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Umweltschutz: Mission Weltrettung - die Geschichte von Boyan Slat, dem ehrgeizgen Visionär

Der junge Mann und das Meer: In der Bucht von San Francisco hat der Niederländer Boyan Slat eine selbst entwickelte Erfindung zu Wasser gelassen – er will damit die Ozeane von Plastikmüll befreien.

Plastikmüll: Der Niederländer Boyan Slat will per Schwimmnudel die Meere reinigen

Boyan Slat, 24, auf der Nordsee. Seine selbst entwickelte, raffinierte Konstruktion soll Meere vom Plastikmüll säubern. Das Projekt "The Ocean Cleanup" wurde jetzt in der Bucht von San Francisco gestartet.

Tja, was ist er nun? Aktivist? Zu viel der Ehre. Ihn reize bei allem Umweltbewusstsein vor allem die Herausforderung, als erster Mensch eine Technologie zu entwickeln, die endlich die Meere vom Plastikmüll befreie, sagt Boyan Slat, ganz der Wissenschaftler, der er eigentlich gar nicht ist. Und er will das tödliche Zeug, das auch in unseren Ozeanen treibt, gar nicht auf alle Zeiten ausrotten, er ist ja selbst ein Kind dieser Generation, kein Fundi, eher Realo mit Gewissen, Skateboard-Sneaker an den Füßen, immer den Laptop in Griffweite.

Er kann ja nichts dafür, dass ihm plötzlich viele alles zutrauen, als besitze er messianische Kräfte. Ob er sich nicht auch des Weltraumschrottes annehmen könne, wollte tatsächlich unlängst einer von ihm wissen.

Meeres-Sünden der Menschheit

Mancher Forscher dagegen sieht in Slats Schaffen eher das Werk eines Aktionisten, auch wenn das dieser Tage keiner laut aussprechen mag. Erlöser oder Größenwahnsinniger – dazwischen scheint es für Slat nichts zu geben. Aber er hat es ja so gewollt. Wer mit 24 Jahren die Gesetze des Umweltschutzes unserer so heillos verdreckten Meere umschreiben will, der muss nicht nur draußen im Pazifik mit Gegenwind rechnen. Bald wird die Welt erfahren, ob Boyan Slat aus Delft in den Niederlanden wirklich die Meeres-Sünden der Menschheit einzudämmen versteht. Oder alles bloß eine große Illusion gewesen ist.

Doch von vorn.

Es war 2010 und der junge Boyan noch keine 17 Jahre alt, als er bei einem Tauchkurs an der Küste der Insel Lesbos sein Schlüsselerlebnis hatte. Nicht Fische bestaunte er im Wasser, sondern Plastikmüll. Slat wollte sich damit nicht abfinden. An seiner Schule präsentierte er bei einem Wissenschaftswettbewerb ein erstes Konzept, es muss sich für seine Zuhörer angehört haben wie die rührende Spinnerei eines jugendlichen Idealisten. Doch die damals vorgestellten Prinzipien bilden heute die Grundlage der nun bevorstehenden Umweltschutzoperation.

Slats Erfindung in der Erprobungsphase: Ein Stück der Röhre wird auf Seetüchtigkeit getestet

Slats Erfindung in der Erprobungsphase: Ein Stück der Röhre wird auf Seetüchtigkeit getestet

Im Jahr 2012, bereits zwei Jahre nach seinem schockierenden Erlebnis in Griechenland, betrat Slat zum ersten Mal eine größere Bühne. Er hatte eine Einladung zur TEDx-Ideenkonferenz in seiner Stadt erhalten, um seinen Ansatz zur Lösung des Plastikproblems in den Ozeanen vorzustellen. Ein junger Mann sprach da, mit gerade 18 Jahren, im geschliffensten Englisch eines Keynote-Speakers. Der Pilzkopf erinnerte an die frühen Beatles, das legere, aus der Hose hängende Hemd eher an einen Informatikstudenten.

Gezielt setzte Slat seine Pointen, gekonnt die Pausen – perfekt vorbereitet, die Präsentation. Dort wurde sein Talent offensichtlich, selbst eher abständige Themen mit Humor und Emotion aufzuladen. Als hätten die berühmten Apple-Präsentationen von Steve Jobs als Vorlage gedient.

Ein Hochbegabter mit Charisma, ein bisschen altklug, kein Satz zu groß. Er redete über den unrühmlichen "Great Pacific Garbage Patch", einen laut Slat 1,6 Millionen Quadratkilometer großen Müllstrudel, das entspräche etwa der vierfachen Fläche von Deutschland, zwischen Hawaii und Kalifornien. Slat erklärte, mit seiner Technik könne sich der Strudel "selbst in fünf Jahren reinigen". Der Charme des Silicon Valley durchwehte den Raum, jene Mischung aus Understatement und Turbo-Ambition, ökologischem Bewusstsein und ökologischer Karriere – das ist bis heute Slats Markenzeichen. Einen Nerv hatte vor allem die Person Slat getroffen. Seine besondere Wirkung, sein Fluidum faszinierte – und tut es bis heute.

Diese Meeresschildkröte schluckt eine Tüte, die sie wohl für eine Qualle hielt. Pro Jahr verenden rund eine Million Seevögel, 100.000 Meeressäuger sowie unzählige Schildkröten und Fische durch Plastik im Meer.

Diese Meeresschildkröte schluckt eine Tüte, die sie wohl für eine Qualle hielt. Pro Jahr verenden rund eine Million Seevögel, 100.000 Meeressäuger sowie unzählige Schildkröten und Fische durch Plastik im Meer.

