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Kindesmisshandlung: "Diese Erfahrungen brennen sich ein"

Wenn Kinder von ihren Eltern misshandelt werden, werden sie die Schäden ihr Leben lang nicht mehr los. Im stern.de-Interview spricht der Neurobiologe Gerald Hüther über die psychischen Folgen, die neurologische Wirkung einer Ohrfeige und den Verlust des Urvertrauens.

Herr Professor Hüther, wie kann es, wie im Fall Karolina, passieren, dass eine Mutter mit frühkindlichen Gewalt- und wohl auch Missbrauchserfahrungen zusieht, wie ihr Kind misshandelt wird und ihm sogar dabei noch den Mund zuhält, damit es nicht schreit?

Wenn man nicht weiß, wie dramatisch die Folgen früher Gewalt- und Missbrauchserfahrungen für die weitere Hirnentwicklung und damit für die Ausbildung späterer Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster sind, wird man das, was hier geschehen ist, einfach nicht verstehen können. Vieles, was uns ganz selbstverständlich erscheint, hat diese Mutter nicht entwickeln können. Um mit diesen eigenen traumatischen Erfahrungen fertig zu werden, musste sie das Erlebte abspalten, dissoziieren. Auf diese Weise entstehen dann in einer Person zwei verschiedene Persönlichkeitsanteile, die sich oft getrennt voneinander weiterentwickeln. Hier das missbrauchte Kind und dort das "gute normale" Kind, jedes mit eigenen Gefühlen, Denkmustern und Verhaltensweisen im Gehirn verankert.

Später hängt es dann von der jeweiligen Situation ab, welche diese beiden Persönlichkeitsanteile dominant und damit verhaltenssteuernd wird. Mit ihrem Partner ist diese Frau offenbar in eine Rolle gegangen, wo sie vor allem Prostituierte war - und in dieser Rolle kann sie das Kind nicht gebrauchen, sie hört es schreien und nimmt es nicht wahr. Solange dieser Persönlichkeitsanteil in ihr aktiviert ist, kann sie kein Muttergefühl empfinden. Das ist abgespalten und gehört nicht zu diesem Persönlichkeitsanteil, den sie in dieser Situation lebt.

Was passiert mit Kindern, die misshandelt werden?

Diese Erfahrungen brennen sich ein. Das ist ja die vielleicht wichtigste neue Erkenntnis, die die Hirnforschung in den vergangenen Jahren gewonnen hat: dass die Erfahrungen, die man im Lauf seines Lebens gemacht hat oder durchmachen musste, in Form von neuronalen Netzwerken im Hirn verankert werden. Je früher diese Erfahrungen gemacht werden, desto stärker werden sie zum bestimmenden Maßstab für alle weiteren Erfahrungen. Kinder brauchen vorrangig Vertrauen - zu sich selbst, zur Welt, in der sie leben, und vor allem zur Familie, in der sie geborgen sind. Bei Misshandlung oder Missbrauch geht ihnen dieses Vertrauen völlig verloren. Sie können fortan keinem anderen Menschen mehr trauen, mit sehr weit reichenden Konsequenzen. Und sie erleben sich völlig ohnmächtig, die zweite große negative Erfahrung. Dass sie feststellen müssen, nicht in der Lage zu sein, in dieses Geschehen einzugreifen, es zu verhindern - einfach wehrlos zu sein.

Wie werden solche Erfahrungen von Kindern unterschiedlichen Alters verarbeitet?

Wir wissen heute, dass früh traumatisierte Menschen nur dann in der Lage sind, traumatischen Erfahrungen zu erinnern, wenn sie diese erlebt haben, als sie schon sprechen konnten. Wir brauchen also die Sprache, um diese Erfahrungen überhaupt in Worte kleiden, sie in Gedanken fassen und erinnern zu können. Sind die Kinder kleiner, wird das Trauma im Körper gespeichert. Das drückt sich dann später meist nur noch in der Körperhaltung aus, durch die Art, wie man später läuft, in der Mimik und Gestik oder wie man andere Menschen in den Arm nimmt. Die gebrochene Seele, die Probleme, die diese Menschen haben, mit ihren Gefühlen zurechtzukommen und sich in der Welt zurechtzufinden - all das sieht man ihnen von außen dann nicht so leicht an.

Welche Folgen hat das für die Entwicklung des Gehirns dieser Kinder?

