HOME

Eine Polizistenfrau schlägt Alarm: "Manchmal wünschte ich, er wäre nie Polizist geworden"

"Mein Mann ist Streifenpolizist. Ich kenne Hämatone an allen Stellen seines Körpers." Die Berlinerin Sabrina R. hat ein aufrüttelndes Buch geschrieben. Sie beschreibt, was der Beruf Polizisten und ihren Familien abverlangt. 


Nicht nur wie hier am 1. Mai in Berlin sind Polizisten Angriffen ausgesetzt

Nicht nur wie hier am 1. Mai in Berlin sind Polizisten Angriffen ausgesetzt

DPA

Sabrina R. sitzt in ihrer Dachgeschosswohnung in Berlin auf dem Sofa. Sie ist hochschwanger, erwartet gerade ihr zweites Kind. Sie hat ein Buch geschrieben, das in wenigen Tagen bei Rowohlt erscheint. Der Titel: "Manchmal wünschte ich, er wäre nie Polizist geworden." 

Sabrina R. heißt nicht wirklich so. Sie will nicht, dass ihr richtiger Name veröffentlicht wird. "Früher habe ich stolz erzählt, dass mein Polizist ist. Heute halte ich lieber den Mund", sagt sie bitter. "'Dein Mann ist Bulle?! Das geht ja gar nicht', habe ich mir schon anhören müssen. Als wenn mein Mann, nur weil er Polizist ist, AfD wählen würde."

100 Überstunden kann er nicht abbummeln

An der Wand hängt ein Foto. Es zeigt ihren Mann in Uniform, kurz nachdem er seinen Diensteid auf das Grundgesetz geschworen hatte. Stolz strahlt aus seinen Augen. Inzwischen habe ihr Mann dunkle Augenringe. "Er ist gefühlt nie zu Hause. Gerade arbeitet er seit elf Tagen durch. Sein Rekord liegt bei einer 15-Stunden-Schicht." Um die 100 Überstunden habe ihr Mann angesammelt. "Und er weiß nicht, wann er die abbummeln soll. Immer fehlt Personal, so dass er einfach nicht frei machen kann."

Unter dem Dauereinsatz ihres Mannes leide alles: die Familie, Freundschaften und auch die Gesundheit. "Wir haben ein kleines Kind, aber ich bin praktisch allein erziehend." Weil auch Sabrina R. arbeitet, sieht sich das Ehepaar manchmal kaum, gibt sich die Klinke in die Hand. "Wir werden unserem Sohn nicht gerecht", sagt sie. Ihre Stimme bricht, einen Moment sieht es so aus, als würde sie anfangen zu weinen. "Mein Sohn sagt oft: 'Papa ist nie da'. Wenn er seinen Vater besonders vermisst, nimmt er sein Kopfkissen, trägt es mit sich herum und riecht dran." Auch der Freundeskreis sei mit den Jahren immer kleiner geworden. "Ständig muss man Verabredungen oder Feiern absagen, weil der Dienst meines Mannes vorgeht." Sabrina R. kennt viele Polizisten, die geschieden oder Single sind. "Der Alltag ist so zermürbend, dass viele Beziehungen zerbrechen."

Und dann ist da noch die Angst, wenn ihr Mann Streife fährt. "Einmal kam er grün und blau im Gesicht von der Nachtschicht. Ein Betrunkener, der festgenommen werden sollte, hat sich so gewehrt, dass es zu einer Rangelei kam. Sie sind über eine sechsspurige Straße gerollt. Ein Lastwagen kam angerast, hätte meinen Mann und den Betrunkenen fast überfahren." Zum Arzt sei ihr Mann nicht gegangen. "Das heilt auch so, hat er gesagt und ist am nächsten Morgen wieder zur Wache." Er überlege ohnehin zwei Mal, bevor er zum Arzt ginge. Berlin hat keine freie Heilfürsorge für Polizisten. Das heißt, der Arztbesuch wird bezuschusst, einen Teil müssen die Polizisten selbst bezahlen oder sich privat versichern. "Wir müssen schon Bares auf dem Konto haben, damit er zum Arzt kann."

"Er ist immer in Gefahr"

2000 Euro bekäme ihr Mann ausgezahlt. "In guten Monaten mit allen Zuschlägen." Klar, sei er als Polizist verbeamtet und unkündbar. "Aber viele vergessen, dass mein Mann nicht am Schreibtisch sitzt. Er ist den ganzen Tag auf der Straße. Immer da, wo der größte Mist passiert. Er ist immer in Gefahr. Hält seinen Kopf hin. Dafür ist das kein gutes Gehalt."

Ende 2016 hatte Sabrina R. die Nase so voll, dass sie einen offenen Brief an den Polizeipräsidenten schrieb. "Die Situation ist eine Zumutung für meine und tausende anderer Familien." Der Polizeipräsident lud Sabrina R. ein. "Es gab ein nettes Gespräch", erinnert sie sich. "Geändert hat sich nichts." Deshalb hat sie jetzt das Buch geschrieben. "Ich will, dass die Leute wissen, was es heißt, Polizist zu sein. Und mit einem Polizisten verheiratet zu sein." Es ist ein aufrüttelnder Report, allen Innenministern wärmstens als Lektüre empfohlen. Der Mann von Sabrina R. will sich nicht äußern. Seine Ehefrau verrät nur soviel: "Polizist ist noch immer sein Traumberuf."

Lesen Sie mehr zum Alttag von Polizisten in Deutschland im aktuellen stern:


tkr
Themen in diesem Artikel