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Kinder "frisch aus dem Mutterleib": Der brutale Handel mit Babys in Nigeria

In Nigeria blüht seit vielen Jahren ein grausiger Markt: der Handel mit Kindern aus "Babyfabriken". Ein nigerianischer Aktivist hat jetzt vorgegeben, ein Baby kaufen zu wollen. Es wurde ihm eines "frisch aus dem Mutterleib" angeboten.

Von Andra Wöllert

Baby in den Armen einer Frau in Nigeria

Symbolbild eines Babys in den Armen einer Frau in Nigeria: Der Handel mit Neugeborenen blüht in dem meistbevölkerten Land Afrikas.

Als der junge Nigerianer Philip Obaji ein Restaurant in der Stadt Enugu betritt, ahnt er noch nicht, dass er in Kürze Zeuge eines unfassbaren Gesprächs werden wird. Es ist voll im Lokal, wie so häufig, die Suppe mit Ziegenfleisch und scharfem Pfeffer ist stadtbekannt. Obaji belauscht das Gespräch am Nachbartisch. Er traut seinen Ohren kaum. Ein Mann und eine Frau sprechen über den Kauf von Babys. Das Geschlecht? Sei auf Wunsch frei wählbar, erklärt der Mann. Obaji wartet ab, bis die beiden ihr Gespräch beenden, bis die Frau das Lokal verlässt. Dann entschließt er sich, herüber zu gehen und nachzufragen. Ob der Mann tatsächlich Neugeborene anbiete? "Willst du eines frisch aus dem Mutterleib?", lautet die Antwort.

Der Mann hält Obaji für einen interessierten Käufer. Philip Obaji Jr. aber ist Aktivist. Er hat eine NGO gegründet und setzt sich damit für einen besseren Zugang zu Bildung für die Kinder in seiner Heimat Nigeria ein. 2014 erhielt er dafür sogar den Future Africa Award in der Kategorie Bildung. Und Philip Obaji Jr. ist Autor. Für die Plattform "Daily Beast" berichtet er immer wieder über sein Land und erzählt darauf jetzt, wie er kurzerhand vorgab, ein Kind kaufen zu wollen.

Ohne das Gefühl ertappt worden zu sein, erklärt der Mann vom Nachbartisch, den Obaji in seinem Text auf "Daily Beast" nur Eze nennt, dass er in weniger als 24 Stunden Babys besorgen könne. Ein Baby, das in wenigen Tagen zur Welt kommen soll, sei für ein Pärchen in Schweden reserviert, aber er könne es auch ihm geben - so er denn sofort in bar bezahle. "Wir besorgen ein neues Baby für das Paar. Die bemerken nicht einmal, dass wir ihnen etwas anderes liefern", meint Eze.

Zehn Kinder gehen pro Tag "über den Tisch"

Eze ist Kinderhändler. Besonders für Neugeborene hat sich in Nigeria ein erschreckend großer Markt entwickelt. Aber die Babys kommen nicht etwa nur von armen Frauen, die sich ein Kind schlicht nicht leisten können und es deshalb weggeben. Sie werden in sogenannten "Babyfabriken" regelrecht produziert: Junge Mädchen werden festgehalten, geschwängert und fungieren als Gebärmaschinen. Die Säuglinge werden meist direkt nach der Geburt verkauft – entweder an "Adoptiveltern", in die Sklaverei oder in Einzelfällen auch für Rituale.

Der Großteil der Käufer besteht laut Obaji aus Eltern, die keine Kinder (mehr) bekommen können. Die meisten von ihnen leben in Nigeria, aber die Babys werden auch nach Europa oder in die USA verkauft. Jeden Tag werden dort nach Angaben eines Unesco-Berichts von 2006 zehn Kinder verkauft. Nach Korruption und Drogenhandel ist Menschenhandel demnach die drittgrößte Straftat in Nigeria – vor allem in der Region um Enugu im Südosten des Landes, wo Obaji auf Eze getroffen ist. Anscheinend hat sich das bis heute nicht verändert.

