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Familiendrama: Mit 15 reiste seine Tochter zum IS nach Syrien. Über die verzweifelte Suche nach Leonora

Sie tanzte als ­Funkenmariechen. War Klassen­sprecherin. Und zog dann in den Islamischen Staat. Seit viereinhalb Jahren kämpft Maik Messing um das Leben seiner Tochter Leonora. Eine Geschichte von Verführung. Und Vaterliebe.


Tochter beim IS: Vater Maik Messing spricht über den Kampf um sie

Maik Messing, 47, mit einem Porträt seiner Tochter ­Leonora. Nun, nach ihrer Flucht aus dem IS-Gebiet, lebt sie in einem Haftlager im Nordosten Syriens.

"Gott sei Dank hat sie den Koffer nicht vergessen." Das ist Maik Messings erster Gedanke, als er neben den Fußstapfen die Spuren der Rollen im Schnee vor dem Haus sieht an diesem Morgen Anfang März, er kommt vom Schichtende in der Backstube. Tage zuvor hatte er den Koffer extra vom Speicher geholt, für die Theateraufführung in der Schule, wie er da noch dachte. Doch Leonora, Neuntklässlerin aus Breitenbach, einem 200-Seelen-Dorf im Südharz, ist nicht in der Schule. Sie wird auch das Wochenende nicht wie geplant bei ihrer Mutter verbringen, die in einem Nachbardorf lebt, seit Jahren schon von ihm getrennt.

Als der Bäcker und ehemalige Bundeswehr-Richtschütze Maik Messing an jenem Wintermorgen 2015 die Spuren im Schnee entdeckt, sitzt seine 15-jährige Tochter schon im Flugzeug Richtung Istanbul. Die Buchung für Flug TK1598, der Frankfurt am Main um 7.45 Uhr verlassen hat, wird er ein paar Tage später auf ihrem Computer finden, den sie mit dem Tagebuch auf dem Himmel-bett zurückgelassen hat. In ihrem Mädchenzimmer unterm Dach mit Schminktisch, Nagellack und dem kaum gelesenen Koran im Regal.

Einer der hochrangigsten Deutschen im IS

Doch da ist es schon zu spät. Der Handykontakt abgebrochen. Sechs Tage Ungewissheit. Dann eine SMS. Nihad Abu Yasir nennt der Absender sich. Maik Messing hat den Namen noch nie gehört. Dahinter verbirgt sich einer der hochrangigsten Deutschen im IS: Martin Lemke aus Zeitz in Sachsen-Anhalt, nur etwa hundert Kilometer von Breitenbach entfernt. Aber das ahnt Messing damals nicht. "Ihre Tochter liebt Sie", schreibt er. "Sie hat sich aber für Allah und den Islam entschieden. Sie ist im Islamischen Staat."

Martin Lemke: Frau des IS-Kämpfers erzählt im stern ihre Geschichte

Wie reagierten Sie auf das Verschwinden Ihrer Tochter?

In den ersten ein, zwei Tagen hast du das Gefühl: Das stimmt doch nicht. Das kann nicht sein. Unmöglich. Dann fällst du immer tiefer. Fassungslos. Du kannst nicht mehr handeln. Alles ist weg. Weg. Du versuchst zu begreifen, was dein Kind angerichtet hat, was dein Kind mit dir gemacht hat. Und dann fragst du dich: Was um Gottes willen hast du falsch gemacht bei der Erziehung?

Sie wussten, dass Leonora sich für den Islam interessierte?

Leo. Lassen Sie uns Leo sagen. Leonora hab ich nur gesagt, wenn ich streng sein wollte. Ja, wir haben gewusst, dass sie sich für den Islam interessiert. Sie hatte muslimische Freundinnen. Die kannten wir fast alle. Die waren bei uns. Ich habe mit denen gekocht. Die waren alle äußerst gemäßigt. Ich hab zu ihr gesagt: Wenn du dich dafür interessierst, dann kauf dir den Koran. Aber besorg dir eine kommentierte Version, damit du verstehst, was da drinsteht.

Leobota mit ihrer Tochter, das Gesicht verschleiert, in al-Hol

Der stern traf Leonora – hier mit ihrer Tochter Habiba – vor sechs Monaten im Haftlager al-Hol bei al- Hasaka in Syrien

Und – hat sie ihn gelesen?

