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Katholische Religion: Wie Frauen die alten Männer herausfordern - und die Kirche revolutionieren wollen

Der Missbrauchsskandal war der letzte Anstoß. Katholikinnen wollen sich nicht länger dem männlichen Klerus unterordnen. Sie fordern die Priesterweihe für Frauen.

Von Walter Wüllenweber

Inklusive Priesterweihe: Katholikinnen fordern Gleichstellung

Bärbel Bloching ist so weit gekommen, wie es nur irgend geht für eine Frau in der katholischen Kirche. In Obersulm leitet sie eine Gemeinde (ohne Priesterweihe), und als eine von ganz wenigen Frauen in Deutschland hält sie sonntags die Predigt. Sakramente spenden darf sie nicht.

Das hat sie nie vergessen: "In der Grundschule wurden wir Kinder gefragt, was wir einmal werden wollen. Bundeskanzler, sagte ich. Da bekam ich eine schallende Ohrfeige. Eine Frau als Bundeskanzler, das lag damals außerhalb jeder Vorstellung." Die Ohrfeige verfehlte die beabsichtigte Wirkung vollständig. Aus dem selbstbewussten Mädchen wurde eine ungezähmte Frauenrechtlerin mit der Entschlossenheit eines Feldherrn und dem Händedruck eines Hufschmieds. Und eine Nonne des Benediktinerordens in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim: Schwester Philippa Rath.

Noch immer kann sich Schwester Philippa nicht damit abfinden, dass Frauen nicht alles werden dürfen. Eine Bundeskanzlerin ist längst selbstverständlich, aber auf weibliche Priester müssen Katholikinnen wohl noch bis zum Jüngsten Tag warten. "In der Politik und in der Gesellschaft hat sich in den letzten 100 Jahren viel Grundlegendes verändert, in der Kirche dagegen haben wir ein echtes Demokratiedefizit", klagt Schwester Philippa.

Ausnahmeerscheinung

Die Ordensfrau ist eine Ausnahmeerscheinung, aber keine Ausnahme in ihrer Kirche. Nach 2000 Jahren männlicher Alleinherrschaft wird die katholische Welt von einer gewaltigen Frauenbewegung durchgerüttelt. Frauen haben sich in unzähligen Netzwerken zusammengeschlossen, um zu protestieren, zu pilgern und auf allen Ebenen Druck zu machen. Angeführt werden sie nicht von Zweiflerinnen am Rande, sondern von den besonders überzeugten Katholikinnen, dem Kern der Glaubensgemeinschaft: Theologie-Professorinnen, Politikerinnen, Managerinnen der Kirchenverwaltung, Äbtissinnen und Nonnen. Es ist ein Aufstand der Frommen. "Die Frauen haben viel zu lange geschwiegen. Nun neigt sich die Geduld vieler dem Ende entgegen", sagt Schwester Philippa. Aus ihrer Sicht ist die Frauenfrage nicht ein Problem unter vielen. Es ist die "Frage von Sein oder Nichtsein" für die katholische Kirche.

Im März haben die deutschen Katholikinnen einen Teilerfolg errungen: Unter dem massiven Druck protestierender Frauen hat die Deutsche Bischofskonferenz eine Quotenregelung beschlossen: 30 Prozent der Führungsposten in der Kirchenadministration sollen künftig mit Frauen besetzt werden. Doch der Klerus – Priester und Bischöfe – behält stets das letzte Wort. "Bei allen Reformplänen achtet der Klerus sehr genau darauf, seine Sonderstellung nicht zu gefährden", sagt Annette Schavan. Kaum jemand hat einen so tiefen Einblick in die Mechanik des kirchlichen Machtapparates wie die ehemalige Bundesministerin der CDU und Botschafterin Deutschlands im Vatikan. Die Theologin beobachtet, wie es unter Katholikinnen gärt, und fordert: "Die Erneuerung muss jetzt kommen."

Schwester Philippa ist eine unerschrockene Frauenrechtlerin. Sie sieht sich in der Tradition der heiligen Hildegard von Bingen, der Gründerin ihrer Abtei. Die hat sich schon vor 900 Jahren mit Bischöfen angelegt und mit dem Papst gestritten.

Schwester Philippa ist eine unerschrockene Frauenrechtlerin. Sie sieht sich in der Tradition der heiligen Hildegard von Bingen, der Gründerin ihrer Abtei. Die hat sich schon vor 900 Jahren mit Bischöfen angelegt und mit dem Papst gestritten.

