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Polizei in Deutschland: "Man erlebt in diesem Beruf viele schlimme Dinge ..."

Es ist ein Beruf mit extremen Anforderungen: Polizisten sehen Dinge, die Normalbürger nur aus dem Fernsehen kennen. Sie müssen ihre Gefühle in Schach halten. Jeder Handgriff muss rechtens sein. Wie sieht der Alltag von Polizisten heute wirklich aus? Ein Report.

Eine Polizistin steht vor einer offenen Wohnungstür. Mit Gummihandschuhen an den Händen macht sie sich Notizen

Polizistinnen und Polizisten sehen, was die meisten Menschen nur aus dem Fernsehen kennen. Ein Leichenfund in einer Wohnung ist da traurige Routine

stern

Der Einsatz kommt um 17.15 Uhr. Eine Frau vermisst ihren Nachbarn. Seit Tagen hat sie ihn nicht gesehen. Der Mann wohnt alleine und öffnet nicht mal, wenn seine Nachbarin Sturm klingelt. Oberkommissarin Nina Müller, 29, gibt Gas. Neben ihr sitzt Hauptkommissar Nico Jahn, 33, im Streifenwagen. Die Namen der beiden Polizisten sind geändert. Fotografiert werden dürfen sie nur von hinten. Sie fahren Streife  in dem gefährlichsten Bezirk einer der gefährlichsten Städte Deutschlands: Berlin Neukölln. 

In der Hauptstadt ist die Aggression gegenüber Polizisten besonders groß. 20 Polizeibeamte werden hier pro Tag im Schnitt angegriffen. 87 Streifenwagen wurden 2017 attackiert.  Anfang Januar schossen Jugendliche auf einen Streifenwagen in Neukölln. Sie trafen ein parkendes Auto, das in Flammen aufging. Und es gab auch schon Tote:  2006 wurde der Streifenpolizist Uwe Liebsch in Neukölln auf offener Straße von einem Räuber erschossen.  "Die Anteilnahme in der Bevölkerung war enorm", erinnert sich Jahn. "Es gab Drogendealer, die ins Kondolenzbuch geschrieben haben. Aber auch Leute, die uns auf der Straße gedroht haben: 'Mal sehen, wer von euch der Nächste ist'". Angst haben die beiden Streifenpolizisten trotzdem nicht. "Man hat Respekt, aber keine Angst", sagt Müller.

Eigentümlicher Geruch im Treppenhaus

Die Nachbarin, eine dicke Frau mit Hund, wartet schon vor dem Haus auf die Polizisten. Die Feuerwehr ist auch angerückt. Ein eigentümlicher Geruch zieht durchs Treppenhaus. Oberkommissarin Müller klingelt. Keine Reaktion. Ein Feuerwehrmann versucht, die Tür mit einem Brecheisen aufzuhebeln. Das Schloss gibt nicht nach. Er nimmt die Ramme. Ein Stoß. Rums. Holz splittert, die Tür springt auf. Eine faulige Wolke wabert aus der Wohnung. Die Polizisten gehen mit den Feuerwehrleuten in die Wohnung. Im Flur brennt Licht. Stimmen sind zu hören. Doch es ist nur der Fernseher im Wohnzimmer.

Der Mann liegt zusammengekrümmt im  Badezimmer auf dem Boden. Er ist tot. Oberkommissarin Müller zückt das Handy, ruft den Bereitschaftsarzt an. Er muss entscheiden, ob der Mann eines natürlichen Todes gestorben ist. Doch der Mediziner hat keine Zeit. Er muss noch drei Leichen ansehen, kann frühestens in drei Stunden kommen. Die Polizistin ruft den Schlüsseldienst. Während sie auf den Monteur warten, inspizieren die beiden Kommissare die Wohnung. Die Rollos sind runtergelassen. Auf den Möbeln liegt der Staub wie ein dichter, grauer Schleier. Gardinen und Wände sind vom Nikotin braun-gelb. Überall liegen Briefumschläge, geöffnet, ungeöffnet. Kissen und Decke auf dem Sofa sind mit Urin durchtränkt.  In der Küche stapelt sich Müll und dreckiges Geschirr. Die Luft steht. Es riecht nach kaltem Rauch, Schweiß, Urin, Schmutz und Leiche.

Polizisten sind abgehärtet

Doch Müller und Jahn scheint das nicht zu stören. Ihre Nasen und Augen sind abgehärtet. "Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele Leichen ich schon gesehen habe", sagt Jahn. Müller nickt. "Und dieser Geruch geht doch noch. Da habe ich schon ganz anderes erlebt." Die Frage nach ihrem schlimmsten Einsatz können die beiden nicht beantworten. "Man erlebt in diesem Beruf so viele schlimme Dinge. Am schlimmsten sind immer noch tote Kinder", sagt Müller, selbst Mutter eines Sohnes.

Auf dem Tisch im Wohnzimmer findet Jahn eine Karte von der Krankenkasse. Das Foto zeigt einen Mann mit weißem Bürstenschnitt und Dreitagebart, der in die Kamera lächelt. Der Polizist schreibt das Geburtsdatum in sein Notizbuch. 61 Jahre alt ist der Mann geworden.

Leichenfund? Nichts Besonderes

Oberkommissarin Müller befragt unterdessen die Nachbarin. "Er hat eine Tochter. Aber die wollte  nichts mit ihrem Vater zu tun haben", erzählt die Frau mit zitternder Stimme. Kurz darauf kommt der Monteur. Mit einer Zange biegt er das Schloss gerade, setzt es wieder ein. "Dieser Einsatz ist nichts Besonderes", sagt Müller, während sie die Tür versiegelt. "Trauriger Alltag in einer Großstadt".

Polizisten sehen Dinge, die Normalbürger nur aus dem Fernsehen kennen. Sie müssen ihre Gefühle in Schach halten, was viele Polizisten nach einer Studie der Universität Göttingen als besonders belastend empfinden.  Die Anforderungen sind extrem. Jeder Handgriff, jede Maßnahme muss rechtens sein. Fast 90 Prozent der Bundesbürger vertraut darauf, dass die Polizei das tut. Polizisten dürfen keine Angst zeigen, selbst wenn sie im Einsatz riskieren, verletzt oder getötet zu werden. "Es ist ein Traumberuf, der zum Alptraum werden kann", sagt ein Polizeibeamter, der nicht genannt werden will. Polizisten sind als Beamte ihrem Dienstherrn zur besonderen Treue verpflichtet. Öffentlich meckern dürfen sie nur als Gewerkschafter.

In Deutschland sind zurzeit so viele Polizisten im Einsatz wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Rund 256.000 Beamte sorgen Tag und Nacht für Sicherheit. Zählt man die Polizeianwärter in der Ausbildung dazu, sind es 275.000. Wie sieht ihr Alltag aus, wollte der stern wissen, begleitete Beamte von Schutzpolizei und Kripo in ganz Deutschland auf dem Revier, im Streifenwagen, in der Einsatzleitstelle und bei der Spurensuche am Tatort.


Den vollständigen Report lesen Sie im neuen stern.



tkr
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