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Streit um homosexuellen Schützenkönig: Den Vogel abgeschossen

Weil ein homosexueller Schützenkönig seinen Partner zur "Königin" gemacht hat, verweist ein katholischer Schützenbund auf das Sakrament der Ehe. Alltag trifft Tradition trifft Sommerloch.

Von Sophie Albers

Mit 366 Treffern hat der Freizeitschütze Dirk Winter im Mai in der 127 Mitglieder zählenden katholischen St. Wilhelmini-Schützenbruderschaft in Kinderhaus, einem Stadtteil von Münster, den Vogel abgeschossen. Damit war er nicht nur Schützenkönig, er machte auch seinen langjährigen Partner zur "Königin". Die Kinderhauser Schützen hat es nicht gestört. Und das war sogar ein paar Zeilen in der "Bild"-Zeitung wert: "Wir wurden von allen Seiten zu so viel Toleranz beglückwünscht", ließ sich der erste Vorsitzende zitieren.

Allerdings hatte er dabei nicht an die Toleranzgrenze der katholischen Kirche gedacht.

Den Alltag ausblendende Ignoranz

Die reagierte knapp drei Wochen später mit einem Brief. Angeregt von Weihbischof Heiner Koch im Erzbistum Köln, ausgeführt vom Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften, dem Koch vorsteht. Unter dem Betreff " Stellungnahme des Präsidiums vom 2. Juli 2011 zu homosexuellen Königspaaren in den Bruderschaften" steht dort zu lesen:

Dass zwar "nichts gegen die Mitgliedschaft homosexueller Personen in unseren Schützenbruderschaften" spräche, das Königspaar jedoch höchstes Repräsentantenpaar einer Bruderschaft sei, und da "für uns als katholische Gemeinschaft das Sakrament der Ehe eine wesentliche tiefere Bedeutung als jede andere Lebenspartnerschaft" habe, das öffentliche Auftreten des homosexuellen Paares gegen das Statut verstoße. Denn "gemäß Statut des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften 'verpflichten sich die Mitglieder der Schützenbruderschaften zum Bekenntnis des Glaubens durch Eintreten für die katholischen Glaubensgrundsätze und deren Verwirklichung. Im Geiste der Ökumene haben die Mitglieder anderer christlicher Konfessionen in den Mitgliedsbruderschaften die gleichen Rechte und Pflichten'. Unter dieser Verpflichtung stehen in unserem Bund besonders seine Verantwortungs- und Würdenträger, weshalb eine Krönung und Insignienübergabe, sowie ein gemeinsamen Auftreten und Aufziehen nur im Rahmen dieser Vorgaben erfolgen kann."

Weil man Besseres zu tun hat, als Menschen zuzuhören, die - Entschuldigung, aber diese Steilvorlage... - den Schuss nicht gehört haben, würde man normalerweise über diese den Alltag ausblendende Ignoranz einfach den Kopf schütteln und alle Vorurteile gegen die katholische Kirche bestätigt sehen. In Zeiten des Sommerlochs ist es jedoch offensichtlich eine größere Geschichte.

Entspanntes Abwinken

Also schaut man genauer hin: Der homosexuelle Schützenkönig hat seine Version der Geschichte bereits mit einem Satz klar und deutlich eingeordnet: "Mich verletzt das nicht, ich finde das bloß affig." Die Pressesprecherin seiner Schützenbruderschaft klingt schon weniger selbstbewusst: Wir finden das nicht gut, aber wir haben gesagt, okay, die Vorgaben vom Bund können wir akzeptieren, wenn mehr Auflagen nicht kommen." Und nun kommt's: Laut Pressesprecher des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften sei der Brief nichts weiter als eine Bitte. Definitiv keine Vorgabe.

Überhaupt wird hier sehr entspannt abgewunken: Man habe nie gesagt, dass das Paar nicht nebeneinander marschieren dürfe, so der Sprecher über die Aufregung der Presse. Immer wieder habe es homosexuelle Schützenkönige oder -königinnen gegeben. "Vor fünf oder sechs Jahren hat eine lesbische Schützin ihre Freundin zur Königin gemacht." Damals sei nichts geschehen, weil es nicht groß thematisiert wurde. "Es geht nur darum, dass sie nicht in aller Öffentlichkeit als Ehepaar auftreten", so der Sprecher. Und führt in rheinisch-charmanter Forschheit aus: "Wenn dir die Regeln des Vereins nicht passen, dann trete nicht ein." Schließlich sei in nächster Zeit nicht damit zu rechnen, dass die katholische Kirche plötzlich gleichgeschlechtliche Ehen anerkenne.

1300 Bruderschaften mit insgesamt 400.000 Mitgliedern in den sechs Diözesen Aachen, Essen, Münster, Paderborn, Trier und Köln sind im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften versammelt. Mitglieder, die sich scheiden lassen, sind noch immer Anlass für Diskusionen. Auf der Website wird unter anderem stolz auf die Einführung des Bundesköniginnentages 1956 verwiesen. Damit "sollte die Stellung der Frau in Bruderschaft und Gesellschaft in den Mittelpunkt" gerückt werden. "Dies war zu einer Zeit, in der die meisten Bruderschaften nur männliche Mitglieder aufwiesen, ein mutiger und richtungsweisender Schritt".

Höchste Zeit für den nächsten!