser Stelle. Der Kliniker beschreibt das folgende Geschehen emotionslos: Durch den Schock der plötzlichen Immersion (Eintauchen) kollabiert der Kreislauf, es kommt zu einer maximalen Einatmung, die Glieder sind wie gelähmt. Nach dem Untertauchen hält der Ertrinkende unbewusst minutenlang der Atem an. Es folgt krampfartiges Luftholen unter Wasser, Wasser dringt in die Lunge. Bronchiensekrete und eingedrungene Flüssigkeit vermischen sich zum so genannten Schaumpilz. Nach letzten krampfartigen Atemversuchen tritt der Tod durch Ersticken ein.

2002, ebenfalls ein Jahr mit schönem Sommer, ertranken in Deutschland übers Jahr 598 Menschen, zwei Jahre zuvor waren es "nur" 429. Lebensversicherer, die jeden Unglücksfall penibel untersuchen, nennen als Hauptursache für den Badetod Selbstüberschätzung. "Egal ob Schwimmbad oder Badesee - nach neuesten Untersuchungen könnten vier von fünf der Ertrunkenen noch leben, wenn sie nur etwas vorsichtiger gewesen wären", sagt Sicherheitsfachfrau Rita Jakli vom R+V-Konzern.

"Viel Leichtsinn im Spiel"

Im vergangenen Jahr zählte die DLRG 227 Badetote in Flüssen, 176 in Seen, 30 im Meer, jeweils 17 in Schwimmbädern und privaten Pools sowie 52 in Häfen und Kanälen. "Da war viel Leichtsinn im Spiel", sagt der auf Fehmarn stationierte DLRG-Einsatzleiter Küste, Dietmar Frohberg. "Die Menschen kühlen sich einfach nicht langsam ab, bevor sie ins Wasser gehen. Die plötzliche Umstellung überfordert den Körper." DLRG-Bundessprecher Martin Janssen befürchtet, dass die Zahl der Toten in diesem Jahr noch ansteigen wird: "Je schöner der Sommer ist, desto höher ist in aller Regel die Zahl der Ertrinkungsfälle."

Beispiel Nordrhein-Westfalen: Laut Wasserschutzpolizei kamen bis Anfang August 16 Menschen ums Leben, davon neun im Rhein und sieben in den Kanälen. Das bedeutet eine Verdoppelung gegenüber den vergangenen Jahren. "Das haben wir so noch nicht erlebt", sagt Sprecher Bernd Girke vom Wasserschutzrevier Duisburg.

Und besonders tragisch ist es, wenn Kinder sterben. 2002 ertranken in Deutschland 45 Jungen und Mädchen unter fünf Jahren. Sie könnten noch leben, hätten die Eltern besser aufgepasst. "Beim Baden mit Verwandten plötzlich verschwunden, konnte später nur noch tot geborgen werden - Umstände unbekannt", heißt es lapidar im DLRG-Bericht über den Tod einer Dreijährigen in Lahr. "Man darf die Kleinen auch an seichten Gewässern nicht aus den Augen verlieren", mahnt Janssen.

Fünf Zentimeter Wasserhöhe reichen zum Ertrinken

Auch für Erwachsene reicht eine Wasserhöhe von fünf Zentimetern aus, um den Ertrinkungstod zu sterben. Bis zum Juni dieses Jahres kamen laut DLRG über die Badeunfälle hinaus 54 Menschen in Wassergräben, Regentonnen, in Pfützen oder nassen Wiesen und Mooren ums Leben. In den meisten Fällen stellten die Gerichtsmediziner einen hohen Blutalkoholgehalt fest.

Anselm Bengeser

Mehr zum Thema

Newsticker