Eine Quote für das weltliche Management ist der erste Erfolg der katholischen Protestantinnen. Doch das reicht ihnen nicht. Sie stellen die Machtfrage: Warum können Frauen nicht zum Priester geweiht werden? Über zwei Jahrtausende wehrten die männlichen Hochwürden alle Forderungen nach Gleichberechtigung entschieden ab, mit einem einzigen, theologischen Argument: Die zwölf Apostel waren Männer. Doch diese Begründung ist Geschichte, seit Papst Franziskus im Juni 2016 Maria Magdalena zur Apostelin befördert hat. Nach der gültigen Lehre hatte Jesus also 13 Apostel, zwölf Männer und eine Frau. Die Entscheidung des Pontifex hat Schwester Philippa in ihrer Haltung nur bestätigt: "Es gibt für mich keinen überzeugenden theologischen Grund, warum Frauen nicht zu allen kirchlichen Ämtern und Diensten zugelassen und auch geweiht werden sollen." Unterstützt wird sie von zahlreichen Theologinnen, wie etwa Professorin Agnes Wuckelt: "Dass Frauen nicht zum Priester geweiht werden sollen, entspricht nicht der göttlichen Ordnung." Wuckelt spricht nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als stellvertretende Bundesvorsitzende für die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands und damit für 450.000 Katholikinnen. Sie sieht, wie Schwester Philippa, die Kirche in einer "existenziellen Krise". Sie kündigt an: "Die Stimmung ist kämpferisch. Wir Frauen werden nicht schweigen."

Bärbel Bloching ist dem Pfarramt näher gekommen, als es Frauen eigentlich möglich ist: Sie leitet offiziell die Gemeinde St. Johann Baptist Affaltrach in Obersulm bei Heilbronn, unterschreibt alle Rechnungen, parkt auf dem Pfarrerparkplatz neben der Kirche, und sie ist die Dienstvorgesetzte des Pfarrvikars ihrer Gemeinde. Normalerweise ist der Pfarrer gleichzeitig das geistliche und administrative Oberhaupt der Gemeinde. Eine Frau als weltliche Gemeinde-Chefin ist in den Kirchenstatuten nicht vorgesehen. "Aber ich habe noch niemanden getroffen, der offen dagegen ist", sagt Bloching. "Viele Frauen sagen mir sogar: Ich bin stolz, dass es das gerade bei uns gibt."

"Liturgisches Gewand"

Dass Bloching der Aufgabe gewachsen ist, daran gab es nie Zweifel, denn die studierte Theologin hatte zuvor schon als Pastoralreferentin gearbeitet. Entscheidend für ihre Beförderung war jedoch nicht ihre Qualifikation – sondern die blanke Not der Diözese, die keinen Priester fand, der alle Aufgaben seines Amtes allein übernommen hätte. In diesem Jahrtausend ist die Priesterschar in Deutschland um über 20 Prozent geschrumpft, oft müssen die Hirten fünf Gemeinden versorgen und verbringen mehr Zeit im Auto als in der Kirche. Weil viele heilige Handlungen nur von ihnen ausgeführt werden dürfen, sind die Geweihten degradiert zu Handlungsreisenden in Sachen Sakramente. Sie sind wie die Drohnen im Bienenschwarm: unverzichtbar, aber nur für eine Sache notwendig.

Den kompletten Rest erledigt Bloching, sie hält sogar die Sonntagspredigt. Die war traditionell auch den Priestern vorbehalten. In vielen Diözesen stammt heute jedoch ein Drittel der Gottesmänner aus dem Ausland, meist aus Indien oder Afrika. Auch Kenneth Kurumeh, der Vikar in Blochings Gemeinde, ist Nigerianer. Und für viele zugewanderte Priester ist die Predigt in einer fremden Sprache eine unüberwindliche Hürde. Darum werden die verbliebenen einheimischen Pfarrer am Sonntag reihum zum Predigt-Dienst eingeteilt. Der Diensthabende düst nach einem strengen Fahrplan von einer Kirche zur anderen, um mitten in der Messe – "just in time" – seine Predigt vorzutragen. Zur Kommunion übernimmt dann wieder der Pfarrer der Gemeinde. Da ist der Wanderprediger längst schon wieder on the road.

