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"Umgang wird aggressiver": Angriffe auf Einsatzkräfte: Einem Notarzt platzt der Kragen – hier spricht er über seine Erlebnisse

Notärzte retten Leben. Täglich. Der Dank bleibt ihnen dafür oft verwehrt. Als Einsatzkräfte in der Silvesternacht von Hilfsbedürftigen angegriffen werden, platzt einem Notarzt der Kragen. Er schreibt sich auf Twitter den Frust von der Seele und bewegt damit Tausende. Der stern hat mit ihm gesprochen.

Bei einem Unglück ist der Rettungsdienst zur Stelle. Doch nicht alle Hilfsbedürftigen sind dankbar, manche reagieren aggressiv, vor allem im Rausch. (Symbolbild)

Bei einem Unglück ist der Rettungsdienst zur Stelle. Doch nicht alle Hilfsbedürftigen sind dankbar, manche reagieren aggressiv, vor allem im Rausch. (Symbolbild)

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Während die Mehrheit zum Start ins neue Jahr die Sektkorken knallen lässt, arbeiten andere im Akkord, um in dieser mit Alkohol aufgeladenen Nacht Leben zu retten. Ärzte, Pfleger, Sanitäter, Feuerwehrmänner und Polizisten kämpfen sich an Silvester durch eine der schlimmsten und intensivsten Schichten des ganzen Jahres.

Denn nicht nur gehen Menschen in wohl keiner anderen Nacht leichtsinniger mit Alkohol, Drogen und Feuerwerkskörpern um und bringen sich damit selbst in Lebensgefahr. Manche dieser Patienten zeigen sich auch – oft im Rausch – aggressiv und greifen Einsatzkräfte an. 

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Gewaltausbrüche von Patienten – Alltag im Rettungsdienst?

Einem Notarzt ist genau deswegen auf Twitter der Kragen geplatzt: Als er liest, dass es im Landkreis Kelheim bei einer Silvesterfeier zu einem gewalttätigen Angriff auf ein Notarztfahrzeug kommt, bringt das das Fass zum Überlaufen: "Wir sind die, die euch aus dem Dreck ziehen egal wie besoffen und vollgekotzt ihr seid", beginnt er seinen Thread auf Twitter, der sich innerhalb kürzester Zeit viral verbreitet und tausende Reaktionen hervorruft.

Was war seinem Statement vorausgegangen? Inwiefern gehören Gewaltausbrüche von Patienten zum Alltag eines Notarztes? Und wie kann man damit umgehen, wenn man von denen angegriffen wird, deren Leben man retten will?

Wir haben mit dem Arzt gesprochen, der mit seinem Statement einen schonungslosen Einblick in die alltägliche Arbeit eines Notarztes gegeben hat.

"Wir sind die, denen ihr das Leben verdankt, wenn ihr am eigenen Erbrochenen erstickt"

"Ich muss zugeben, der Ärger hatte sich schon länger angestaut", antwortet der Notarzt, Mitte 30, auf die Anfrage des stern auf Twitter. Aus Gründen des Patientenschutzes und der Schweigepflicht will er anonym bleiben. Er weist seine Tätigkeit im Rettungsdienst mit einer offiziellen Anerkennungsurkunde der Bayerischen Landesärztekammer nach: Als Notarzt tätig ist er seit 2015, im süddeutschen Raum, sowohl auf dem Land, als auch in der Großstadt.

Auf Twitter schreibt er sich an Neujahr, wie er selbst sagt, "relativ spontan" den Frust von der Seele: "Wir sind die, denen ihr das Leben verdankt, wenn ihr am eigenen Gebrochenen erstickt oder euch versehentlich oder absichtlich eine falsche Menge der falschen Drogen eingeschmissen habt", schreibt "Flow", so nennt er sich auf Twitter, in seinem Tweet. "Dass man dafür keine Dankbarkeit bekommt, das sind wir schon gewohnt", heißt es weiter. Doch wenn man als Arzt, Pfleger, Sanitäter oder Feuerwehrmann Angst um seine eigene Gesundheit haben müsse, "nur weil man versucht, euch zu helfen" – dann laufe irgendetwas gewaltig schief.