Leos Koran ist bis heute so, wie sie ihn gekauft hat. Man sieht ja, ob ein Buch gelesen worden ist oder nicht. Den hat sie ein- oder zweimal aufgeschlagen. Das war’s. Meine Frau und ich waren der Meinung, mit 14, 15, da kommt morgen der nächste junge Mann um die Ecke – und dann ist das Thema weg und was anderes aktuell. Mopedfahren. Disco. So was.

Später haben Sie erfahren: Leo radikalisierte sich in Chatgruppen. Über ein Jahr bevor sie verschwand, war sie mit 14 Jahren zum Islam konvertiert. Kurz nach ihrer Ankunft in Syrien schrieb sie: "Ich mache das nicht zum Spaß, sondern für Gott."

Zwei Wochen bevor Leo von zu Hause verschwunden ist, hat sie zu Karneval als Funkenmariechen mit Dreispitz und kurzem Rock getanzt. Sie hat zwei Leben geführt. Wir waren völlig ahnungslos. Dabei dachte ich immer, dass wir ein sehr enges Verhältnis hatten. Ich war wahnsinnig enttäuscht. Sie hat mich hinters Licht geführt. Das überwiegende Gefühl ist wirklich Enttäuschung, bis heute. Trotzdem stand meine Liebe zu Leo nie infrage. Ich habe sie nie aufgegeben.

Mitte März 2015 heiratet sie Martin Lemke, mit Kalaschnikow vorn, in Syrien – sie ist eine der drei verschleierten Ehefrauen. Neben dem offiziellen Bild schickt Leonora auch ein Foto von sich als Braut im grünen Kleid.

Mitte März 2015 heiratet sie Martin Lemke, mit Kalaschnikow vorn, in Syrien – sie ist eine der drei verschleierten Ehefrauen. Neben dem offiziellen Bild schickt Leonora auch ein Foto von sich als Braut im grünen Kleid.

Wo haben Sie sich Hilfe gesucht?

Zuerst kam das LKA. Erst habe ich noch gedacht: Die werden’s schon richten. Wir haben dann aber schnell gemerkt, dass das nicht so ist. Zum Glück haben wir bald Kontakt zu anderen Eltern bekommen, denen es mehr oder weniger genauso gegangen ist wie uns. Es war wichtig, nicht das Gefühl zu haben: Wir sind hier die Deppen von Deutschland, die nicht checken, wie sich ihre 15-jährige Tochter radikalisiert. Das hat die Lage erleichtert.

Dann haben Sie Leos Mutter ein Versprechen gegeben.

Ich hole sie zurück. Weihnachten sitzt sie wieder bei uns unterm Tannenbaum.

Eigentlich hatte Maik Messing in diesen Tagen im Frühjahr 2015 in ein neues Leben starten wollen. Anfang Februar hatte er zum zweiten Mal geheiratet. Ein Foto vom Hochzeitstag zeigt Leonora in schwarzem Kleid mit weißem Kragen an seiner Seite. Für das Bild hat sie die Hand auf seine rechte Schulter gelegt. Es ist das letzte gemeinsame Foto. Keine sechs Wochen später ist das Mädchen mit der Hochsteckfrisur selbst verheiratet. Auf dem Hochzeitsfoto aus Syrien liegt ein vermummter Mann mit Kalaschnikow auf dem Boden, an der Wand hinter ihm hängt die schwarze Fahne des IS, davor hocken seine drei vollverschleierten Frauen. Welche davon seine Tochter ist, erfährt Maik Messing nie. Leonora schickt eine Sprachnachricht: "Es geht mir sehr, sehr gut."

IS-Kämpfer Martin Lemke: "Ich habe niemanden geköpft"

Vier Monate später reist der Vater ins türkische Grenzgebiet zu Syrien. Er will Kontakt zu Schmugglern aufnehmen, die versuchen sollen, Leo aus der IS-Hochburg Raqqa herauszuholen. Ein syrischer Geschäftsmann bietet seine Hilfe an. Er gehört zum Umfeld der Nusra-Front, einer Islamisten-Miliz, die gegen den IS kämpft und angeblich schon anderen Ausländern zur Flucht aus dem IS verholfen hat. Leonora bereut ihre Ausreise zum IS inzwischen bitterlich. Ihr Ehemann hat sich als herrischer Typ entpuppt. Sie und ihre Mitehefrauen machen sich das Leben gegenseitig zur Hölle. Gleichzeitig bombardiert die internationale IS-Koalition die Stadt.

