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Burg im Spreewald Hier wird einem Hahn der Kopf abgerissen: Diese Tradition sorgt für Diskussionen


Einem Hahn wird beim Hahnenrupfen der Kopf abgetrennt. Die erste Reaktion ist meist: Entsetzen. Doch woher kommt der sorbische Brauch, der immer wieder Debatten auslöst?

"Ein geschlachteter Hahn wird an ein reich verziertes Tor gehängt." So beschreibt der Tourismusverband Spreewald das Hahnenrupfen auf seiner Homepage – und erklärt weiter: "Rittlings versuchen die Jungen und Männer, den lose befestigten Kopf oder die Flügel des Hahns zu erhaschen. Dem Sieger gebührt ein Tanz ...".

Der Hahn hänge dabei an einem Tor oder von einem geschmückten Geländer hinab, ergänzt Wolfgang Kaschuba, emeritierter Professor der Berliner Humboldt-Universität, im Interview mit Deutschlandfunk Kultur. Die Geschicklichkeit der jungen Männer, die da auf Pferden drunter durchreiten, solle darin bestehen, dass sie sich ein Stückchen von dem Hahn rupften. Das Ganze endet damit, dass dem Hahn der Kopf abgerissen wird. Gelingt das, ist der Sieger gefunden. Und damit auch der Erntekönig des Dorfes. So will es die (umstrittene) Tradition.

Früher sind für das Ritual sogar lebende Hähne verwendet worden. Gesellschaftlicher Wandel und neue gesetzliche Vorschriften führten aber zur Abmilderung der als zu grausam empfundenen Tradition.

Hahnenrupfen: Sorbische Tradition spaltet Tierschützer und Bewohner
Gesellschaftlicher Wandel und neue gesetzliche Vorschriften führten dazu, dass beim Hahnenrupfen keine lebenden Hähne mehr verwendet werden
© Bernd Settnik / DPA

Das Hahnenrupfen sorgt für Kritik

Laut "BZ Berlin" verurteilen Tierschützer den Brauch. Diese Tradition würde "gar nicht gehen" und sei schlicht "Tierquälerei". So zitiert das Blatt empörte Beobachter des Spektakels.

Kaschuba bewertet die Tradition ein wenig differenzierter. Trotz der martialisch anmutenden Bräuche solle man sie nicht pauschal verurteilen, sagt er. Gerade im Umgang mit Tieren in der gehobenen Esskultur sei der Grausamkeitsfaktor ähnlich. Lebende Hummer, die in siedendes Wasser geworfen werden, gehe es demnach auch nicht besser als den Hähnen.

Das wiederum sind Argumente, die bei Tierschützern auch nicht gut ankommen. Es ist wie so oft: Diese Debatten werden hitzig geführt.

Sorben pflegen diverse Traditionen und Bräuche

Die Sorben sind ein westslawisches Volk mit eigener Sprache, welches in der Lausitz beheimatet ist. In Sachsen leben die sogenannten Obersorben, in Brandenburg die Niedersorben bzw. Wenden. Kulturelle Zentren sind Bautzen und Cottbus. Die Sorben sind eine nationale Minderheit ohne eigenen Staat.

Die Erntekönigin wird übrigens beim sogenannten "Froschkarren" ermittelt. Der Siegerin gebührt ein Tanz mit dem Erntekönig.
Die Erntekönigin wird übrigens beim sogenannten "Froschkarren" ermittelt. Der Siegerin gebührt ein Tanz mit dem Erntekönig.
© Bernd Settnik / DPA

Wie viele Sorben es noch gibt, kann nicht eindeutig festgestellt werden, da deutsche Staatsbürger ihre Nationalitätenzugehörigkeit nirgendwo angeben müssen. Es wird geschätzt, dass es noch 20.000 aktiv sprechende Sorben gibt und etwa 60.000, die sich dem sorbischen Volk zugehörig fühlen. Prominentester Vertreter ist der ehemalige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich.

Während deutschlandweit die Oster-Traditionen der Sorben und ihre Trachten für weitgehendes Verzücken sorgen, stehen ihre Rituale, an denen Tiere beteiligt sind, häufig in der Kritik. Doch auch in anderen Regionen Deutschlands ist der Brauch verbreitet. In Solingen etwa unter dem Namen "Hahnenköppen".

Übrigens: Auch eine Erntekönigin ermitteln die Sorben. Und zwar beim "Froschkarren". Mädchen und junge Frauen schieben einen Karren Richtung Ziel, auf dessen Sprosse ein lebendiger Frosch sitzt, der es ebenfalls mit ins Ziel schaffen muss. Der Siegerin gebührt ein Tanz mit dem Erntekönig.

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