Priorin Irene leitet das Frauenkloster Fahr bei Zürich. Um für Gleichberechtigung in der katholischen Kirche zu demonstrieren, ist sie gemeinsam mit 400 Frauen 1200 Kilometer zu Fuß nach Rom gepilgert. Aber der Papst hat sie nicht empfangen.

Priorin Irene leitet das Frauenkloster Fahr bei Zürich. Um für Gleichberechtigung in der katholischen Kirche zu demonstrieren, ist sie gemeinsam mit 400 Frauen 1200 Kilometer zu Fuß nach Rom gepilgert. Aber der Papst hat sie nicht empfangen.

Die Gemeinde St. Johann Baptist Affaltrach braucht keinen reisenden Priester, sie hat Bärbel Bloching. Niemand hatte ein Problem damit, dass eine Frau predigt. Nur bitte nicht in Straßenklamotten. Doch woher bekommt frau ein "liturgisches Gewand"? Der katholische Pfarrershop ist auf weibliche Kundschaft nicht eingestellt. Die Katholikin wurde bei der Konkurrenz fündig, beim evangelischen Pfarrerausstatter.

Der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt verstärkt Gottes Personalprobleme. Das Defizit ist quantitativ, aber auch qualitativ. Dabei dienten dem Höchsten über Jahrhunderte stets die besten Leute. So wurde die Kirche zur erfolgreichsten Organisation in der Geschichte. Entscheidend dafür war nicht zuletzt der Zölibat. Als er etwa im 12. Jahrhundert eingeführt wurde, stellten die Priester und Bischöfe ihre Fortpflanzungstätigkeit natürlich nicht ein, doch ihre Kinder waren fortan nicht mehr legitim. So konnten die Würdenträger die Reichtümer und Machtposten der Kirche nicht so hemmungslos vererben, als wären sie ihr Privateigentum.

Machtdemonstration

Weil der Klerus seinen Nachwuchs nicht mehr selbst produzierte, war die Kirche auf andere Quellen angewiesen und erfand das bis heute fortschrittlichste Prinzip der Personalentwicklung: Bildung. Aus jeder Generation wurden die schlausten Jungen ausgesucht und mit der besten Bildung gefördert. Priester zu werden war unvorstellbar attraktiv, denn es war über Jahrhunderte die einzige Möglichkeit für die niederen Stände, sozial aufzusteigen.

Heute gibt es unzählige Möglichkeiten, nach oben zu kommen, in Unternehmen, in der Wissenschaft oder in der Politik. So hat die Kirche ihre Ausnahmestellung eingebüßt. Dass sie die besten Leute bekommt, "das gilt heute nicht mehr", gibt Annette Schavan zu. Pfarrer zu werden steigert das Ansehen nicht. Im Gegenteil: Wenn ein junger Mann den Eltern eröffnet, er möchte katholischer Geistlicher werden, reagieren die oft entsetzt: Junge, du kannst doch über alles mit uns reden. An der Basis, in den Gemeinden, werden die jungen Priester gern als "Jesu Resterampe" verspottet. "Frauen fragen sich oft", berichtet die Theologin Wuckelt: "Warum haben wir in der Kirche nichts zu sagen, wenn ausgerechnet solche Männer alle Macht bekommen?"

Daniela Engelhard ist die erste Frau, die Abteilungsleiterin in einem deutschen Bistum wurde. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, Mitarbeitergespräche mit Priestern zu führen.

Daniela Engelhard ist die erste Frau, die Abteilungsleiterin in einem deutschen Bistum wurde. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, Mitarbeitergespräche mit Priestern zu führen.

Als im vergangenen Herbst eine wissenschaftliche Studie offenlegte, wie viele Gottesmänner Minderjährige oder Ordensfrauen missbraucht hatten, hat das den Respekt der Katholikinnen vor ihrer Führungsmannschaft deutlich gemindert. "Das Ausmaß des Missbrauchs – auch von Ordensfrauen – hat mich schwer erschüttert", sagt Schwester Philippa. "Aber genauso sehr die systematische Vertuschung. Das ist für uns Frauen in der Kirche nur schwer zu ertragen."

