HOME

Lea-Sophie: Verhungert am 20. November

Sie erträumten sich ein Zuhause und sperrten die Welt aus. Doch ihre Tochter Lea-Sophie machte in der Idylle nicht mit. Nicole G. und Stefan T. gaben die Fünfjährige auf - und ließen sie sterben.

Von Bernd Volland

Am Ende mussten sie doch noch Eindringlinge in ihr Reich lassen. Oben im vierten Stock, Kieler Straße 15, Schwerin, dort, wo auf dem Balkon die Geranien ordentlich in den Blumentopf gebettet sind. Dort, wo gleich zwei Fußabstreifer den Weg zur Wohnungstür weisen und dafür sorgen, dass ja nichts hineingetragen werden kann in die kleine Welt. Mein Heim ist meine Burg.

Das kleine Mädchen sieht man fast nie

Es waren der Notarzt und die Sanitäter, die kamen. Als an jenem Dienstag vergangener Woche Stefan T. und Nicole G. mit ihren beiden Hunden und dem Brüderchen Justin in die Wohnung zurückkehrten, hing Lea-Sophie ohnmächtig in ihrem Stühlchen, fünf Jahre alt, 7,4 Kilogramm leicht, dürr, zusammengesackt. Das Gesicht war blau angelaufen, sie war schon so gut wie tot - verhungert und verdurstet. Nicole nahm das Kind in den Arm, Stefan rief den Arzt. Es war das Ende.

Monster seien die Eltern, sagen die Menschen, die Kerzen vor dem Haus abstellen - dabei hatte Nicole, die Mutter, noch am Morgen des Tages Fußabdrücke von ihrem zwei Monate alten Sohn und sich in Gips gedrückt, um sie zu rahmen, als liebevolles Abbild einer heilen Welt. Asoziale Verwahrloste müssten das sein - aber Polizeibeamte sagen, sie hätten noch nie eine solch saubere Wohnung gesehen. Im Frühjahr 2004 ziehen Nicole G. und Stefan T. in den fünfstöckigen Plattenbau. Es gibt tristere Gegenden, das Haus ist frisch renoviert, Grünflächen vor jedem Block, Spielplätze, viel Luft und viel Licht. Die Mitbewohner haben schnell das Gefühl, dass das neue Paar wenig mit dem Rest der Welt zu tun haben will, zumindest nicht mit ihnen; es trägt beim Einzug den Schneematsch hinein und schert sich nicht drum, putzt auch nicht, als es darauf angesprochen wird. Ein Kind hat es nicht dabei, nur zwei Hunde. Irgendwann kommt ein kleines Mädchen nach, aber man sieht es fast nie, und die Rentner, die hier wohnen, haben durchaus Zeit zu beobachten, was im Haus vor sich geht. Manche wissen bis zuletzt nicht, dass es dieses Mädchen gibt. Die Wohnung war eine Festung, in die das Paar niemanden eindringen lassen wollte.

Die beiden lernen sich nicht in einer Disco kennen, sondern auf einem Laubenfest in der Kleingartenkolonie, wo ihre Eltern Nachbarn sind. Nicole, 17, und Stefan, 20, sind keine Partykinder. Sie ein etwas schüchternes, hübsches Mädchen, er drahtig und "umgänglich", wie Nicoles Vater heute sagt. Nicole macht ihren Hauptschulabschluss und beginnt eine Lehre als Bürokauffrau bei der IHK. Stefan, mit mittlerer Reife, macht eine Lehre zum Kfz-Lackierer. Dann, nach ein paar Monaten, wird Nicole schwanger. Und was bei anderen sehr jungen Paaren leicht zu Problemen führt - hier führt es zu einer Katastrophe, deren Ursachen womöglich weit zurückliegen. "Die Elternschaft beginnt sogar schon in der eigenen Kindheit", sagt Prof. Peter Riedesser, Kinderpsychiater am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf (UKE), "die Beziehungserfahrungen, die ein Mensch selbst als Kind macht, bleiben bewusst oder unbewusst in ihm als Beziehungsmodelle festgeschrieben." Und sie können sich wiederholen, weitergegeben werden, oft über Generationen hinweg.

