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Görlitzer Park in Berlin: Drogen-Park der Nation

Drogen, Dealer, illegale Flüchtlinge: Der Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg war einst ein Ort der Utopie. Heute kann man hier besichtigen, was passiert, wenn Politik und Polizei versagen. Reportage aus einem rechtsfreien Raum

Görli, dunkel, nass, kalt: Im Herbst stritten sich bis zu 200 Dealer um die Kundschaft

Görli, dunkel, nass, kalt: Im Herbst stritten sich bis zu 200 Dealer um die Kundschaft

Und irgendwann lag da dieser Rucksack auf dem Misthaufen, gleich hinter dem Stall, in dem die Esel wohnen. Es hatte mal wieder eine Razzia gegeben, rennende Polizisten, flüchtende Dealer, die übliche Hektik im Park. Danach findet Claudia Hiesl, die Chefin des Kinderbauernhofs, immer allerlei Drogenpäckchen in den Büschen. Panisch entsorgte Beweisstücke. Doch an diesem Tag im März lag da nun dieser Rucksack. Darin: 1,5 Kilo Cannabis und ein Verrechnungsscheck über 65.000 Euro. Es war der Moment, als Frau Hiesl endgültig wusste, dass ihr geliebter Görlitzer Park, dieses chaotisch-bunte Paradies, vergangen war. Vor ihrem Bauernhof wurde nicht mehr nur ein wenig gedealt. Hier ging es nicht mehr nur um ein paar arme Flüchtlinge, die ein paar weiche Drogen vertickten, um ein paar trockene Brötchen zu verdienen. Hier ging es längst um Drogenhandel im ganz großen Stil.

Seit über 20 Jahren arbeitet Claudia Hiesl für dieses alternative Projekt mitten in Berlin-Kreuzberg, mitten im "Görli". Sie ist überzeugte Kreuzbergerin, eine mit Kapuzenpulli, buntem Schal, grau meliertem Haar. Eine, die "leben und leben lassen" verströmt. Kreuzberg, das war auch für sie das Biotop der Utopien. Doch an diesem nebelkalten Nachmittag steht sie verloren vor dem Holzhäuschen: "Seit mindestens einem Jahr ist die Situation unerträglich, aber leider wehren sich die Menschen nicht. Sie fliehen."

Der Görli: ein rechtsfreier Raum

Da ist die alleinerziehende Mutter, die nach Zehlendorf zieht, damit die zwölfjährige Tochter nicht mehr durch das Spalier der Dealer zur Ballettstunde gehen muss. Da ist die albanische Großfamilie, die ins Ruhrgebiet flüchtet, weil der Vater sagt: "Den Wahnsinn hier tue ich meinen sechs Kindern nicht länger an." Da sind die Kita-Kinder, die den Görli nicht mehr betreten, seit zwei von ihnen im Sandkasten des Piratenspielplatzes versehentlich ein Kokainversteck aushoben. Und schließlich ist da Ahmed, einer von bis zu 200 Dealern, die sich hier zu Hochzeiten jeden Tag bekriegten, um jeden Meter Stehplatz, um jeden kleinen Kiffer. Marokkaner gegen Nigerianer, Araber gegen Schwarze. Ahmed sagt: "Wenn die Polizei hier nicht langsam ihre Arbeit macht, bringen wir uns noch alle gegenseitig um.“

Das war Mitte November. Kurz nachdem der Betreiber einer Shisha-Bar zwei Dealer niedergestochen hatte, offenbar in Selbstjustiz, und anschließend deren Jungs aus Rache in dessen Bar ein Feuer legten. Nicht dass die Lage da außer Kontrolle geraten war, das war sie längst. Es ließ sich nur nicht länger verschweigen. Der Görli: ein rechtsfreier Raum.