"Ich möchte erst so eine Fabrik sehen, bevor ich auf dein Angebot eingehe", bittet Obaji den Menschenhändler. "So läuft das nicht", entgegnet der, "aus Sicherheitsgründen sind die Frauen an einem geheimen Ort. Wir wollen nicht mit der Polizei in Konflikt kommen." Eze bietet ihm aber an, für umgerechnet 50 Dollar die Frau zu treffen, die die Babyfabrik betreibt. Obaji willigt ein und bezahlt sofort. Sie fahren nachts, damit er den Weg nicht zurückverfolgen könne. Auch Dealer Eze scheint den Weg aus Sicherheitsgründen nicht zu kennen. Die Fabrikbetreiberin wohnt offenbar in einem Slum. Sie ist im mittleren Alter und stellt sich als "Madam Sarah" vor. Sie bittet die beiden Männer, Platz zu nehmen und dreht sich zu Obaji: "Willkommen, mein Sohn!"

"Sein Job ist es, die Mädchen zu schwängern - und er macht seinen Job richtig gut“ 

Trotz der großen Vorsicht wurden des Öfteren Kinderhändler in Nigeria hochgenommen. 2013 berichtet "n-tv" von einer Babyfabrik, in der 17 Mädchen und elf kleine Kinder gefunden wurden. Die jungen Frauen waren zwischen 14 und 17 Jahren alt. Sie alle seien laut Polizeibericht von einem 23-Jährigen geschwängert worden, der festgenommen werden konnte.

Auch in Madam Sarahs Haus taucht ein junger Mann auf. Nachdem er den Raum verlässt, erklärt sie Obaji mit breitem Grinsen: "Dieser Mann ist der biologische Vater vieler Kinder, die wir verkaufen. Sein Job ist es, die Mädchen zu schwängern - und er macht seinen Job richtig gut."

Madam Sarah könne Kinder allen Alters, jeglicher Hautfarbe und nach gewünschtem Geschlecht organisieren. Die Mädchen würden 400.000 Naira (2000 Dollar) kosten, die Jungen 500.000 (2500 Dollar). Den Preis rechtfertigt sie damit, dass sie hohe Produktionskosten habe. "Ich muss für Kost und Logis der Mädchen aufkommen, die Männer bezahlen, die mit ihnen schlafen. Aber ich lasse sie gehen, nachdem sie entbunden haben", erklärt sie für Obaji.

Frauenklinik entpuppt sich als "Babyfabrik"

Dass die Mädchen keinesfalls alle sofort nach Geburt in die Freiheit entlassen werden, sondern oft jahrelang als Gebärmaschinen eingesperrt werden, beweist ein anderer Fall aus dem Jahr 2008. Wie "Welt Online" berichtete, entpuppte sich eine Frauenklinik in Enugu bei einer Razzia als Babyfabrik. "Als wir das Krankenhaus durchsucht haben, fanden wir vier Frauen, die schon bis zu drei Jahre in der Klinik verbracht hatten, um Babys zu züchten", erklärte der örtliche Polizeichef Desmond Agu. Gegen Bezahlung hätten die mittellosen Teenager den Ermittlungen zufolge ein Kind nach dem anderen entbunden. 135 Euro habe es pro Neugeborenes gegeben. Eine 18-Jährige berichtete außerdem anonym: "Sobald ich im Krankenhaus war, bekam ich eine Spritze. Ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, merkte ich, dass ich vergewaltigt worden war." Der Arzt habe "Jungen eingeladen, die Mädchen zu schwängern". Die Polizeiaktion habe damals auf einen der größten Kinderhandel-Ringe Nigerias gezielt. In den Monaten davor wurde ein ganzes Netzwerk solcher Kliniken in Nigeria aufgedeckt.

Madam Sarah sagt, die Polizei wäre für sie kein Problem. Sie fragt Obaji nun konkret: "Was willst du? Ein Junge oder ein Mädchen?" Dealer Eze greift ein und erklärt, dass Obaji sich zunächst nur vergewissern wollte, ob das Geschäft echt sei. Madam Sarah dreht sich wieder zu ihrem potenziellen Kunden: "Jetzt weißt du, dass es stimmt. Komm wieder, wenn du bereit bist."