"Traumatisierte Kinder wollen oft eine heile Familie gründen"

Stefan T. ist ein Scheidungskind, sechs Jahre alt, als seine Eltern sich trennen. Zum Vater, einem Fernfahrer, hat er wenig Kontakt, die Mutter findet einen neuen Mann, mit dem er sich nicht gut versteht. Das erzählt Stefan T. einmal einem Bekannten. Und auch, dass er mit seinem Stiefvater um die Liebe seiner Mutter kämpfen musste und verloren habe. Das ist seine Geschichte. Aber auch seine Freundin hat ihre Geschichte. Nicole G. ist ein Adoptionskind. Als Baby kam sie zu den Eltern, die sie heute Vater und Mutter nennt. In Wahrheit sind der Bruder und die Schwägerin ihres Adoptivvaters ihre leiblichen Eltern. Ein schwieriges Paar, insgesamt fünf Kinder, eines Tages wird der Vater, schwer traumatisiert von seiner Haft im Stasi-Gefängnis, ertrunken in einem See gefunden, Todesursache ungeklärt. Nicole erfährt erst als Jugendliche, dass der schwierige Onkel und diese Tante, die nach dem Tod des Mannes auch ihre restlichen Kinder zur Adoption freigibt, ihre leiblichen Eltern sind.

"Traumatisierte Kinder haben oft einen besonders großen Wunsch, eine heile Familie zu gründen. Kommt es dann zu einer Schwangerschaft", erklärt Riedesser, "entwickeln sie oft eine Menge von inneren Bildern, Fantasien, wie ein Kind in ihrer heilen Familie sein sollte. Ein Fantasiekind." 18 Jahre ist Nicole G. alt, als Lea-Sophie zur Welt kommt. Nicole G. bricht ihre Lehre ab, will sie auch nicht mehr aufnehmen. Anfangs lebt sie mit Lea-Sophie bei ihren Eltern. Stefan T. ist nicht bei Freundin und Baby, er leistet seinen Wehrdienst, will sich für vier Jahre verpflichten, Unteroffizier werden. Er wird als ein Mensch beschrieben, der Wert auf Zucht und Ordnung legt, keiner, der rumkaspert, vielleicht ist er beim Bund gut aufgehoben.

Lea-Sophie ist ein Frühchen, geboren nach sieben Monaten Schwangerschaft, sie ist klein und schwächlich, sie ist unruhig und will nicht so recht essen. Die Mutter fühlt sich überfordert, die Großmutter kümmert sich. Doch das Bemuttern vonseiten der Familie sei nervtötend gewesen, sagt Stefan T. rückblickend. Seine Armeekarriere endet, noch ehe sie beginnt. Als Panzergrenadier ist er zu weit von zu Hause stationiert, kann nicht täglich pendeln. Die Familie aber braucht ihn, so schildert er es heute. Er kehrt nach Schwerin zurück. Das Paar sucht sich schließlich eine Wohnung. Das neue Heim soll ein Paradies werden, die Großeltern richten das Kinderzimmer ein, sie unterstützen das Paar. Ein rosa Bettchen für Lea-Sophie, Gardinen mit Walt-Disney- Cinderellas, Kuscheltierarmeen. Hier soll für Stefan und Nicole das Leben auf eigenen Beinen beginnen, die eigene Familie, die nicht mehr die Familie ihrer Eltern ist.

Doch von Anfang an, erzählt Stefan dem Bekannten, habe seine Freundin entsetzliche Verlustängste gehabt, sie sei ständig in Sorge gewesen, dass ihr das Kind weggenommen würde. Daher die Scheu vor dem Jugendamt, vor Kita- Erzieherinnen und Kinderärzten. Vor ihnen wird das Paar fliehen, mit großer List, wobei es nicht schwer ist, das Amt zu überlisten.

Es wird ein komplizierter Fall

Wie ein schüchternes Mädchen habe seine Mandantin auf ihn gewirkt, als er sie jetzt zum ersten Mal sah, sagt Ullrich Knye, der Anwalt von Nicole G. Er blickt müde. Es wird ein komplizierter Fall. Vor Jahren bereits vertrat er eine 19- Jährige, die ihr Kind verhungern ließ und es im Müll entsorgte. Sie war drogenabhängig. Sie bekam viereinhalb Jahre Jugendhaft, viele haben das für viel zu milde erachtet. Seine jetzige Mandantin nimmt keine Drogen, beide Eltern rauchen nicht, sie trinken nicht, ja, sie essen auch selbst wenig, zwei ausgemergelte Gestalten.