"Labor der Nation"

Früher war der Görli nur ein Park, kein besonders hübscher, aber eine der wenigen grünen Flächen im dicht besiedelten Bezirk – kaum 200 Meter breit, kaum einen Kilometer lang. Türkische Clans und deutsche Kleinfamilien, Hippies und Hipster verbrachten hier ihre Sonntage und grillten zu Hunderten, die Nachbarn sprachen vom "Nebel des Grauens" und lachten. Schon immer wurde hier gekifft und auch gedealt. Alles easy, Kreuzberg, Alter. Hier regiert, wenn überhaupt, die Antifa - und nicht Pegida. Hier gelten Drogen nicht als böse und Polizisten nicht als gut. Toleranz gehört zur Kiez-Raison. Toleranz bis hin zur Wurstigkeit. Toleranz, die viele Kreuzberger nun in ein Dilemma stürzt: Was tun, wenn Dealerei zur Plage wird? Was tun, wenn die meisten Dealer auch noch ausgerechnet Flüchtlinge aus Afrika sind? Wenn die geliebte Toleranz zur harten Realität nicht mehr passen will? Kreuzberg wird vom eigenen Mythos erschlagen.

„Want some smoke?“: Afrikanische Flüchtlinge, oft illegal hier, grillen im Park. Viele dealen, um zu überleben

"Want some smoke?": Afrikanische Flüchtlinge, oft illegal hier, grillen im Park. Viele dealen, um zu überleben

Die Bürgermeisterin, natürlich eine Grüne, nennt ihren Bezirk gern das "Labor der Nation". Die Probleme des ganzen Landes ließen sich hier wie im Reagenzglas betrachten. Wenn das stimmt, stehen dem Land harte Zeiten bevor. Denn das Labor ist gerade explodiert. Der Görli ist zum Symbol geworden für das Versagen all derer, die man landläufig die "Verantwortlichen" nennt: Staat, Senat, Bezirk, Polizei. Ein Symbol für jahrelange Gleichgültigkeit. Für verfahrene Asylpolitik. Für erfolglose Drogenrepression.

Die Razzien erinnern an routiniertes Theater

Görli, dunkel, nass, kalt. Niemand, der grillt, kein Jogger, kaum Hunde, nur Grüppchen junger schwarzer Männer. Wodka gegen Kälte, Dosenkicken gegen Langeweile. Wenn man sich nähert: "Want some smoke?" Wenn man nicht will, wenn man stattdessen sogar Fragen stellt: "Piss off!" Ein Streifenwagen rollt über die asphaltierte Mittelachse. Zwei Dutzend Dealer stieben auseinander, den Ausgängen zu, Einsatzpolizisten stürmen ihnen entgegen. Keuchen, Trampeln, raschelnde Monturen. Vier Verdächtige geschnappt. Weiße Kabelbinder, blaue Einmalhandschuhe.  Ausweiskontrolle, Taschenkontrolle. Im Halbdunkel hasten ein paar Schwarze durch die Büsche, einer ruft: „All cops are bastards and smell like mustard“ – Polizisten sind Bastarde und riechen nach Senf.

Die Razzien erinnern an routiniertes Theater. Das Stück steht seit fast zwei Jahren auf dem Spielplan. Die Rollen werden lustlos abgespult. 2013 im Schnitt jeden dritten Tag, 2014 im Schnitt einmal täglich. Geholfen hat es nichts. Polizei rein, Dealer weg. Polizei raus, Dealer wieder da. Es gab kaum Verhaftungen, erst recht keine Verurteilungen, nur immer mehr Händler. Seit Mitte November versucht die ohnmächtige Ordnungsmacht, mit Dauerpräsenz der Lage Herr zu werden. Die Reihen der Dealer sind tatsächlich nicht mehr ganz so dicht wie früher, aber wirklich geändert hat sich nichts.

"Du weißt nie, wann du zuschlagen musst"

Ahmed hasst den Stress. Das ewige Gerenne nervt. Noch viel mehr aber hasst er den dauernden Ärger mit den Schwarzafrikanern. Die haben hundert Meter entfernt, hinter den Resten des einstigen Güterbahnhofs, eine Art Hauptquartier errichtet. Dort verteilen sie Essen und Nachschub. Wenn Ahmed, der Araber, sein Zeug dort verticken würde, setzte es Schläge. "Die Schwarzen belästigen die Leute. Die bieten sogar Familien Drogen an. Die haben unseren Ruf ruiniert", sagt der 23-jährige Marokkaner mit dem fein gestutzten Bart.

