HOME

Psychologe bei "Hart aber fair": "Eure politische Angst ist keinen Pfifferling wert"

Das Aufregendste an "Hart aber fair" zum Thema Terrorgefahr war ein Gespräch mit dem Politologen und Psychologen Thomas Kliche. Der ließ keine Fragen offen.

Mitglieder eines Polizei-Sonderkommandos bei einer Razzia gegen Islamisten in Berlin

Mitglieder eines Polizei-Sonderkommandos bei einer Razzia gegen Islamisten in Berlin

Islamisten, Salafisten und IS auf der einen, Pegida, AfD und Nazihooligans auf der anderen Seite. Liest man Tag für Tag die Nachrichten, kann einem schon Angst und Bange werden auf deutschen Straßen. Das Thema hat eigentlich alle Titelseiten und Talkshows durch. Doch dann kam ein Pschologe und mischte am Montagabend "Hart aber Fair: Terrorangst in Deutschland - wie nah ist die Gefahr?" ein bisschen auf. Weil er keine Lust auf die üblichen Sprüche und Mutmaßungen hatte. Das machte offensichtlich Gastgeber Frank Plasberg Angst: "Kabarettistisches Talent haben Sie auch" kanzelte er den Experten für politische Psychologie ab. Aber dazu gleich mehr. Erstmal zur Angst.

Bevor Professor Thomas Kliche loslegen durfte, gab es einen Einspieler über das Irrationale unserer Angst vor dem Terrortod. Der Kurzfilm zeigte uns, wie blöd wir eigentlich sind: Zwei Menschen sind seit 2001 bei Terrorattacken getötet worden. Dagegen gab es 6700 tote Fahrradfahrer und 90.000 Leichen durch Unfälle im Haushalt. Die Chance sei größer, eine Million im Lotto zu gewinnen, denn bei einer Attacke zu sterben, so der Bericht. Warum meinen wir trotzdem, Angst haben zu müssen, will Plasberg von Kliche wissen.

Es geht um Aufmerksamkeit

Der Mann mit dem freundlichen Gesicht führt den Begriff der politischen Angst ein, die mit Bauchgefühl oder auch klinischen Ängsten (wie vor Spinnen oder Fahrstühlen) nichts zu tun habe. Politische Ängste seien diffus, aus vielen Erfahrungen zusammengezogen, aus persönlichen Enttäuschungen und Zukunftsängsten und würden dann an ein aktuelles Ereignis gehängt, über das in den Medien breit berichtet werde. Und auch gern mit einer politischen Forderung verbunden. Diese Ängstesammlung könne in kurzer Zeit explodieren, aber nach ein, zwei Jahren auch wieder sang- und klanglos verschwinden. Dann kommt der schöne Satz: "Politische Ängste sind keinen Pfifferling wert!"

Menschen mit diesen Ängsten empfänden kein persönliches Leid, sagt Kliche, sondern litten darunter, dass ihre Sichtweise in der Gesellschaft nicht wahrgenommen werde. Somit seien sie auch nicht auf Heilung der Angst aus, sondern auf Aufmerksamkeit.

Das passe doch sehr gut auf Pegida, schlägt Plasberg vor. Doch Kliche bleibt lieber im großen Bild. Es sei das Kerngeschäft der Politik, Sicherheitsgefühl zu vermitteln, führt er bald darauf aus. Nicht Sicherheit selbst. Die Politik übernehme zunehmend die Rolle einer Psychotherapie: "Die Leute haben Angst, wollen wieder Kontrolle haben, wollen Lösungen sehen und die Politik muss suggerieren, dass sie welche hat."

Nächstes Thema, bitte

Als Plasberg fragt, ob man denn noch auf den Weihnachtsmarkt/Karneval gehen könne, lächelt Kliche und sagt "Einsam oder tot". Dann etwas ernster: "Wir reagieren auf die terroristischen Drohungen wie die dressierten Dackel und funktionieren genau so wie die Extremisten das wollen. Die Extremisten auf beiden Seiten."

Selbst die Vorratsdatenspeicherung würde die Menschen nur kurz beruhigen. "Menschen gewöhnen sich daran, dass bald ein anderes Thema wichtiger ist. Lassen Sie Fukushima wieder hochgehen, und die Angst vor der Kernkraft, die eine sehr reale ist mit sehr viel mehr Toten, steigt wieder an."

Das Finale folgt Plasbergs Frage nach den persönlichen Ängsten des Psychologen. Kliche überlegt und sagt dann sehr entschieden: "Davor, meiner Tochter nicht erklären zu können, was ich unterlassen habe, um Entwicklungen zu verhindern, von denen ich weiß, dass sie Freiheit und Sicherheit und Gerechtigkeit auf der Welt bedrohen und zerstören."

Was soll Plasberg dazu noch sagen. Das ganze Gespräch finden Sie hier.

sal