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Fast erblindeter S21-Gegner: "Klar fahre ich Rad - auf dem Tandem"

Ein Wasserwerferstrahl ließ Dietrich Wagner fast völlig erblinden. Drei Jahre nach der S21-Demo sammelt die Polizei Hinweise, dass er besser sehen kann, als er vorgibt. Was der Rentner dazu sagt.

Ein Bild, das die Republik erschütterte: Dietrich Wagner kurz nachdem ein Wasserwerfer ihn getroffen hatte.

Ein Bild, das die Republik erschütterte: Dietrich Wagner kurz nachdem ein Wasserwerfer ihn getroffen hatte.

Dietrich Wagner, 69, gilt als Symbolfigur des Protestes gegen Stuttgart 21. Nun gibt es Gerüchte, dass der Rentner, der damals durch einen Wasserwerferstrahl fast erblindete, wieder Auto fahren könne - von der Polizei in einem Dossier* gesammelt.

Herr Wagner, heute ist der dritte Jahrestag des "Schwarzen Donnerstag". Wie geht es Ihnen?
Es geht. Ich habe manchmal leicht depressive Momente, weil ich merke, wie mein restliches Sehvermögen noch weiter abnimmt.

Vorige Woche gab es Gerüchte, dass Sie angeblich wieder Auto fahren könnten. Und die "Bild"-Zeitung titelte: "Wie blind ist S-21-Opfer Wagner wirklich?"


Diese Behauptungen gibt es schon länger, darüber kann ich nur den Kopf schütteln. Nein, ich fahre nicht!

Die Polizei spricht von mehreren "Hinweisen", die sie bekommen habe, unter anderem will man Sie gesehen haben, wie Sie auf Ihrem Gartengrundstück einen roten Dacia fuhren.

Völliger Unsinn! Durch die Einfahrt meines Gartengrundstücks passt gar kein Auto.

Außerdem würden Sie, so die Informanten der Polizei, auch wieder Fahrrad fahren ...


... das stimmt, aber auf dem Tandem. Ein Freund sitzt vorne, ich hinten. So sieht man uns jede Woche durch Stuttgart radeln.

Und man beobachte ferner, wie Sie durch die Stadt rennen ...


(lacht) Ich bin fast siebzig, aber noch relativ sportlich. Wenn ich mich mit meinem Blindenstock in einer vertrauten Gegend bewege, wo ich jede einzelne Stufe kenne, bin ich nicht langsamer als andere Fußgänger. Ansonsten bewege ich mich in der Öffentlichkeit zügig hinter meiner Lebensgefährtin Erika her. Das irritiert vielleicht einige, die dann meinen, der Mann kann unmöglich fast blind sein.

Ihr Sehvermögen hat sich also nicht gebessert?
Leider nein. Ich war im Dezember 2012 bei Professor Lang am Uniklinikum Ulm zur Begutachtung. Auf dem linken Auge bin ich unverändert blind. Auf dem rechten Auge hat er einen Seh-Rest von fünf Prozent festgestellt, drei Prozent weniger als Ende 2010.

Was kann man mit diesem Sehvermögen noch wahrnehmen?


Ich kann mit Brille ein Autokennzeichen bei normalem Licht auf etwa einen Meter Entfernung entziffern, ich kann auch ein Gesicht auf ein bis anderthalb Meter Entfernung erkennen, aber beides sehr unscharf.

Haben Sie das Gutachten erstellen lassen?


Nein, die Stuttgarter Staatsanwaltschaft – die es seit Januar 2013 vorliegen hat und deshalb genau weiß, wie es um mein Augenlicht steht. Trotzdem hat die Polizei weiter Material über mich gesammelt.

Wie erklären Sie sich das?


Das müssen Sie die Polizei fragen.

Haben Sie noch einen Führerschein?
Die Führerscheinstelle hatte ihn schon vor anderthalb Jahren zurück gefordert. Doch den Brief habe ich damals nicht beantwortet, weil ich mich über den unverschämten bürokratischen Ton geärgert habe. Es war doch ersichtlich, dass ich nicht mehr Auto fahren kann. Darauf kam auch noch eine Mahngebühr von etwa 150 Euro. Meine Lebensgefährtin und ich haben den Führerschein dann persönlich abgeliefert.

Ihnen selbst wurde vorgeworfen, Sie seien so friedlich nicht gewesen. Sie hätten sogar Steine gegen Beamte geworfen. Stimmt das?


Nein, einen Stein gab es nie. Ich habe an jenem Tag ein paar Kastanien geworfen, die uns durch den Strahl der Wasserwerfer vor die Füße geschossen worden waren.

Sind Sie absichtlich in den Strahl des Wasserwerfers hineingelaufen?


Damit hat man mir unterstellt, ich sei selbst schuld an meinem Schicksal. Ich bin in der Tat wenige Schritte auf den Wasserwerfer zugegangen, aber das hatte einen ganz anderen Hintergrund. Ich wedelte mit den Händen, in der Hoffnung, dass die Herren im Wasserwerfer mit ihrem wahnsinnigen Tun aufhören. Ich hatte die Situation falsch eingeschätzt und nicht gedacht, dass man mit gezieltem Wasserdruck blind geschossen werden kann. Ich dachte, da werde ich halt nass.

Inzwischen wurden mehrere Polizeibeamte verurteilt, die am 30. September 2010 im Einsatz waren.


Ja, es gab drei Verurteilungen, aber wir sehen die als Bauernopfer. Die Verantwortlichen waren höchstwahrscheinlich der damalige Ministerpräsident Mappus, Innenminister Rech und der damalige Polizeipräsident. Doch der Beweis ist schwierig, Mappus streitet ab.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Hintergründe des 30. September aufgeklärt werden?


Ich habe Zweifel. Auch Ministerpräsident Kretschmann und sein Innen- und Justizminister zeigen kein erkennbares Interesse an einer Aufarbeitung. Wir haben deshalb einen Verein gegründet, die "Initiative 30.9." Wir wollen vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg klagen. Und wenn es zwanzig Jahre dauern sollte - dieses Verbrechen des Staates, der eine gewalttätige Polizei auf absolut friedliche Bürger jagte, kann in einer Demokratie nicht ungesühnt bleiben.

* Das Gutachten des Augenmediziners Prof. Gerhard Lang vom Uniklinikums Ulm bescheinigt Dietrich Wagner als Folge der Verletzungen eine Sehschärfe von fünf Prozent auf dem rechten Auge (Normalsichtigkeit: 100 Prozent), auf dem linken Auge sei er blind. Er sei, so der Gutachter, damit hochgradig sehbehindert und könne sich nicht mehr selbständig in fremder Umgebung orientieren. Das Gutachten stammt von Januar 2013. Dennoch hatte die Stuttgarter Polizei in den Folgemonaten auch unter Kollegen weiteres Material gesammelt und im Mai 2013 ein Dossier über ihn erstellt. Man habe zwar von dem Gutachten gewusst, das Wagners schlechte Sehfähigkeit belegt, "aber nicht im Detail", so Polizeisprecher Stefan Keilbach. Die gesammelten Beobachtungen hätten sich lediglich auf die Jahre 2011 und 2012 bezogen.

Interview: Ingrid Eißele