Dealer und Flüchtling

"Die Schwarzen bieten sogar Familien Drogen an. Die haben unseren Ruf ruiniert", sagt Ahmed, 23, Dealer und Flüchtling aus Marokko


Unruhig hüpft er auf und ab, boxt in die Luft, ständig scannt er die Umgebung. "Man muss im Training bleiben. Du weißt nie, wann du zuschlagen musst." Ahmeds rechte Hand ist bandagiert. Kleiner Arbeitsunfall beim letzten Polizeieinsatz. Die Beamten hätten ihn getreten und geschlagen, sagt er. Warum? "Weiß ich nicht." Es ist wie immer, wenn man versucht, mit den jungen Männern aus dem Park zu sprechen. Ihre Geschichten verlieren sich schnell im Dickicht, irgendwo zwischen Tausendundeiner Nacht und Amnesty International. Es ist schwer zu unterscheiden, was am Sprachmix liegt und was am hilflosen Wunsch, sich irgendwie zu rechtfertigen.

Dealer in kleinen Trauben an den Parkeingängen

Seit zehn Jahren lebt Ahmed in Europa, erst in Spanien, dann in Frankreich, seit einem halben Jahr im Görli. Illegal. Er sagt, dass er auch lieber anders sein Geld verdienen würde, aber dafür brauchte er eine Arbeitserlaubnis. Er habe aber nicht einmal Asyl beantragt, weil das ohnehin nichts brächte: "In meinem Land herrscht ja kein Krieg." Nachts rollt er sich in Decken gehüllt unter einen Busch, dann steht er wieder hier vor der Graffitimauer am westlichen Ende des Parks, wo er mit Landsleuten den kläglichen Rest des arabischen Reviers verteidigt. 

Sie stehen in kleinen Trauben an den Parkeingängen, auf dem Mittelweg. Sie umrunden noch immer als Boten den Park auf dem Fahrrad und prägen ein Klima von Unruhe und Unwohlsein. Spürhunde haben immer wieder Drogenverstecke ausgehoben, Gärtner die Büsche rasiert und Hecken ausgedünnt. An einem Abend im November hatte die Polizei sogar mobile Lichtmasten aufgestellt, um den Park auszuleuchten. Man will den Görli jetzt ungemütlicher machen für Dealer. Doch je mehr Wirkung der Polizeieinsatz zeigt, je ungemütlicher der Görli wird, desto tiefer sickert die Szene in die umliegenden Kieze, Straße für Straße, immer weiter bis nach Nord-Neukölln, immer weiter unter der Hochbahn entlang bis zum Schlesischen Tor, wo Hostels auf den Easyjetset warten, über die Spree hinein nach Friedrichshain, bis zum Partygelände RAW. Görli überall. Denn was heißt schon "ungemütlich" für Menschen, die Bürgerkriegen entronnen sind, die Wüsten und Meere durchquert haben und nach oft jahrelanger Flucht im Görli gestrandet sind?

"Nur ein Haufen sinnloser Arbeit"

Für die Polizei spielen die Schicksale keine Rolle. Für die Polizei sind die meisten jungen Görli-Männer vor allem eins: Tatverdächtige. "Wir sind schlicht dazu verpflichtet, diese Leute zu jagen, uns als Rassisten beschimpfen und verletzen zu lassen. Machen wir alles, aber erwarten Sie dabei keinen großen Sportsgeist." Der Mann, der das sagt, arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten bei der Polizei, als Streife, als Einsatzpolizist, als Zivilbeamter. Er will nicht erkannt werden, aber er sagt, dass er für viele Kollegen vom zu zuständigen Abschnitt 53 spreche. Als man ihn nach Dienstschluss trifft, bricht es aus ihm heraus.

Tägliche Routine: Polizei rein, Dealer weg. Polizei raus, Dealer wieder da. Festnahmen sind die Ausnahme

Tägliche Routine: Polizei rein, Dealer weg. Polizei raus, Dealer wieder da. Festnahmen sind die Ausnahme


Er sagt: "Die Politik hat dem Treiben viel zu lange zugesehen, und wir müssen das jetzt ausbaden."

Er sagt: "Die jungen Kollegen glauben noch, sie erweisen der Menschheit einen Dienst, wenn sie zwei Dealer festsetzen. Aber nüscht ist, nur ein Haufen sinnloser Arbeit – für den Dolmetscher, der aufs Revier kommen muss, für den Richter, der dann doch keinen Haftgrund erkennt, und für den Staatsanwalt, der das Verfahren einstellen darf."