"Meine Mandantin war überfordert", sagt der Anwalt. "Das Kind war nicht einfach, und sie selbst wurde im Stich gelassen. Stefan T. hat zu seiner Tochter nie eine Bindung aufbauen können, er fand nicht statt als Vater." Stefan T. sei sehr dominant gewesen, sagt Nicoles Vater Norbert G., sie habe sich von ihm unterbuttern lassen. "Er war nicht der ideale Mann, nicht gerade fleißig, sie hätte sich wohl ganz anders entwickelt, hätte sie einen anderen kennengelernt." Nie habe Stefan T. Arbeit gesucht, auch Nicole nicht dazu motiviert, nie im Haushalt geholfen, sie sei ganz auf sich selbst gestellt gewesen. Selten habe er sein Kind auf den Schoß genommen, erzählen Verwandte, und Nicole sei immer schweigsamer, immer schüchterner geworden, er habe sie regelrecht kontrolliert. Oft wenn er sah, dass sie mit jemandem vor dem Haus sprach, sei er runtergekommen, habe sich dazugestellt, am Schluss waren beide nur noch selten draußen zu sehen. Stefan T. hingegen sagt, er habe sich dafür geschämt, arbeitslos zu sein, deswegen habe er sich nicht aus dem Haus gewagt. Und bei Haushalt und Erziehung habe seine Freundin das Sagen gehabt, er hätte manches anders gemacht, nur weil er sich nicht durchsetzen konnte, habe er sich zurückgezogen. Aber das Kind habe er geliebt.

Er bleibt ein arbeitsloser Lackierer mit arbeitsloser Frau

Stefan T. nennt seine Tochter "meine Prinzessin", doch das macht ihn selbst noch nicht zum König. Es gelingt Nicole und Stefan nicht, eine wirkliche Beziehung aufzubauen, geschweige denn eine Familie, wie sie sich eine erträumten. Er bleibt ein arbeitsloser Lackierer mit arbeitsloser Frau. Immerhin errichtet er eine Festung mit ihr, ihr Heim wird ihre Burg. Und die Mauern werden weit hochgezogen. Niemand im Haus kann sich erinnern, dass je Freunde zu Besuch kamen. Selten, dass das Paar die Wohnung verließ, wenn, dann erst nachmittags. Vater fährt das Auto vor, Mutter und Hunde kommen die Treppe runter, steigen ein, und weg fährt der Wagen, als sei es eine konspirative Aktion. Und die Tochter? Man sieht sie nicht, die Nachbarn glauben, sie sei bei Verwandten.

Ein Leben in der Festung. Man sieht fern, der Vater flieht in andere Welten, die ihm sein Computer liefert, die Mutter spielt Hausfrau, putzt und putzt die Wohnung, dreimal am Tag, sagt Stefan T. Sie kümmert sich um die Hunde Jerry und Leo, die beiden Katzen, die sie auf der Straße aufgelesen hat, und die Meerschweinchen. Sie selbst laufen in einem Hamsterrad der Leere und Sinnlosigkeit. Und die "Prinzessin" ist schwierig. Sie will oft nicht essen. Stefan ist streng mit der Kleinen, so schildern es die Großeltern. "Er hat zu viel von dem Kind gefordert. Es sollte schon mit drei Jahren still sitzen, Guten Tag sagen, sich die Schuhe selbst binden", sagt Norbert G. Es ist ein Kind, das nicht so ist, wie man es sich wünschte, in einem Leben, das auch nicht so ist, wie man es sich wünschte. "Das reale Kind hat viele Bedürfnisse", sagt der Psychiater Riedesser, "es ist vielleicht ein Schreikind, weckt einen mehrfach nachts auf, ganz anders, als die Eltern es sich beim Fantasiekind ausgemalt haben. Und je stärker die Enttäuschung verfestigt ist, desto stärker kann bei Eltern das Gefühl eintreten, sie würden gequält. Das Kind sei ein kleiner Teufel, der die heile Familienwelt, in der ein pflegeleichtes Kind als Sonnenschein lebt, zerstören will."

Trennungsversuche ersticken im Streit

Das Leben in der Burg wird nicht besser. Die jungen Eltern streiten sich häufig, eine Mieterin unter ihnen zieht deshalb sogar aus. Mindestens einmal sei Stefan T. seiner Freundin gegenüber handgreiflich geworden, sagt Nicole G.s Anwalt. Sie habe mehrmals versucht, sich von ihm zu trennen. Doch diese Anflüge werden im Streit erstickt, Spiegel und Geschirr zerbrechen, Füße treten in Türen. Längst wird von allen Seiten an der Fassade gekratzt. Im Haus klagen die anderen Bewohner darüber, dass Stefan T. seinen Wagen auf den Behindertenparkplatz stellt, und über die Hundehaare im Treppenhaus. Sie beschweren sich bei der Hausverwaltung, die den beiden die Tierhaltung verbietet, doch die Tiere bleiben. Und das Kind isst wenig, das Kind ist schwierig. Die Großeltern sagen ihnen, dass sie sich Sorgen machen, aber Stefan T. will sich nicht dreinreden lassen, es ist sein Kind.