Zwei Wochen lang versuchen Vertraute des Schmugglers ab Anfang August, ein geheimes Treffen mit Leonora zu arrangieren. Aber mal sind zu viele IS-Wachen auf der Straße. Mal gibt es Verwirrung um den Treffpunkt. Dann fliegt der Rettungsversuch auf. Die Schmuggler werden verhaftet. Der Kontakt zu Leo bricht ab. Wurde sie auch festgenommen? Droht ihr nun gar der Tod?

Tage später geht bei Leonoras Mutter im Nachbardorf eine Whats­app-Nachricht ein. "Ihre Tochter wurde gestern durch einen Bombenangriff schwer verletzt und liegt im Koma." Wenige Tage später: "Ihre Tochter hat es nicht geschafft. Sie ist vor wenigen Stunden gestorben."

In diesem Haus in Raqqa lebte Leonora

In diesem Haus in Raqqa lebte Leonora

In Breitenbach versammelt Maik Messing den engsten Familienkreis zu einer Trauerfeier in seinem Haus. Vielleicht, denkt er, war es ein gnädiger Tod. Jedenfalls besser, als für einen Fluchtversuch hingerichtet zu werden. Gemeinsam mit dem Dorfpfarrer plant die Familie eine Gedenkfeier für die kommende Woche. Da geht bei einer Freundin von Leonora eine offenbar hastig getippte Nachricht ein: "Egal was sie sagen ich bin nicht gestorben oder liege im koma. ich habe nur internetverbot. Nihad hat mich aus der todeszelle gerettet. alles ist gut." Der IS- Geheimdienstmann Martin Lemke hatte den tödlichen Luftschlag vorgetäuscht, weil er Angst vor Drohnenangriffen auf sich hatte. Und um den Rettungsversuchen von Maik Messing ein Ende zu setzen.

Wochenlange Anspannung während der Fluchtversuche, ständige Todesangst um Ihr Kind. Wie haben Sie das alles ausgehalten?

Die Liebe zu Leo hat mir sehr viel Kraft gegeben. Und die Liebe meiner Frau zu mir.

Mitten in all diesem Aufruhr sind Sie Anfang 2016 zum zweiten Mal Vater geworden.

Die Kleine ist unser Sonnenschein. Ich sage immer: Wir haben sie nicht deswegen bekommen, sondern trotzdem. Ich liebe Leo, und ich habe sie nie aufgegeben. Aber wir haben uns unser Leben Stück für Stück zurückgeholt.

Ein schwieriger Balanceakt?

Eine Achterbahn der Gefühle. Wenn es eine Quintessenz der letzten viereinhalb Jahre gibt, dann diese: Es kann immer noch schlimmer kommen. Und das tat es ja auch.

Wie das?

Voriges Jahr um diese Zeit war ich im Kopf schon auf der Leiter, mit dem Strick in der Hand.

Was ließ Sie so verzweifeln?

Ich wurde von Schleusern erpresst.

Ein neuer Fluchtversuch?

Ja. Leo hatte inzwischen ihr erstes Kind zur Welt gebracht, die kleine Habiba, meine Enkelin. Der IS hatte Raqqa verloren. Leo und die Familie waren in ein Wüstendorf nahe der irakischen Grenze geflohen. Doch auch hier wurden die Luftangriffe immer stärker. Sieben Monate hatten wir gar keinen Kontakt. Dann wollte Leo mit der zweiten Ehefrau Lemkes fliehen. Eines Tages rief sie an. Es gehe jetzt los. Wenn sie in der Türkei wären, sollte ich die Schleuser bezahlen.

Vater Messing in der Türkei auf der Suche nach seiner Tochter

Vater Messing in der Türkei auf der Suche nach seiner Tochter

Und dann?

Die wollten mehr Geld. Im Voraus. "Wenn du nicht zahlst, dann schicken wir dir Bilder von deiner Tochter und deiner Enkelin, die dir nicht gefallen werden", schrieben sie mir per Whatsapp. Ich bin fast irre geworden.

Wie viel forderten die Erpresser?

Das ging bei 15.000 US-Dollar los. Da hab ich gesagt: So viel hab ich nicht. Gehen nicht 8000 US-Dollar?