Er sagt: "Kann sein, dass da oben jemand eine Strategie hat, wir hier unten kennen die nicht. Wir sind nur noch bessere Kostümträger, die allen Sicherheit vorgaukeln sollen."

Die Verantwortung wird sich im Kreis zugeschoben

Im Oktober hat ein Kriminaldirektor der Polizeidirektion 5 die Ermittlungsgruppe Görli aufgelöst, nach einem halben Jahr Arbeit – mangels Erfolg und Unterstützung von LKA, Justiz und Politik.

Der Polizeipräsident hat getobt und seinen Stab angewiesen, umgehend ein Konzept zu erarbeiten. CDU-Innensenator Innensenator Frank Henkel, der gern selbst Regierender Bürgermeister wäre, hat auch den Druck gespürt und eine Taskforce einberufen.

Jahrelang haben sich die Verantwortlichen die Verantwortung im Kreis zugeschoben: vom Ordnungsamt zu Polizei zu Senat zu Bezirk. Plötzlich sind alle hektisch geworden. Zu schlecht die Presse, zu viele Klagen, zu hoch die Zahl der Opfer. Zwar gibt es noch immer kein Konzept, nur Prüfaufträge, aber immerhin sprechen nun alle auffällig viel von "gemeinsam" und "umfassend" und "anpacken". Jedenfalls fast alle.

Kurz nachdem der Innensenator seine Taskforce ankündigt, meldet sich Monika Herrmann, die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, auf Facebook zu Wort: "Der Senat eine einzige Taskforce - 1,5 Jahre alles ignoriert und verpennt und angesichts des Chaos nun aber #hopphoppschnellschnell".

Freilandversuch Coffeeshop im "Labor der Nation"

In diesem Leben werden Herrmann und Henkel keine Freunde mehr. Sie sieht in dem CDU-Mann vor allem den Kleinbürger-Sheriff, der markige Worte schwingt und den Besitz von Cannabis in Berlin künftig schon ab sechs statt bislang 15 Gramm bestrafen will. Und für ihn ist die 50-jährige lesbische Grüne so etwas wie die First Squaw der Stadtindianer, die allen Ernstes einen "Coffeeshop" eröffnen will, vor dem dann wohl Europas Kiffer-Jugend bis zum Ku’damm Schlange stehen würde.

Monika Herrmann empfängt in ihrem nahezu unauffindbaren Amtszimmer in den Tiefen eines schäbigen Büro- und Einkaufsklotzes an der Frankfurter Allee. Als Kontrast lässt die Bezirkschefin ein wenig Pathos durch das karge Zimmer wehen: "Das, was wir hier erleben, steht der ganzen Stadt, dem ganzen Land noch bevor, auch denen, die jetzt mal wieder sagen: typisch Kreuzberg."

Und in diesem "Labor der Nation", dabei bleibt sie, würde sie gern den Freilandversuch "Coffeeshop" wagen. Der Repressionsansatz sei schließlich nicht nur in Kreuzberg, sondern weltweit gescheitert. „Faktisch haben wir längst die freie Verfügbarkeit, nur dass wir sie komplett dem illegalen Markt überlassen haben", sagt Herrmann. Es dürfe freilich nicht nur einen "Coffeeshop" geben, man brauchte ein paar in Berlin, viele im ganzen Land.

Drogenbekämpfung nur, solange keine Büsche leiden

Den Vorwurf, der Bezirk habe sonst nur sehr wenig getan, lässt Herrmann nicht gelten. Man habe etliche Vorschläge gemacht, sie seien nur nie umgesetzt worden. "Ich finde es schwierig, dass eine Bezirksbürgermeisterin darum betteln muss, dass ein Innensenator seinen Job macht", sagt sie. Da entweicht das Pathos aus dem Raum. Zurück bleibt die kleine Chefin eines kleinen Bezirks mit Haushaltssperre. Die kein Geld hat für Sozialarbeiter. Die schon vor einem Jahr davor gewarnt hat, dass immer mehr Razzien immer weniger Erfolg brächten. Die sich sehr genau an insgesamt 18 Koordinierungsrunden erinnert, die es seit 2011 auf allen Ebenen gegeben hat.