Fast 2000 Jahre hat der Katholizismus das Abendland erst beherrscht, dann geprägt. Von der gewaltigen Bedeutung ist im Alltag der Kirche nichts mehr zu erahnen. Nur die monumentalen Gotteshäuser, wie der Dom zu Speyer, erinnern noch an den Anspruch des einstigen Imperiums. Hier spürt man das unerschütterliche Selbstbewusstsein, das die Kirche Roms einst ausstrahlte. Das gigantische Mittelschiff wird getragen von Säulen mit der Grundfläche einer Zweizimmerwohnung. Jeder Stein, der hier verbaut wurde, hat die Ausmaße eines doppeltürigen Kleiderschranks. Der Altar, so groß wie eine Garage, ist vom Eingang gegenüber nur schemenhaft zu erkennen. Das ganze Gebäude ist eine einzige Machtdemonstration. Die Botschaft lautet: Wir sind die Größten. Die Existenz dieser Organisation wird nun bedroht von der zweitklassigen Qualität ihres Führungspersonals, von Männern, die ihre problematische Sexualität im Schutz der Kirche auslebten, und von Vorgesetzten, die diese Täter gedeckt haben.

Priesterweihe für Frauen

Seit Anfang März ist zum ersten Mal eine Frau für den 1000 Jahre alten Dom zu Speyer verantwortlich. Hedwig Drabik, die neue Dombaumeisterin. "Ich muss dafür sorgen, dass der Dom erhalten bleibt", sagt die 32-jährige Architektin. "Bei einem solchen Gebäude gibt es kaum einen Tag ohne Baustelle." Was in anderen Bereichen der Institution undenkbar wäre, ist zumindest im Reparaturbetrieb Gottes bereits verwirklicht: Eine Frau hat das Kommando. Für Drabik nichts Besonderes. "In allen deutschen Bistümern gibt es schon seit Jahren Frauen in Leitungspositionen."

Daniela Engelhard war die erste. Als sie vor 17 Jahren Abteilungsleiterin für Seelsorge im Bistum Osnabrück wurde, galt das als eine Sensation. Inzwischen hat sie in den 27 deutschen Bistümern zehn Kolleginnen. Aber weiter nach oben geht es für Frauen nicht. Bei weltlichen Arbeitgebern hindert die gläserne Decke Frauen am Aufstieg. Doch in der Kirche ist es eine Decke so massiv wie die Mauern des Speyerer Doms. "Dass Frauen prinzipiell nicht alle Wege offenstehen, können viele engagierte Frauen nicht akzeptieren", sagt Engelhard.

Hedwig Drabik ist in der 1000-jährigen Geschichte des Doms zu Speyer die erste Frau, die als Dombaumeisterin für das Gotteshaus verantwortlich ist

Hedwig Drabik ist in der 1000-jährigen Geschichte des Doms zu Speyer die erste Frau, die als Dombaumeisterin für das Gotteshaus verantwortlich ist

Persönlich fühlt sich die Managerin von ihrem Arbeitgeber ernst genommen. "Ich kann viel gestalten." Sie ist sogar Mitglied in Kommissionen der Bischofskonferenz. Aber meist nur als Beraterin, ohne Stimmrecht. "Frauenwollen nicht nur beraten. Sie wollen auch entscheiden", fordert Engelhard. "Die Kirche besteht nicht nur aus Priestern und geweihten Männern. Gott ist zuerst Mensch geworden, nicht zuerst Mann." Dennoch steht bei Engelhard die Priesterweihe für Frauen nicht auf Platz eins der Forderungsliste. "Ich sitze nicht hier und schmolle, sondern ich konzentriere meine Energie auf das, was ich tatsächlich verändern kann."

Frauen als Pfarrer sind das Fernziel der Katholikinnen, das realistische Nahziel ist die Diakoninnenweihe. Diakone sind eine Art Lehrlinge, Pfarrer sind Gesellen, der Bischofsstab entspricht dem Meisterbrief. Schon vor über 20 Jahren wurde in Stuttgart das "Netzwerk Diakonat der Frau" gegründet. Daraus ist eine globale Bewegung geworden. Immer am 29. April feiern Hunderttausende Katholikinnen den "Tag der Diakonin". In den Anfangsjahren haben viele Pfarrer den Frauen noch verboten, sich in den Räumen der Kirche für solche ketzerischen Ziele zu treffen. Das Hausverbot wurde inzwischen aufgehoben. Mehr Fortschritt gibt es jedoch nicht.

