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Umstrittener Polizeieinsatz: Der jüdische Professor und sein Ärger mit der deutschen Polizei

In Bonn wurde ein jüdischer Professor im Sommer von einem Mann angegriffen, der ihm die Kippa vom Kopf schlug. Die Polizei kam, verwechselte Opfer und Täter, schlug den Professor. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren jetzt ein. Der Fall ist komplizierter als er auf den ersten Blick schien. Der stern konnte die Ermittlungsakten einsehen. 

Die Attacke ereignete sich im vergangenen Jahr in Bonn

Die Attacke ereignete sich im vergangenen Jahr in Bonn

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Der Notruf, der am 11. Juli des vergangenen Jahres um 14.24 Uhr bei der Bonner Polizei einging, klang nach einem Routineeinsatz. Im Hofgarten hatte ein Mann einen anderen geschlagen. Es dauerte nur drei Minuten, bis drei Polizisten mit Sirenengeheul im Park ankamen. Sie sahen zwei Männer wegrennen. Einer zog sich im Laufen das T-Shirt aus, der andere trug eine helle Hose. "Halt, stehenbleiben, Polizei", so etwas in der Art, rief einer der Polizisten. Doch die Männer rannten weiter.

Der Mann ohne T-Shirt war bald verschwunden, die Beamten konnten ihn nicht mehr sehen. Über Funk forderten sie Verstärkung an. Wenig später waren zwei weitere Polizisten im Hofgarten. Zu viert überwältigten sie den Mann in heller Hose, fesselten ihn, schlugen ihm ins Gesicht. Seine Brille ging zu Bruch, das Armband seiner Uhr riss. "I’m the wrong person", schrie der Mann.

Bis hierhin stimmen die Aussagen der Beteiligten überein. Was dann geschah, ist strittig, sorgte in Deutschland, Israel und in den USA für Schlagzeilen. Der Mann in der hellen Hose war der jüdische Philosophie-Professor Yitzhak Melamed aus Baltimore. Er war an diesem sonnigen Tag im Park von einem Deutschen palästinensischer Herkunft angegriffen worden. Der Mann hatte ihm die Kippa vom Kopf gerissen und geschrieen: "Du bist Jude, Juden gehören nicht nach Deutschland." Und auf Englisch: "I fuck Jews." Dabei schubste und schlug er den Professor. Yitzhak Melamed wehrte sich. Ein Passant rief die Polizei.

Aussage gegen Aussage

Die Bonner Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen die Polizisten wegen Körperverletzung im Amt jetzt eingestellt. Auch das Verfahren gegen den Professor wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte ist eingestellt worden.  Nur gegen den Mann, der  den Professor geschlagen und beleidigt hat, läuft noch ein Verfahren.  Der Professor kritisiert die Einstellung der Staatsanwaltschaft. "Sie haben leider ein rassistisches und korruptes Polizeisystem", sagt er gegenüber der Presse. Er behauptet, die Polizisten hätten ihn geschlagen und später davon abgehalten, Anzeige zu erstatten. Die Beamten sagen, Melamed habe sich gewehrt und dabei einen Beamten verletzt. Die Aussagen der Polizisten stehen gegen die Aussage des Professors. Es gibt nur wenige Zeugen. Tatsächlich ist der Fall kompliziert, wie die Ermittlungsakten zeigen, die der stern einsehen konnte.

Das Missverständnis begann, als Yitzhak Melamed seinem Angreifer hinterher rannte. Der Professor sah die Polizisten, glaubte, sie würden ihm helfen, den Mann, der ihn beleidigt und geschlagen hatte, zu stellen. Ihre Rufe, stehenzubleiben, hörte der Professor nicht, so sagt er. Die Polizisten aber wussten nicht, wer Opfer oder Täter war. Sie hielten den Professor für den Täter, weil er weglief und nicht stehenblieb, als sie ihn dazu aufforderten.

Die Polizisten holten Yitzhak Melamed ein, warfen ihn zu Boden, schlugen zu. "A hundred times", sagt der Professor später. Er meint nicht 100 Mal, sondern viele Schläge, die er nicht zählen konnte, so sagt er es dem stern. Polizist B. räumt später ein, dem Professor zwei Faustschläge ins Gesicht verpasst zu haben. Die Staatsanwaltschaft hält die Schläge für gerechtfertigt, da Melamed sich gewehrt habe. 

Keine Angst vor der deutschen Polizei

"Don’t get in trouble with the German police" (Leg dich nicht mit der deutschen Polizei an), hörte Yitzhak Melamed damals einen anderen Polizisten sagen. "Ich habe keine Angst vor der deutschen Polizei", erwiderte der Professor. Deutsche Polizisten hätten seine Großeltern, Tante und Onkel ermordet. "Alles an einem Tag im September 1942." 

Den Satz: "Don’t get in trouble with the German police", bestreitet der Polizist. Er hätte zu Yitzhak Melamed nur gesagt, dass er keine Angst vor der deutschen Polizei haben müsse. Die Verwechslung sei nur geschehen, weil er vor der deutschen Polizei weggelaufen sei.