Der Mitte 30-Jährige, der seit knapp zehn Jahren im Rettungsdienst arbeitet, kennt diese gefährlichen Situationen im Job. Die Polizei habe ihm schon "das eine oder andere Mal im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch gerettet": "Sehr eindrücklich ist mir der Fall einer vermeintlich hilflosen Person in Erinnerung, die wir neben einem brennenden Auto gefunden hatten", erinnert sich "Flow". Zunächst habe der Mann sehr ruhig und kooperativ gewirkt. Ließ sich in den Rettungswagen bringen und untersuchen, als er urplötzlich und ohne Vorwarnung angefangen habe, um sich zu treten und zu schlagen: "Er versuchte gezielt, eine Kollegin mit Faustschlägen zu attackieren." Eine Polizeistreife, die am Einsatzort war, konnte den Angriff schließlich abwehren. Vier Beamte seien nötig gewesen, um den Mann zu überwältigen. "Hätten die Kollegen der Polizei nicht unmittelbar eingegriffen", so der Notarzt, "hätten wir dem Angriff nicht viel entgegenzusetzen gehabt." Glück gehabt. Während der gewalttätige Mann nach seinem Ausbruch weiter auf die Hilfe der Ärzte angewiesen ist.

Gaffer, Sensationslust, Gewaltandrohungen

Vielleicht nur ein Einzelfall. Und doch einer der Einzelfälle, die die Mehrheit der Notärzte schon erlebt haben dürfte. "Flow" schreibt auf Twitter, er habe das Gefühl, dass das Klima in der Gesellschaft "von Jahr zu Jahr unmenschlicher und gewalttätiger" werde.

Die Menschen respektierten sich weniger, würden weniger aufeinander achten. Er habe oft erlebt, wie Hilfsbedürftige ignoriert oder gar verspottet werden, oder Gaffer aus Sensationslust schwer erkrankte, Verletzte oder Tote filmen und fotografieren. "Der Umgang wird aggressiver, was Beschimpfungen oder Gewaltandrohungen angeht", schildert der Notarzt seine Erfahrungen: "Vielleicht ein Spiegel der Gesellschaft." 

Als Notarzt muss er für sich Wege finden, mit diesen frustrierenden Situationen umzugehen. Viele Menschen ließen sich auch beruhigen, nicht immer eskaliere die Lage. Und wenn doch? "Im Nachhinein denke ich, dass man sich solche Ereignisse nicht zu sehr zu Herzen nehmen darf", sagt der Notarzt. "Man kann sein Bestes versuchen und darf Frust und Groll nicht zu sehr in sich hineinfressen." 

"Kleine Gesten zeigen, dass unsere Arbeit noch geschätzt wird"

Motivation für seinen Job findet er in den kleinen Gesten, die ihn immer wieder antreiben. Kleine Gesten wie die des Personals seines Lieblings-Restaurants: "Da die Jungs wissen, dass wir im Rettungsdienst permanent auf dem Sprung sind und jede Sekunde zu einem Einsatz alarmiert werden können, wird unsere Bestellung unmittelbar und in Rekordtempo abgearbeitet", erzählt der Notarzt aus Bayern. Damit die Chance höher sei, das Essen noch mitnehmen zu können. Sitzen käme sowieso nie in Frage.

Und was hilft nach einer der härtesten Schichten, nach Silvester? "Als kleines Neujahrsgeschenk und für den harten Einsatz für die Patienten gab es gestern für alle eine wunderbare Nachspeise aufs Haus. Auch wenn es nur Kleinigkeiten sind, zeigt das, dass unsere Arbeit in der Gesellschaft wohl immer noch hoch geschätzt wird" – und das verleihe einem das Gefühl, letztlich doch "das Richtige" zu tun. 

Quellen: "Twitter"/@Caethan13, "Mittelbayerische"