"Provokation für heute"

"Manchmal empfinde ich schon Ohnmacht", gesteht Irene Gassmann. Sie ist die Priorin des Benediktinerklosters Fahr bei Zürich. Priorinnen werden, wie Äbtissinnen, von ihren Mitschwestern gewählt. Das verleiht ihnen größtmögliche Unabhängigkeit im irdischen Machtgefüge. Eigentlich. Weil aber das Nonnenkloster Fahr mit dem 60 Kilometer entfernten Mönchskloster Einsiedeln ein Doppelkloster bildet, muss sich die Priorin dem dortigen Abt unterordnen, obwohl die Schwestern ihn nicht wählen dürfen. Und Irene Gassmann muss sich mit dem Rang der Priorin abfinden. "Die Weihe macht die Männer stark. Sie gibt ihnen Macht und macht uns Frauen abhängig."

Um für ein gleichberechtigtes Miteinander von Frauen und Männern in der Kirche zu demonstrieren, ist die Priorin 2016 von St. Gallen 1 200 Kilometer zu Fuß nach Rom gepilgert. "Ich hatte schlimme Blasen an den Füßen." Rund 400 Katholikinnen haben sich ihr angeschlossen. Auch der Abt aus Einsiedeln hat sie unterstützt. Damit der Papst sich auf die Ankunft der Pilger einstellen konnte, hatte die Priorin ihm die Reise ein Jahr im Voraus schriftlich angekündigt. Zur Sicherheit schickte sie ein halbes Jahr später einen zweiten Brief hinterher. Dennoch hat Franziskus die Pilgerinnen nicht empfangen. "Ich glaube, dass unsere Briefe den Papst persönlich nie erreicht haben. Im Vatikan wird die Post des Papstes sorgfältig zensiert", sagt die Priorin. "Der Papst ist kein freier Mensch." Bis heute wissen die Frauen nicht, ob der Pontifex auf ihrer Seite steht. Oder nicht.

Seit der Pilgerreise ist Gleichberechtigung ein großes Thema im Kloster. Zum gemeinsamen Mittagessen gibt es stets eine Tischlesung. Derzeit lesen die Schwestern "Steht auf!" von Johannes Eckert. Ein Buch über starke Frauen im Markusevangelium, das sich in der Unterzeile eine "Provokation für heute" nennt.

Priorin Irene braucht keinen Anlass, um laut und herzlich zu lachen. Wenn es jedoch um die Herrschaft der Männer geht, klingt sie wie eine kämpferische Feministin. "Die Schublade Feminismus ist mir zu eng", widerspricht sie. "Wir wollen einfach vollwertige Mitglieder der Kirche sein. Aber wir sind auf die Männer angewiesen." Zum Beispiel beim Gottesdienst. Um etwa eine Messe feiern zu können, muss eigens der geweihte Abt anreisen. Damit mag sich die Priorin nicht abfinden.

Beten

Doch die Pilgerreise hat ihr Ziel verfehlt. Auch die vielen Briefe, die Eingaben, Demonstrationen und Protestaktionen haben bislang zu keiner nennenswerten Bewegung beim Klerus geführt. Da hilft nur noch: beten. "Ich bin überzeugt von der Wirksamkeit von Gebeten", sagt Priorin Irene und verweist auf die Wende 1989 in der DDR. Schon Jahre vor den Montagsdemonstrationen trafen sich jeden Montag Oppositionelle in der Leipziger Nikolaikirche zum Friedensgebet. Nach diesem Vorbild hat Priorin Irene im Februar das Donnerstagsgebet ins Leben gerufen. Für eine Gleichstellung von Frauen in der Kirche. Für die Weihe von Frauen zu Priesterinnen und Diakoninnen. Für die Opfer des Missbrauchs. Und dafür, dass "das Machtgefüge in der Kirche aufgebrochen wird". Am ersten Donnerstag betete sie nur mit ihren Mitschwestern aus Fahr in der Klosterkirche. Doch kurz darauf machten die Nonnen, was alle politischen Aktivisten tun: Sie gingen online: www.gebet-am-Donnerstag.ch. Dort laden die Benediktinerinnen alle Katholikinnen zum Mitbeten ein. Inzwischen machen schon 20 Klöster und Kirchengemeinden mit. Schwester Philippa und ihre Abtei St. Hildegard sind natürlich dabei. Priorin Irene hofft: "In der DDR begann die Wende mit den Montagsgebeten in Leipzig. Vielleicht beginnt die Wende in der Kirche mit den Donnerstagsgebeten."

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