Kinder haben nicht nur physische Grundbedürfnisse, um zu überleben - müssen essen, trinken, sich bewegen, schlafen -, sondern auch psychische. Jedes Kind hat schon während seiner vorgeburtlichen Entwicklung die Erfahrung gemacht, in engster Verbindung zu einem Menschen, nämlich der Mutter, gestanden zu haben, woraus das Bedürfnis entsteht, auch weiterhin diese engste Verbindung aufrechtzuerhalten. Die zweite große Erfahrung, die ein Kind macht: dass es immer gewachsen ist, dass es jeden Tag ein Stückchen Welt mehr erschlossen hat, dass es sich jeden Tag ein Stück weiterentwickelt hat, über sich hinausgewachsen ist.

Das sind die beiden Grunderfahrungen eines Kindes, aus denen das erwächst, was wir Urvertrauen nennen. Es ist der Glaube des Kindes, dass es wachsen kann und dass es dazu gehört. Wenn es dann plötzlich zu Misshandlungen kommt von einer Bezugsperson, mit der es sich eigentlich engstens verbunden fühlt, bricht für dieses Kind dieses Urvertrauen zusammen. Das ist so, wie wenn man ihm nichts mehr zu essen und zu trinken geben würde. Und ebenso, wie sich Kinder dann körperlich nicht weiter entwickeln können, kommen sie in ihrer psychischen, emotionalen und mentalen Entwicklung nicht weiter, wenn sie durch solche Missbrauchserfahrungen ihr Vertrauen verloren haben.

Wie wirken sich solche Erfahrungen später aus, wenn ein misshandeltes Kind erwachsen geworden ist?

Alle Menschen, die während ihrer Kindheit selbst Gewalt oder Missbrauch erfahren haben, sind in hohem Maße gefährdet, später mit ihrer eigenen Lebensgestaltung nicht zurechtzukommen. Wie sich das dann äußert - ob das ständige Partnerschaftsprobleme sind oder Probleme im Umgang und der Beziehung zu eigenen Kindern oder eine erhöhte Bereitschaft, selbst Gewalt anzuwenden -, ist schwer vorherzusagen. Das hängt auch davon ab, welche weiteren Erfahrungen der betreffende Mensch in seinem weiteren Leben noch gemacht hat. Aber in jedem Fall ist er vulnerabel, wie wir das nennen, anfällig. Weil er instabil in sich selbst geblieben ist, seine Potentiale nicht entfalten konnte, in seiner Entwicklung stehengeblieben ist.

Ist diesen Traumata mit professioneller Hilfe beizukommen?

Glücklicherweise gibt es inzwischen sehr erfahrene Traumatherapeutinnen und -therapeuten, die diesen Menschen mit unterschiedlichen, vor allem auch körperbezogenen therapeutischen Verfahren helfen können, diese traumatisierten Erfahrungen aufzulösen. Dabei geht es immer darum, die alte traumatische Erfahrung durch neue, Sicherheit bietende und Vertrauen zurückgewinnende Erfahrungen zu ersetzen. Das ist nicht leicht, aber wenn es gelingt, haben wir einen ganz anderen Menschen vor uns.

Eine Ohrfeige hat noch nie geschadet - was halten Sie als Neurobiologe von diesem oft gehörten Spruch?

Eine sehr kräftige und unglücklich angesetzte Ohrfeige kann bei kleinen Kindern, deren Halsmuskulatur noch nicht so ausgeprägt ist, dazu führen, dass der gesamte Kopf herumschlägt. Dann können sich Wirbel aushängen, Gefäße reißen, Einblutungen entstehen - mit dem Ergebnis, dass bestimmte Bereiche des Gehirns irreversibel geschädigt werden, dass es zu Lähmungen, gar einer Querschnittlähmung kommen kann. Eine aus Wut und in Rage gegebene Ohrfeige ist vollkommen unkontrolliert und kann deshalb immense neurologische Schäden anrichten.

Mit denen eine ganze Familie dann unter Umständen weiterleben muss.

Wenn so etwas passiert ist, wenn man einem Kind so etwas angetan hat und es dann wieder in diese Familie zurückkommt, wird das sehr schwer - täglich mit einem Kind zusammen zu sein, das man selbst zu einem Krüppel gemacht hat.

Interview: Manfred Karremann