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Erzieherin rettet Dreijährigen aus 25-Meter-Schacht: Die Heldin vom Osterwald

Bei einem Waldausflug stürzt ein Dreijähriger in einen 25 Meter tiefen Schacht. Ohne zu zögern, springt seine Erzieherin sofort hinterher. Und wird zur gefeierten Lebensretterin.

Von Malte Arnsperger

Tobias (Name geändert) wird am 12. Juli vier Jahre alt. Es hat nicht viel gefehlt und der kleine Junge hätte diesen Geburtstag nicht mehr erlebt. Dass er sich in zwei Tagen doch über seine Geschenke freuen kann und seine Eltern nicht in tiefe Trauer fallen müssen, hat er seiner Erzieherin Ina K. zu verdanken. Der Knabe fiel bei einem Ausflug seines Kindergartens in einen 25 Meter tiefen, mit Wasser gefüllten ehemaligen Bergwerksschacht. Ina K. sprang ihrem Schützling sofort hinterher und hielt ihn bis zum Eintreffen der anderen Lebensretter über Wasser. Die örtliche "Deister-Weser-Zeitung" feiert den Einsatz als das "Wunder vom Osterwald".

Am Montagmorgen herrscht große Aufregung im evangelischen St. Nicolai-Kindergarten in dem niedersächsischen Örtchen Oldendorf bei Hameln. Die bei den Kindern sehr beliebte "Waldwoche" steht an. Es ist ein bewährtes pädagogisches Konzept, bei dem die Kindergartenkinder seit Jahren fünf Tage lang im nahen Osterwald spielen und ihn zusammen mit ihren Erzieherinnen erkunden. In diesem Jahr machen sich rund 40 Kinder, unter ihnen auch Tobias, mit Ina K. und drei weiteren Erzieherinnen gegen 8.30 Uhr auf den Weg in das wenige Kilometer entfernte Gehölz. In dem Wald angekommen, tollen Tobias und seine Freunde fröhlich zwischen den Bäumen umher. Was sie nicht wissen: Sie spielen auf einem alten Bergwerk, unter ihnen wurde bis in die 50er Jahre Steinkohle abgebaut. Überall in der Gegend gibt es noch Ausgänge von Schächten und Stollen. Die meisten von ihnen sind verfüllt worden. Aber nicht alle.

Gegen 9.45 Uhr klettert Tobias mit einigen Spielkameraden auf einem Stapel abgeholzter Bäume herum. Dann passiert es: Eine Lücke tut sich zwischen den Stämmen auf, Tobias fällt in die Tiefe. Erzieherin Ina K. steht nur wenige Meter entfernt. Sofort bringt die 37-Jährige die anderen Kinder in Sicherheit, alarmiert ihre Kolleginnen und hechtet Tobias hinterher - ohne zu wissen, wie tief es hinabgeht und welche Gefahren auf sie lauern. Um 9.50 Uhr geht bei der Feuerwehr in Oldendorf der Notruf ein. Zunächst ist von einem wenige Meter tiefen Schacht die Rede. Trotzdem rücken die Höhenretter der freiwilligen Wehr aus. Sie sind ausgebildet für Einsätze an Felswänden, denn die nahen Ith-Klippen sind ein beliebtes Ziel für Kletterer. Zum Glück für Tobias und Ina K.

Ina K. krallt sich an der Wand fest

Doch bis die Helfer eintreffen, dauert es noch einige Minuten. In dem stockdunklen Schacht steht das Wasser zu tief, Ina K. kann nicht stehen. Sie krallt sich mit einer Hand an der gemauerten Wand fest, mit der anderen hält sie Tobias. Ihre Kolleginnen haben die anderen Kinder zu einer nahen Hütte gebracht und warten auf die Einsatzkräfte. Diese kommen um 10.03 Uhr an dem Schacht an. Zunächst schätzen sie ihn auf zehn Meter. Sie wollen das Loch ausleuchten, doch dazu ist es zu tief. Ein erster Helfer wird abgeseilt. Er beruhigt die zwei Eingeschlossenen und stellt fest, dass die sich zwar in eiskaltem Wasser befinden, sich aber keine schweren Verletzungen zugezogen haben. Ein zweiter Helfer wird heruntergelassen. Er schnallt sich das Kind mit Gurten um den Bauch und zieht es gegen 10.45 Uhr aus dem Schacht. 14 Minuten später wird auch Ina K. aus ihrer misslichen Lage befreit.

Ulrich Behmann ist Reporter der "Deister-Weser-Zeitung". Er ist vor Ort, als der Junge und die Erzieherin herausgezogen werden. "Ich habe bei ihm nur ein paar Schrammen an der Backe gesehen. Der Junge war ansprechbar und ganz ruhig. Er hat nicht geweint und nicht geschrien. Er war wirklich erstaunlich tapfer." Auch Ina K. habe keine Spur von Panik gezeigt. "Die Kindergartenleiterin hat sie in den Arm genommen. Sie schien wach, orientiert und ruhig. Das war schon fast unwirklich."

Zusammen mit ihrem Schützling wird Ina K. vorsichtshalber ins Krankenhaus gebracht. Dort stellen die Ärzte außer Unterkühlungen und Schrammen keine Verletzungen fest. Chefarzt Philipp von Blanckenburg sagt: "Ohne die Hilfe der Erzieherin wäre der Junge vermutlich ertrunken."

Moderator fordert das Bundesverdienstkreuz

Das ist auch dem Ort Oldendorf und der Kirche klar. "Das geht weit über das hinaus, was man von einer Erzieherin verlangen kann", sagt Ortssprecher Clemens Pommerening. "Sie hatte überhaupt keine Ahnung, wie tief der Schacht tatsächlich ist und hat sich selber in Gefahr gebracht." Sonja Wieland, Pastorin der evangelischen Gemeinde, hat selbst einen Sohn, der den Kindergarten St. Nicolai besucht. Da sie im Urlaub war, fehlte ihr Sohn an diesem Schicksalstag in der Gruppe. Wieland weiß, was die mutige Lebensretterin geleistet hat und ist voll des Lobes für sie. "Toll, einfach nur beeindruckend, wie sie gehandelt hat." Ina K. sei schon seit vielen Jahren in dem Kindergarten angestellt, habe aber bis zum Frühjahr einige Jahre in Elternzeit verbracht. "Sie ist sehr nett und kompetent im Umgang mit den Kindern und hat das Herz am rechten Fleck."

Das hat die Erzieherin eindrucksvoll bewiesen. In den RTL-Nachrichten plädierte Moderator Peter Klöppel deshalb dafür, der Frau das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Vom zuständigen Bundesprädialamt heißt es auf stern.de-Anfrage, "Einzelleistungen" könnten mit dem Orden geehrt werden. Voraussetzung sei, dass sie "gesamtgesellschaftliche Bedeutung" hätten. Zudem habe das Land Niedersachsen eine "Rettungsmedaille" für solche Taten. Doch der Sprecher von Joachim Gauck gibt zu, dass "die geschilderte Leistung der Kindergärtnerin auch die Kolleginnen und Kollegen der Ordenskanzlei und auch mich sehr anrührt".

Ortssprecher Pommerening lacht, als er auf die Forderung nach dem Verdienstkreuz angesprochen wird. "Für solche Fälle haben wir zumindest nichts in der Schublade liegen. Die Gemeinde wird sich sicher etwas einfallen lassen, wie wir der Frau danken können. Aber das wichtigste ist, dass die beiden wohlauf sind."

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