Der Fall Ermyas M. Ein Jahr nach dem Überfall


Ein rassistischer Überfall kurz vor der Fußball-WM in Deutschland: Der Fall des verletzten Ermyas M. schlug letztes Jahr hohe Wellen. Das Urteil dazu wird im Mai erwartet, doch die Beweislage ist ähnlich dürftig wie das Interesse der Bevölkerung.
Von Gerhard Richter

Vor genau einem Jahr wurde der Deutsch-Äthiopier Ermyas M. (38) in Potsdam an einer Straßenbahnhaltestelle lebensgefährlich verletzt. 10 Tage rang er im künstlichen Koma mit dem Tod. Der Mordversuch mit rassistischem Hintergrund - wie es damals hieß - löste eine fiebrige Debatte über Fremdenfeindlichkeit und No-go-Areas aus. Aber die Welle der Empörung hat sich am deutschen Alltag längst totgelaufen.

Steffi M., die Ehefrau von Ermyas, steht hinter einem Tisch auf dem Sportplatz und verteilt Luftballons an müde Jogger. Beim sonntäglichen Volkslauf eines Potsdamer Sportvereins informiert sie über die Aktivitäten von Löwenherz e.V., dem Verein, der sich um ihren Mann Ermyas M. gegründet hat. Erst letzten Sonntag hat der Verein ein Fest auf dem Luisenplatz in Potsdam organisiert, 1000 Gäste feierten unbeschwert unter dem Motto "Bunt tut gut" und erinnerten damit an die Kundgebung vor einem Jahr.

Potsdam atmete auf, als Ermyas M. erwachte

Damals hatten 4000 zutiefst betroffene Menschen - umzingelt von den Übertragungswagen aller deutschen Fernsehsender - "Farbe bekannt" gegen Ausländerfeindlichkeit. Der Fall Ermyas M. war in die Nachrichten der Weltpresse geraten und damit das Problem der Deutschen mit Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Und das ausgerechnet kurz vor der Fußball-WM, zu der tausende Fans "zu Gast bei Freunden" erwartet wurden. Als Ermyas M. nach zehn Tagen aus dem Koma erwachte, atmete auch ganz Potsdam auf. Selten hat eine Stadt so um das Leben eines Menschen gebangt. Nachdem allerdings bekannt wurde, dass Ermyas M. zur Tatzeit betrunken war und selbst provoziert haben könnte, ist die Stimmung teilweise gekippt. "Dem Opfer die Schuld an der Tat zu geben ist ein typischer Reflex," sagt Judith Porath von der Opferperspektive Brandenburg. Tatsächlich sind einige Potsdamer der Meinung, Ermyas M. sei selbst schuld an der Verletzung und manche fordern sogar, er solle die Spenden zurückgeben.

Ermyas M. sammelt Spenden für Afrika

Ermyas M. hat die Tat noch nicht aufgearbeitet. Spuren des Traumas durchziehen seinen Alltag. Er ist nicht voll belastbar, es fehlt ihm an Konzentration und er ist leicht reizbar. Seine Energie richtet er hauptsächlich auf seine Arbeit. Er ist viel unterwegs in diesen Tagen. Zuletzt war er in Berlin, Rostock, Schwerin, Stuttgart, heute ist er in München. Im Zug schreibt er an seinem Notebook Förderanträge und Projektbeschreibungen.

Bundesweit sucht Ermyas M. nach Partnern, technischen Lösungen und Helfern. In dem äthiopischen Dorf Gudalema leben mehr als 3000 Menschen ohne frisches Trinkwasser. Mit einem Teil der Spenden will der Wasserbauingenieur dort 12 Brunnen bohren. Er kennt das unwirtliche Hochland, 250 Kilometer von der Hauptstadt Adis Abeba entfernt. Als junger Student hat er geholfen, mannshohes Gras zu roden und für die ersten Siedler Hütten zu bauen. Vielleicht ist er in Gedanken bei diesen archaischen Bildern, wenn sich die Zeugenbefragungen in seinem Prozess in Details verlieren.

Gericht hat keine Beweise gegen Angeklagte

Was vor einem Jahr eine enorme Diskussions-Welle ausgelöst hatte, verebbt derzeit in einem juristischen Geplätscher vor dem Potsdamer Landgericht. "Ich habe das Gefühl, dass das ganze Verfahren allmählich versandet", sagt Steffi M, die wie ihr Mann Ermyas fast keinen Prozesstag versäumt hat. Regelmäßig Mittwochs und Freitags sieht sich das Ehepaar Mulugeta zwei schweigenden Angeklagten gegenüber. Sowohl der jungenhafte Björn L. (30), wegen seiner hohen Stimme "Pieps" genannt, als auch der phlegmatische Thomas M. (31) bestreiten jede Tatbeteiligung und schweigen.

Bisher war es dem Gericht nicht möglich, ihnen die schwere Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung nachzuweisen. Über 50 Zeugen und Gutachter haben neben einem kaleidoskopisches Bild der Gesellschaft auch widersprüchliche Versionen des Tatablaufs geliefert. Die schlechte Laune von Ermyas M. in der Tatnacht könnte demnach zur Eskalation des Streits beigetragen haben. Er war alkoholisiert und soll nach den Tätern getreten haben.

Mailboxmitschnitt kann Täter nicht überführen

Dabei ist nicht einmal klar, ob die Angeklagten auch die Täter sind. Die DNA-Spur an einer Bierflasche vom Tatort kann nicht eindeutig dem Angeklagten Thomas M. zugewiesen werden. Auch der spektakuläre Mailboxmitschnitt des nächtlichen Streits hat kaum zur Wahrheitsfindung beigetragen. Weil Ermyas M. kurz vor der Tat das Handy seiner Frau angerufen hat, sind die Stimmen der Täter auf der Mailbox festgehalten. Das vermeintlich eindeutige Beweisstück wurde im Prozess zwar ein Dutzend Mal vorgespielt, konnte die Täter bislang aber nicht überführen. Mehrere Zeugen haben versichert, der Angeklagte L. sei zur Tatzeit heiser gewesen und seine hohe Stimme sei nicht identisch mit der auf der Mailbox.

Weil der Angeklagte Björn L. enge Kontakte zur Türsteher-, Rocker- und Zuhälterszene hat, sind wichtige Zeugen vor diesem Bedrohungspotential eingeknickt und haben ihre belastenden Aussagen von damals nun im Zeugenstand relativiert. Zwei Zeugen haben Potsdam verlassen, beziehungsweise halten sich überwiegend im Ausland auf, weil sie aus dem Umfeld der Angeklagten bedroht wurden. Ein dritter Zeuge ging lieber in Beugehaft, als seine belastenden Aussage vor Gericht zu wiederholen. Die Hoffnungen der Anklage ruhen nun auf dem Stimmgutachten. Das soll klären, ob die Stimme auf der Mailbox Björn L. gehört. Die Verteidigung rechnet mit einem milden Urteil oder einem Freispruch. Das Urteil wird Anfang Mai erwartet.


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