Am 2. November 2006 wendet sich Norbert G. erstmals an das Jugendamt. Die Großeltern haben das Gefühl, sie dringen nicht mehr durch, sie sorgen sich um die Enkelin, die dünn und unruhig wirkt. "Ich habe gesagt, sie sollen sich das Kind anschauen, ein Brief reiche nicht aus", sagt er. Und er warnt das Amt. "Ich habe gesagt, sie sollen sich nicht von einer sauberen Wohnung und ordentlicher Kleidung blenden lassen." Das Amt bietet den Eltern eine Beratung an, per Brief. Die haben kein Interesse. Drei Tage nach Lea-Sophies Tod sitzen im Rathaus von Schwerin zwei Herren mit Krawatten vor der Presse und sprechen sich frei. "Wir erkennen nicht, dass der Mitarbeiter zwingend hätte anders handeln müssen", sagt Sozialdezernent Hermann Junghans. "Es hätte in jeder anderen Stadt passieren können", sagt Schwerins Oberbürgermeister Norbert Claussen. Und: "Der, dem es passiert ist, hat in diesem Fall Pech gehabt."

Schwerin ist in der Tat kein Einzelfall. In Hamburg verhungerte 2005 die sieben Jahre alte Jessica. Jährlich sterben in Deutschland im Schnitt sieben Kinder wie sie. All das hat keineswegs nur mit Pech zu tun. Neue Stellen beim Jugendamt werden nicht wieder besetzt, klagte dessen Leiterin bereits im Vorjahr, die Mitarbeiter seien frustriert und überlastet, aber nichts änderte sich. Sie warnte vor dem Jugendausschuss: Auch in Schwerin könnten Kinder wie Jessica sterben. Am 26. Juni 2007 wendet sich der Großvater noch einmal an die Behörde. Er wird gefragt, ob das Wohl des Kindes in Gefahr sei, dann würde man die Polizei schicken. Es klingt fast wie eine Drohung. Norbert G. hat Sorge, dass den Eltern das Kind genommen wird, er verlässt das Stadthaus ohne eine weitere Auskunft des Amtes. "Beratungsgespräch erfolgt", wird in den Akten notiert. Ein Beratungsgespräch mit dem Großvater.

Die Mauern werden immer höher gezogen

Nicole G. hatte zu dieser Zeit bereits vom ersten Besuch ihres Vaters beim Jugendamt erfahren, es dürfte das Verhältnis nicht verbessert haben. Auch haben die Eltern sie und Stefan T. ins Gebet genommen, sie sollten sich Arbeit suchen. Nun schließt sich die Tür endgültig. Vielleicht ist es die Angst, sich die eigene Überforderung eingestehen zu müssen, und die Unzulänglichkeit der eigenen Traumwelt. Vielleicht ist es, wie Stefan T. sagt, die Verlustangst der Mutter, die sie Hilfe ablehnen lässt. Vielleicht ist es aber auch die Unfähigkeit, sich mit Problemen auseinanderzusetzen. Je mehr Signale von außen kommen, dass etwas schiefläuft, desto weiter werden die Mauern hochgezogen. Zu den Eltern von Stefan T. besteht schon länger kein geregelter Kontakt. Im Juni bekommen auch die Großeltern G. Lea-Sophie zum letzten Mal zu sehen. Ein- bis zweimal pro Woche hatte der Opa bisher Essen vorbeigebracht, Erbsen, Karotten, Kartoffelpüree, manchmal auch eine rosa Himbeer-Sahne-Torte. Nun steht er vor verschlossenen Türen.