Sogar eine Polizeiarchitektin war hinzugezogen worden, die dem Baustadtrat schon im Frühling zum radikalen Buschbeschnitt riet. "Ich hätte die Gartenbaumitarbeiter ja gern sofort in den Park geschickt, aber mir wurde erklärt, man müsse sich an bestimmte Vegetationszeiten halten, das sei Vorschrift", sagt Herrmann. Sie weiß selbst, wie irre das klingt: Drogenbekämpfung nur, solange keine Büsche leiden. Und sie weiß auch, dass alle dieses Lied der Ohnmacht singen. Dass jeder vor allem Vorschläge macht, die andere umsetzen sollen. Dass genau diese organisierte Verantwortungslosigkeit zu rechtsfreien Räumen führt.

Gern hätte man darüber auch mit dem Innensenator gesprochen, doch es fand sich trotz mehrerer Anfragen wochenlang kein Termin.

"Man wird sofort als Rassist oder Nazi beschimpft"

Görli, dunkel, nass, kalt. Ein Jogger, kaum Hunde, nur diese Grüppchen junger schwarzer Männer. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, hier entlangzulaufen. Man eilt nur noch durch, wenn man muss. Man hört noch immer das dauernde Wispern der Dealer. "Want some smoke?"

Man spürt noch immer, dass dieser Görli trotz aller Polizei ein Raum der Halbwelt ist. So sehen auch viele Anwohner den Park vor ihren Fenstern. Der war ein Stück Heimat, das ihnen genommen wurde. Sie erzählen von Raubüberfällen und sexistischer Belästigung. Viele fühlen sich noch immer bedroht von aggressiven Dealern und deren zugedröhnten Kunden - und auch vom radikalen Kern der linken Flüchtlingshelfer.

Sonnenuntergang im Görlitzer Park

Gekifft wurde im Görli schon immer. Drogen waren vielen hier weit sympathischer als Polizisten. Aber so einfach ist das nicht mehr


Als im Juni eine Anwohnerinitiative mit dem selbst erklärten Grundsatz "Veränderungen ohne Konfrontation oder Law-and-Order-Parolen" zum Ideenaustausch lud, sprengten Radikale das Treffen durch ausdauerndes Brüllen. Danach brannten immer wieder mal Autos. "Wenn man sagt, dass man die Zustände nicht länger ertragen will, wird man von denen sofort als Rassist oder gar Nazi beschimpft", sagt ein Anwohner beim Gespräch in einem Café am Rande des Parks.

Er will anonym bleiben, denn auch sein Auto stand schon in Flammen. Er hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde, dass er mit Mitte 50 mal zum Ziel von linken Aktivisten würde. Ausgerechnet er, altlinker Hausbesetzer der ersten Stunde, ein Mann, dem das Schicksal der Flüchtlinge doch auch am Herzen liege, der nichts gegen Kiffen habe, noch nicht mal gegen Dealer.

"Meinungsterror" im Kiez

Mit jedem seiner Sätze tritt das Kreuzberger Dilemma deutlicher zutage: "In Wahrheit geht es hier um positiven Rassismus", sagt er. "Die Hautfarbe der Dealer ist ihr Schutz. Linke, die Schwarze aus dem Park vertreiben? Ein No-Go." Darum herrsche im Kiez inzwischen regelrechter "Meinungsterror". Darum versammeln sich die Anwohner nur noch heimlich. Sie wünschen sich "Parkworker", Sozialarbeiter, die mit allen reden, die sanft zur Ordnung rufen und am Ende dafür sorgen, dass im Görli wieder Platz für alle ist. Auch für die Dealer.

Vor dem Café filzt die Polizei schon wieder eine Gang. Ein paar Schritte weiter sprechen zwei Dealer schon wieder Passanten an. Der Mittfünfziger schaut kurz durchs Fenster nach draußen und zuckt mit den Schultern. Dann sagt er: "Das ist doch keine Lösung, sondern ein Placebo." Eine Beruhigungspille für die Anwohner. Eine Adrenalinspritze für die Dealer. Mehr nicht.

"Leider wird man das erst verstehen, wenn alle wieder da sind." Sobald es wieder wärmer wird.

Anna-Beeke Gretemeier und Silke Müller streiften abwechselnd mit Jan Rosenkranz und Fotograf Kristoffer Finn durch den Görlitzer Park, trafen Dealer, verständnisvolle und besorgte Anwohner. Allen gemeinsam war der Wunsch nach einer Veränderung für die Flüchtlingssituation in der Großstadt.