Hat Yitzhak Melamed sich verhört? Oder hat der Polizist ihm tatsächlich gedroht und seine Aussage später angepasst? Vielleicht sei sein Englisch nicht gut genug, räumt der Polizist in seiner Aussage ein und gibt noch zu Protokoll: Der Professor sei nicht auf seine Argumente eingegangen, sondern habe auf seiner besondere Rolle als Opfer wegen seines religiösen Hintergrundes beharrt.

Gegen 16.30 Uhr fuhren die Polizisten damals mit Yitzhak Melamed und seiner Begleiterin Lina S. auf die Wache. "Ich wollte Anzeige erstatten gegen die Polizisten, die mich geschlagen hatten. In den nächsten anderthalb Stunden versuchten die Polizeibeamten mich zu überzeugen, keine Anzeige zu erstatten. Sie entschuldigten sich und sagten, es sei ein Fehler gewesen (...) Dann versuchte ein Polizeibeamter mich zu überzeugen, dass ich 'seine Hand berührt hätte' (...) Ich sagte ihm, das sei eine glatte Lüge." So schilderte es Yitzhak Melamed zwei Tage später auf Facebook.

Widerstand aus Versehen? 

Unstreitig ist, dass Polizeibeamter B. sich mehrmals bei dem Professor für die Verwechslung entschuldigte. Yitzhak Melamed nahm die Entschuldigung auch an - allerdings wollte er wegen der Schläge Anzeige erstatten. Sein Gesicht blutete. Polizist B. warf dem Professor daraufhin vor, dass er bei der Festnahme seine Hand kräftig gedrückt und damit Widerstand geleistet habe.  Vielleicht habe er die Hand nicht absichtlich gequetscht. Womöglich habe er unter Stress gestanden. Und könne sich jetzt nur nicht mehr erinnern. Vielleicht habe er ja aus einem Reflex heraus zugedrückt. Ein Widerstand aus Versehen, sozusagen. Ohne Vorsatz.

Ist das glaubwürdig? Der Professor soll die Hand des Polizisten fest gedrückt haben, ohne es zu merken? Und sich auch später nicht mehr daran erinnern? Versuchte der Polizist dem Professor eine Brücke zu bauen, damit er auf die Anzeige verzichtete? Yitzhak Melamed war empört. Er sei zu hundert, nein zu fünfhundert Prozent passiv gewesen, sagte er und beharrte auf einer Anzeige. 

Nun geschah etwas Merkwürdiges: Obwohl die Polizisten Yitzhak Melamed beschuldigten, Widerstand geleistet und einen Beamten verletzt zu haben, vernahmen sie ihn nicht als Beschuldigten. Sie seien halt unerfahren, erklären die Beamten später dazu lapidar.  

Noch am gleichen Tag schrieb Polizist B. die Anzeige wegen Widerstands gegen Yitzhak Melamed: Der Professor habe sich gewehrt, als man ihn fesseln wollte. Er habe die Hand des Polizisten genommen und fest zugedrückt. Der Aufforderung, die Hand loszulassen, sei der Professor nicht nachgekommen. Deshalb habe der Polizist ihm zwei Faustschläge ins Gesicht verpasst.

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Tatsächlich dürfen Polizisten unter bestimmten Voraussetzungen einfache Gewalt anwenden, um Widerstand zu brechen. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Faustschläge verhältnismäßig waren. Die Bonner Staatsanwaltschaft hat das jetzt bejaht. Der Polizist meldete sich noch am selben Tag dienstunfähig, legte später ein Attest vor, das die Prellung der Hand bestätigte. 

Zeugin: Keine Erpressung

Die wichtigste Zeugin ist Lina S., eine Professorin, die Yitzhak Melamed im Park und später auf der Wache begleitete. Die Polizisten hätten Yitzhak Melamed nicht erpresst, gab sie zu Protokoll. Aber ihre Aussage legt nahe, warum Yitzhak Melamed es so verstanden haben könnte. Der Professor, so erinnert sich Lina S., habe auf der Wache die Namen der Polizisten verlangt. Die Beamten hätten seine Frage ignoriert. Yitzhak Melamed hätte darauf bestanden, sich über die Beamten zu beschweren. "Complaint" sei das Wort gewesen, das er benutzt habe. Kurz darauf hätte sich Polizist B. bei Yitzhak Melamed entschuldigt. Aus dieser Entschuldigung hätte sie geschlossen, dass die Polizisten die Beschwerde nicht annehmen wollten. Gesagt hätten sie das allerdings nie. Eine Polizistin habe dann angefangen, dem Professor seine Rechte als Beschuldigter vorzulesen.

Haben die Polizisten durch ihr Verhalten dazu beigetragen, dass Yitzhak Melamed sich erpresst fühlte? Hatten sie Angst vor dem politischen Skandal? Ein jüdischer Professor wird in Deutschland von der Polizei geschlagen, die ihn verwechselt hat. Nur ein Widerstand würde die Schläge gerechtfertigt. In Deutschland wird fast jede Strafanzeige wegen Körperverletzung im Amt mit einer Gegenanzeige wegen Widerstands beantwortet. Fast immer steht Aussage gegen Aussage. In weniger als drei Prozent der Ermittlungsverfahren gegen Polizeibeamte wegen Körperverletzung im Amt kommt es am Ende zu einer Anklage..