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Bungee-Springen: Wenn das Leben an 1000 Fäden hängt

In Dortmund hat die Suche nach dem Adrenalin-Stoß einem 31-Jährigen aus Mommenheim das Leben gekostet. Bei seinem Sprung von einer Plattform ist das geschehen, was nicht hätte geschehen dürfen: Das Bungee-Seil riss.

Am Bungee-Springen scheiden sich die Geister. Für die einen ist es völlig unvorstellbar, sich an einem Gummiseil von einer Brücke, einem Kran oder einem Turm in die Tiefe zu stürzen, für die anderen ist es der Kick schlechthin. In Dortmund hat die Suche nach dem Adrenalin-Stoß einem 31-Jährigen aus Mommenheim bei Mainz das Leben gekostet. Bei seinem Sprung von der Plattform des "ESPRIT sports Bungee-Sprungzentrum Dortmund" ist das geschehen, was eigentlich nicht hätte passieren dürfen: Das aus 1000 Latex-Fäden zu einem Paket zusammengebundene Bungee-Seil riss. Der TÜV hat dies am Montag bestätigt.

Ermittler und Betreiber suchen nach Erklärung

Noch rätseln die Ermittler und der Betreiber der Anlage, der Eventmanager Jochen Schweizer (Unterhaching/München), wie dies geschehen konnte. Wer sich den zwischen 39 und 159 Euro teuren (fast) freien Fall gönnen will, wird mit Gurtzeug gesichert, das Seil an Fußschlaufen befestigt. Zwei zusätzliche Sicherungsseile werden am Gurtzeug des Springers befestigt. Erst wenn zwei Mitarbeiter des Anlagen-Betreibers die Sprungvorkehrungen überprüft haben, wird die Sicherheitsleine gelöst.

Seit drei Jahren besteht die Sprunganlage auf dem Dortmunder Fernsehturm im Westfalenpark. An der oberen Aussichtsplattform wurde ein Absprungsteg von 14 Metern Länge montiert. Aus 150 Metern Höhe können sich hier im Sommer Wagemutige in die Tiefe stürzen. Er gilt als einer der höchsten Sprungtürme weltweit.

Schweizer betreibt in München eine stationäre Bungee-Anlage, im Hamburger Hafen soll in Kürze eine weitere folgen, zwei Anlagen unterhält er in Österreich. In den Internet-Foren der Bungee-Springer heißt es, in Deutschland gebe es keine weiteren festen Anlagen.

"Erlebnissucht" als Motiv

Aus der Sicht von Psychologen ist es ein ganzes Bündel von Motiven, die Menschen zu dieser extremen Form von Freizeitbeschäftigung treibt. Es reicht vom Ausgleich des im Alltag fehlenden Kicks über Erlebnissucht bis zum Erleben des Fliegens, sagt der Kölner Psychologe und Extremsport-Experte Prof. Henning Allmer.

Über die Gefährlichkeit des Bungee-Springens gibt es keine verlässlichen Daten. Weltweit kommt es immer wieder einmal zu Todesfällen. Dass diese Form der Freizeitbeschäftigung auch ohne das Todes-Risiko nicht ohne ist, belegen Studien des Sportmediziners Albert Fromme (Münster). "Das Blut schießt beim Abbremsen in den Kopf", sagte er der dpa. Dieser Effekt könne die Augen schädigen. Menschen mit Wirbelsäulenproblemen sollten auf den Sprung ebenfalls verzichten. Fromme kommt zu dem Schluss, dass es der künstlich herbeigeführte Stress und dessen Überwindung ist, der den Kitzel ausmacht. "Es ist weniger ein Sport, sondern eher ein Abenteuer", meint der Mediziner.

TÜV Essen: Keine turnusmäßige Überprüfung von Anlagen

Für stationäre Bungee-Anlagen wie in Dortmund gibt es nach Angaben des TÜV in Essen keine turnusmäßig vorgeschriebenen Prüftermine. "Nach der ersten Prüfung nach dem Aufbau ist die Anordnung von weiteren Stichproben Sache des städtischen Bauamtes", erläuterte der TÜV-Sachverständige Michael Krah. Dabei könnten sich die Beamten eines Gutachters bedienen. Vorgeschrieben sei dies jedoch nicht. Demgegenüber würden mobile Bungee-Anlagen bei jedem neuen Aufbau von einem Sachverständigen überprüft.

Bei der Untersuchung wird laut Krah das Sprungseil einer genauen Sichtkontrolle unterzogen. "Dabei wird der Zustand der bis zu 1000 einzelnen Gummilitzen des Seils überprüft." Zum Abschluss werde bei einem Praxistest das maximal zulässige Gewicht an dem Seil befestigt und in die Tiefe geschleudert. Handelsüblich seien Seile bis 80, bis 120 und über 120 Kilogramm.

Rüdiger Ewald / DPA
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