Sie haben um das Leben Ihrer Tochter und Enkelin gefeilscht?

Ja. Ich habe denen gesagt: Bringt mir Leo und Habiba, dann kriegt ihr das Geld. Aber sie antworteten: "Nein, du musst Geld schicken, sonst tot." Gleichzeitig haben sie mir aber nie gesagt, wie ich ihnen das Geld schicken sollte. Irgendwann dachte ich: Du gehst jetzt in den Stall und hängst dich auf. Denn wenn ich nicht mehr lebe, haben die keinen Ansprechpartner mehr. Dann muss Leo vielleicht auch sterben. Aber dann hat meine Familie Ruhe.

Wie ging es weiter?

Meine Frau hat mir gesagt: "Sie ist dorthin gegangen. Sie wollte das so. Mach die Augen auf. Hier sitzt deine zweijährige Tochter. Und ich. Und wir schneiden dich nicht vom Balken ab." Ich habe dem Schleuser dann geschrieben: "Macht, was ihr wollt." Und seine Nummer blockiert. Ich konnte nicht mehr.

Dachten Sie in diesem Moment, Sie besiegeln das Schicksal Ihrer Tochter und Enkelin?

Ja. Das war die dunkelste Stunde – drei oder vier Tage später meldete Leo sich dann auf einmal wieder. Sie hätten die ganze Zeit bei dem Schleuser rumgesessen und seien nie losgefahren. Zu viele Checkpoints. Sie gehe jetzt wieder nach Hause. Das war alles ein Riesenbluff. Können Sie sich vorstellen, wie man sich da fühlt?

Weiß Leo, was da bei Ihnen los war?

Ich habe es ihr am Telefon erzählt. Sie hat gesagt, das könne nicht sein. Ich solle ihr die Chats mit den Erpressern schicken, sie würde das überprüfen.

Sie hat Ihnen nicht geglaubt?

Nein. Sie glaubt mir bis heute nicht.

Ende Januar gelingt Leonora Messing gemeinsam mit ihrem Mann und dessen Zweitfrau die Flucht aus dem letzten IS-Gebiet bei Baghuz im Euphrattal. Sie ergeben sich der kurdisch-geführten Miliz "Syrische Demokratische Kräfte". Die inzwischen 19-Jährige wiegt nur noch 38 Kilogramm, sie ist von Hunger und Entbehrungen gezeichnet. Wochen zuvor hat sie mitten im Krieg ein zweites Mädchen entbunden, das sie Maria nennt. Mit den beiden Kindern kommt Leonora ins Haftlager al-Hol, es wird in diesen Wochen zur Auffangstation für über 70.000 gefangene IS-Mitglieder, unter ihnen viele ausländische IS-Frauen mit ihren Kindern. Martin Lemke wird getrennt von seiner Familie inhaftiert.

Das Elternhaus in Breitenbach

Das Elternhaus in Breitenbach

Montag, 25. Februar 2019, später Vormittag. Die Frau in langer schwarzer Abaya und Niqab wirkt deutlich größer als das Mädchen auf dem vier Jahre alten Hochzeitsfoto. Leonora Messing hat die eineinhalb Jahre alte Habiba auf dem Arm. Das kleine Mädchen mit blauen Ohrsteckern weint viel, es wirkt unterentwickelt. Die Mutter sagt: "Sie kriegt Zähne." Das Gespräch mit dem stern ist Leonora Messings erstes Interview mit einem deutschen Medium seit ihrer Flucht aus dem Kalifat.

Den Gesichtsschleier wird sie während des Video-Interviews nicht ablegen. Sie sagt, sie müsse den Niqab im Lager tragen. Andere IS-Frauen würden sie sonst drangsalieren. Dabei denkt sie bereits über eine Zukunft in Deutschland nach: "Wenn wir zurückkommen, wird bestimmt alles gut für uns." Dem Dschihad schwört sie ab, sie will aber weiter als Muslimin leben. Sorgen macht sie sich wegen ihrer abgebrochenen Schulausbildung. Sie erzählt, sie sei in Raqqa weiter zur Schule gegangen, habe Arabisch gelernt und sich Teile des Korans eingeprägt. Dann rezitiert sie die erste Sure des Korans.

Was hoffen Sie, Herr Messing?