Das Paar zieht sich immer mehr zurück. Selbst ihre Klingel klemmen sie ab. Sie sind nicht mehr zu erreichen. Die Kinder, die Eltern sein wollen, hören nun keine Ratschläge mehr, die sie als Vorwürfe empfinden könnten. Sie sind nun endgültig für sich. In einer Welt, die sie selbst geschaffen haben. Vielleicht vom Mann erzwungen und von der verschüchterten Frau erduldet, wie es Nicole G.s Vater sagt. Vielleicht von beiden. Es ist keine glückliche Welt, nur einmal glücklich erdacht. Aber womöglich ist ausgerechnet die kleine Lea-Sophie das letzte Wesen, das mit seiner unglücklichen Art diese Diskrepanz entlarvt. Doch das Paar, trotz Arbeitslosigkeit, trotz allen Streits, aller Kämpfe und aller Schwierigkeiten, träumt weiter. Träumt von einem zweiten Kind. Als Norbert G. im Juni erneut beim Jugendamt vorspricht, ist seine Tochter bereits wieder schwanger, ein Wunschkind. Und Lea-Sophie ist eifersüchtig auf ihr zukünftiges Geschwisterchen, auch wenn im Regal bereits ein Buch steht: "Ich bin jetzt eine große Schwester". Es gelingt den Eltern nicht, ihre Tochter auf die so herbeigesehnte Harmonie einzustimmen. Die Kleine schmeißt mit Sachen, sagt, ihr Brüderchen dürfe nicht in ihr Zimmer. Sie beginnt wieder einzunässen. Und, sagen die Eltern heute, sie weigert sich zu essen. Sie habe die Eltern erpressen wollen. Um was auch immer. Um Liebe?

"Mit der zweiten Schwangerschaft begann das Verhängnis"

In der Kanzlei zieht der Anwalt ein Foto aus der Mappe, es zeigt Mutter und Tochter Ostern 2007, ein etwas gequält lächelndes Kind und eine schmale junge Frau, die angestrengt mit einem Kettchen spielt. Das Kind ist schmächtig, aber nicht klapperdürr. Die Großeltern hatten es im Sommer auf die Waage gestellt, 13 Kilo wog es, zu wenig, 16 bis 20 sind normal in diesem Alter, aber Frühchen bleiben oft etwas dünner. "Das eigentliche Verhängnis begann erst mit fortschreitender Schwangerschaft und mit der Geburt des Brüderchens", sagt Anwalt Knye. Am 12. November geht ein anonymer Anruf beim Jugendamt ein. Ein Nachbar sagt, er mache sich Sorgen um den Säugling, er sei kaum draußen zu sehen, die Mutter gehe nur abends mit ihm und den beiden Hunden an die frische Luft, der Kinderwagen stehe unbewegt im Keller. Und das größere Kind scheine nicht mehr im Haushalt zu leben. Zwei Mitarbeiter fahren in die Kieler Straße, die Familie ist nicht da oder öffnet nicht, man hinterlässt einen Brief. Am nächsten Tag erscheinen Nicole G. und Stefan T. mit Justin im Amt, der Säugling scheint gut versorgt. Seine Schwester sei bei Bekannten, sagen die Eltern.

In Wahrheit sitzt Lea-Sophie allein zu Hause und hungert. Die Kleine habe sich nicht zum Essen zwingen lassen, sagen die Eltern. Dabei hätte Nicole es immer wieder versucht, mit Früchten, zerdrückten Bananen, Erbsen, eigentlich Babynahrung. Lea-Sophie aber wird weniger und weniger, sie verfällt vor den Augen der Eltern. Die Mutter sagt, sie habe allein vor dem Problem gestanden, im Stich gelassen von ihrem Freund. Ihr Anwalt sagt, sie sei irgendwann lethargisch geworden, habe aufgegeben. "Natürlich muss es einen gewissen Realitätsverlust gegeben haben", sagt er. "Zumindest, dass sie keinen Arzt gerufen hat. Meine Mandantin kann es immer noch nicht begreifen, sie ist überzeugt, das Kind sei erstickt. Es könne nicht verhungert sein." Der Vater sagt, seine Tochter habe sich selbst zu Tode gehungert, dass so etwas tatsächlich möglich sei, habe man doch nicht ahnen können, und seine Freundin, das Adoptivkind mit Verlustängsten, habe auch zu große Furcht vor den Ämtern gehabt. Das ist schwer zu glauben.

Es ist auch schwer zu glauben, dass die Stadtoberen tatsächlich überzeugt sind, im Todesfall Lea-Sophie sei alles korrekt gelaufen, obwohl trotz dreier Warnungen keine Alarmglocken schellten. Aber vielleicht ist die Wahrheit noch schwerer zu glauben. Ein Kind mit 7,4 Kilogramm, mitten in Deutschland, verhungert und verdurstet, seit Wochen nicht mehr gepflegt, wie die Ärzte sagen, ein Kind, das am Gesäß einen Dekubitus hatte, eine wunde Stelle, wie man sie von bettlägerigen Senioren kennt. Und ein Vater, der, als er abgeführt wird, die Beamten anweist, sich um seine Hunde zu kümmern. Die Hunde sind jetzt im Tierheim. Sie leiden an Übergewicht.

print