Sein Luft- und Raumfahrtstudium in Delft hat Slat kurz nach Beginn wieder abgebrochen – keine Zeit. Auf ihn warteten größere Aufgaben. Er gründete die Stiftung "Ocean Cleanup" und ist deren Geschäftsführer. Mehr als 70 hauptamtliche Mitarbeiter umfasst sein Stab. Das Crowdfunding, die Schwarmfinanzierung, läuft wie geschmiert. Das Geld gilt mindestens so sehr ihm wie seiner Sache. Über 30 Millionen US-Dollar hat Slat mittlerweile bei Privatleuten und Firmen eingesammelt, auch der Chemieriese Akzo-Nobel zählt zu seinen "Partnern".

Riesige Kunststoffwurst

Wahrscheinlich ist es auch diese jugendliche Chuzpe, die seinen Plan so weit hat reifen lassen. Und es ist ja nicht weniger als ein kleines Wunder, das sich in der Bucht von San Francisco zutragen soll: Eine Art riesige Schwimmnudel haben Slat und sein Team dort am Samstagmittag Ortszeit zu Wasser gelassen. Schlepper haben das 600 Meter lange schwarze Kunststoffrohr mit einem Durchmesser von 1,2 Metern vom kalifornischen Alameda aus in den Pazifik gezogen. Auch die Meerenge unter der Golden Gate Bridge hat es passiert.

Der "Great Pacific Garbage Patch" soll die Konstruktion ansteuern. Sobald die auf dem Wasser treibende Rohrnudel den Müllstrudel erreicht, so der Plan, wird sie das Plastik in den oberen Metern des Wassers zusammendrängen – ähnlich wie der Schieber eines Croupiers im Spielkasino die Jetons. Angetrieben wird die U-förmige Wulst nur durch die Kräfte des Ozeans: Mit der Strömung treibt sie durchs Meer, aber Wind und Wellenbewegung, so die Kalkulation von Slats Ingenieuren, werden sie etwas schneller voranschieben als das Plastik, das auf der Oberfläche und in der obersten Wasserschicht schwimmt.

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Damit auch der Müll in den oberen Schichten des Meeres erfasst wird, hängt unter dem Rohr ein etwa drei Meter tiefer Vorhang ins Wasser. Fische und andere Tiere können darunter hindurchtauchen. Scheinwerfer, Radar-Reflektoren, GPS- und Funksignale sollen vorbeifahrende Schiffe vor Zusammenstößen mit der riesigen Kunststoffwurst bewahren.

Den so zusammengeschobenen Plastikabfall werden Müllschiffe regelmäßig – geplant ist ein Abstand von mehreren Monaten – mit einem Netz abfischen und an Land transportieren. Dort will Slat die Massen recyceln und zu Geld machen.

70 Prozent des Plastikmülls gehen bis zum Boden

Wie groß das Müllproblem nicht nur im Pazifikstrudel wirklich ist, lässt sich bislang nur erahnen: Denn tatsächlich treibt nicht ein geschlossener Teppich aus Abfall durch unsere Meere, sondern eher eine bunte Mischung aus sporadisch vorbeidriftenden Fragmenten und Knäueln aus Unrat. Millimetergroße Plastikfetzen gehören ebenso dazu wie Tüten, PET-Flaschen, Joghurtbecher und weggeworfenes Spielzeug. Auch riesige alte Fischernetze werden immer wieder zur Todesfalle für Tausende Seevögel, Schildkröten, Delfine und andere Tiere.

Und das ist lediglich ein Bruchteil des Unrats. "An der Oberfläche der Meere schwimmt nur etwa ein Prozent des Mülls", sagt Melanie Bergmann, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Sie verfolgt seit Jahren die Verteilung von Plastikmüll in den Ozeanen. Das ernüchternde Fazit bisher: Vom meisten Dreck ahnt man nicht einmal, wohin er driftet. "Der Löwenanteil sinkt vermutlich zum Meeresboden", sagt Bergmann. Tatsächlich belegen Studien, dass etwa 70 Prozent des Plastikabfalls in der See in tiefere Schichten oder bis zum Boden absinken. Selbst leichte Kunststoffe werden von Algen und Tieren besiedelt und dadurch so schwer, dass sie untergehen.

Bergmann warnt deshalb davor, Slats Säuberungsaktion als Alternative zu einer verantwortungsbewussten Abfallentsorgung an Land anzusehen. "Man gibt den Leuten das gute Gefühl, es gebe eine einfache Lösung für den Müll im Meer. Es ist aber sinnvoller, den Konsum zu drosseln, statt Abfall wieder aus dem Wasser zurückzuholen", sagt sie.

Laut der Internationalen Naturschutzunion IUCN gelangen jedes Jahr schätzungsweise 9,5 Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane. Unzählige Tiere verenden, weil sie den Müll schlucken oder sich darin verheddern. Noch weiß niemand, ob Slats treibende Mülldeponie nicht ähnliche Probleme auslösen wird.

Dröhnend laute Versprechen

Mit 60 seiner Apparaturen, so glaubt Slat, könne man in fünf Jahren die Hälfte des "Großen Pazifik-Müllstrudels" aufräumen. Mit Geräten in allen Abfallstrudeln der Welt sei man sogar in der Lage, bis 2040 bis zu 90 Prozent des Plastiks in den Ozeanen zu beseitigen.

Es sind dröhnend laute Versprechen, die wohl auch genau deshalb Anklang finden. Tatsächlich wird sich die Wegwerfgesellschaft nicht hinter Boyan Slat verstecken können, egal, wie sein Experiment ausgeht. Als gesichert darf allerdings schon jetzt gelten: Der Junge, der nur tauchen wollte, hat nicht weggeschaut. Vor allem das macht Boyan Slat zum Vorbild.

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