Wenn es gut läuft, kommen Leo und die Kinder noch dieses Jahr nach Hause. Zumindest binnen der nächsten zwölf Monate sollte es so weit sein.

Die Bundesregierung macht bisher keine Anstalten, erwachsene Deutsche, die sich dem IS angeschlossen hatten, zurückzuholen. Woher nehmen Sie diese Zuversicht?

Der Druck auf die Regierung wird wachsen. Es ist jetzt an der Zeit zu handeln. Das sind schließlich deutsche Staatsbürger.

Und wenn es so weit ist: Dann möchten Sie Leo und die Kinder wieder bei sich in Breitenbach aufnehmen?

Ich denke, am Anfang ist es besser, wenn wir das nicht machen. Die Meinung im Dorf ist im Moment so, dass das nicht gut wäre. Das liegt an Leos Interview mit dem stern.

Der Hintergrund: Ende Februar trifft sich die mittlerweile 19-Jährige mit dem stern-Journalisten Steffen Gassel für ein Interview im Flüchtlingslager al-Hol bei al-Hasaka in Syrien. Dabei verrät sie, sie habe während ihrer Zeit beim IS den Koran in großen Teilen auswendig gelernt. Als Beweis singt und rezitiert sie die erste Koransure.

Inwiefern?

Ich habe da meine kleine, naive Tochter gesehen, die vor der Kamera sitzt und nicht ansatzweise nachdenkt, was sie gerade tut.

Leo hat zu Beginn des Interviews bestätigt, dass sie freiwillig spricht. Nach unserem Eindruck war das für sie eine Gelegenheit, eine Botschaft loszuwerden.

Ich mache Ihnen gar keinen Vorwurf. Sie haben die Dinge so dargestellt, wie Sie sie vorgefunden haben. Sie haben die Wahrheit gezeigt. Aber hier im Dorf hat dieses Video Ängste geschürt. Die Leute haben da eine vollverschleierte Frau gesehen, die den Koran rezitiert und offensichtlich nichts begriffen hat. Viele haben das Gefühl: Die ist gefährlich. Die hat was vor. Die geht hier in den nächsten Edeka mit einem Rucksack und macht Bumm.

Sagen Ihnen die Leute das offen?

In den sozialen Netzwerken schreiben manche: "Schade, dass sie nicht umgekommen ist", und Ähnliches. Ihrer Mutter ist klipp und klar gesagt worden, dass ihr Haus angezündet würde, wenn Leo dort einzöge. Selbst Leute, die Leo gut kannten, sagen inzwischen zu mir: "Maik, nüscht für ungut, aber bring sie mal besser nicht hierher. Wir fühlen uns nicht wohl."

Trotzdem sagen Sie heute, genauso glasklar wie vor vier Jahren, als Leo verschwand: Sie gehört hierher, zu uns, nach Breitenbach.

Ja.

Klammern Sie sich nicht an eine Vorstellung von Ihrer Tochter, die nicht mehr der Wahrheit entspricht?

Ich weiß, dass sie sich verändert hat, nicht nur äußerlich, sondern auch im Inneren. Leo ist verführt worden. Aber mit dem Schritt zum IS hat sie sich natürlich auch zur Täterin gemacht. Sie muss für das, was sie getan hat, geradestehen. Aber was immer von dort zurückkommt, ist und bleibt mein Kind. Hier drin (drückt die Faust aufs Herz). Die liebe ich auch noch. Wir müssen ihr die Chance geben, jetzt nachzuholen, was sie versäumt hat. Und dafür sorgen, dass ihre Kinder so normal wie möglich aufwachsen. Ich weiß: Das Schwierigste kommt noch. Wenn Leo wieder hier ist. Niemand weiß, ob diese Geschichte gut ausgeht oder zu einer Riesenenttäuschung führt. Nur eines ist sicher: Für mich wird sie nie zu Ende sein. Bis zu meinem letzten Atemzug.

Maik Messing und seine Frau haben begonnen, Leonoras altes Dachzimmer zu renovieren. Statt Himmelbett und Schminktisch stehen dort nun ein Wickeltisch und ein großes Bett zum Ausziehen. Platz für ein Kinderbett ist außerdem. Nur einer, sagt er, kommt ihm nicht über die Schwelle: Martin Lemke, sein Schwiegersohn.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen: