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Erhängte Mädchen in Indien: Kein Leben vor dem Tod

Dieses Bild ging um die Welt: die Leichen zweier indischer Mädchen an einem Baum. Mord, sagen die Eltern. Freitod, sagt die Polizei. Spurensuche in einer mittelalterlichen Gesellschaft.

Von Raphael Geiger

Vergewaltigt und erhängt: Zwei Mädchen wurden im Mai vergangenen Jahres in einem Mangobaum im indischen Dorf Katra gefunden. Die Polizei wollte den Fall nicht untersuchen, ging von Selbstmord aus.

Vergewaltigt und erhängt: Zwei Mädchen wurden im Mai vergangenen Jahres in einem Mangobaum im indischen Dorf Katra gefunden. Die Polizei wollte den Fall nicht untersuchen, ging von Selbstmord aus.

Das Bild seiner toten Tochter hat Sohan Lal an seine Haustür geklebt. In einem grünen Sari hängt sie an einem Baum. Daneben in einem roten Sari die Leiche ihrer Cousine, Sohan Lals Nichte. Der Vater besitzt außer einem alten, verblichenen Passbild kein Foto, das seine Tochter lebendig zeigt. Mukti hieß sie. Ihre Cousine hieß Puja, sie waren beste Freundinnen.

Und Sohan Lal war mal ein zufriedener, sorgloser Mann. Vor dieser Nacht, als jemand Mukti* und Puja* entführte. Und sie zuerst vergewaltigte und dann tötete. Sohan Lal hat keine Eile, noch nie gehabt, auch mit seiner Trauer nicht. Sechs Monate ist Mukti tot, vielleicht wird er, so wie heute, noch jahrelang jeden Tag zu dem Baum gehen. Er hat seitdem nicht wieder gearbeitet, hat seine Felder verwildern lassen, er lebt von Spenden.

In Sohan Lals Gesicht hat sich das Leben gegraben, die Arbeit auf dem Feld. Er nimmt es mit Gleichmut. Immer dieselbe Mimik, nie Wut, nie ein Lächeln. Seine Stimme ist rau, kehlig, ganz monoton. Ein kleiner, hagerer Mann, der nie im Leben Überfluss kennengelernt hat, immer nur das knappe Überleben von Tag zu Tag.

Er weiß nicht genau, wie alt er jetzt ist. Ungefähr 50, schätzt er.

Sohan Lal lebt nicht nach einer Uhr, sondern dem Stand der Sonne. Er geht immer gleich langsam durch sein Dorf. Manchmal, zufällig, hört er in einem Geschäft Radio. Er geht zur Wahl, aber die Politiker, die er wählt, hat er noch nie gesehen.

Der Vater kommt täglich zum Tatort

An diesem Morgen, die Sonne ist gerade aufgegangen, ist er von seinem Haus zu dem Baum gegangen, an dem seine Tochter hing. Jetzt sitzt er vor dem Baum auf der Erde und schaut in die Leere. Von seinem Haus sind es nur ein paar Minuten durch die Felder hierher. Anfangs, nach dem Tod, kam er selten, oder wenn, dann nur mit Freunden. Jetzt kommt er täglich, immer allein. Morgens meistens, nach dem Aufstehen um fünf Uhr. Er findet immer noch wenig Schlaf.

Wenn er unter dem Baum sitzt, stört ihn nicht, was um ihn herum passiert. Man kann sich zu ihm setzen und minutenlang mit ihm schweigen. Oder man fragt ihn etwas, dann antwortet er kurz, danach schweigt er wieder.

Vertraut er der Polizei? Ich vertraue Gott, sagt er. Wie starb Mukti? Gott ist die einzige Person, die alles weiß, die alles lösen kann.

Für Sohan Lal ist das Leben auf der Erde nur eine beschwerliche Phase. Auf den Tod folgt die Erlösung, daran glaubt er.

Sohan Lal, hier im Dorf Katra geboren, wird in Katra sterben. Er würde sich nie über sein Leben beschweren. Verheiratet mit einer Frau, die ihm die Familie aussuchte, Vater von vier Kindern, vielleicht wird er seine Enkel noch sehen.

Mukti war ungefähr zwölf.

Viele Versionen eines Todes

An ihrem letzten Morgen, es war der 27. Mai, und es waren Sommerferien, besuchte Mukti Sohan Lal auf dem Weizenfeld. Sie brachte ihm eine Kanne Tee, scharfen Masala Chai mit Milch. Ob sie ihm helfen solle, fragte sie Sohan Lal. Nein, geh nach Hause, hilf deiner Mutter, antwortete er.

Mukti tat es, sie ging zurück in den Hinterhof der Familie, pumpte Wasser aus dem Brunnen in eine Wanne, wusch Kleider. Eine Freundin von Mukti, sie wohnt in derselben Straße, ihre Eltern haben einen Laden, erinnert sich, dass Mukti ins Geschäft kam und Schulden beglich. Beim letzten Einkauf fehlte Muktis Eltern Geld.

Viele Freundinnen habe Mukti nicht gehabt, sagt Sohan Lal. Eigentlich habe sie selten das Haus verlassen. Meistens spielte sie mit Puja, ihrer Cousine, die direkt nebenan wohnte. Puja, ungefähr 14, die Tochter von Sohan Lals Bruder.

Als es Mittag wurde, kochte die Mutter Dal, ein Linsengericht, und Mukti machte dazu Fladenbrot. Nachmittags gingen Mukti und Puja auf einen Markt. Es heißt, sie hätten auf dem Weg dorthin Pappu getroffen, einen Jungen aus einer anderen, verfeindeten Kaste. Pappu habe ihnen 20 Rupien geschenkt, ungefähr 25 Cent, ein wenig Geld zum Einkaufen.

Es gibt von Muktis und Pujas Tod viele Versionen, monatelang hat die indische Bundespolizei ermittelt. Haben Jungen aus einer anderen Kaste Mukti und Puja vergewaltigt, getötet und an zwei Ästen des Baumes aufgehängt?

Hatte eines der Mädchen eine Affäre mit einem der Jungen und Sohan Lal selbst oder seine Familie erfuhren davon, worauf sie die Töchter umbrachten, in der Absicht, die Ehre zu schützen?

Mukti wollte Ärztin werden

Was war Mukti für ein Mensch?

Ihre Mutter versteht die Frage nicht, Sohan Lal weiß keine Antwort.

Was machte Mukti gern in ihrer Freizeit?

Die Mutter zeigt ein kleines Pferd, das Mukti aus alten Plastikverpackungen bastelte. Immer kleine Tiere. Als die Mutter das Pferd in der Hand hält, fängt sie an zu weinen.

Eine gute Schülerin sei sie gewesen, ja. Englisch habe sie gern gemocht. Sie bewahren zu Hause noch ein paar ihrer Schulhefte auf. Ärztin habe sie werden wollen. Vielleicht hätte sie auf die Highschool gehen können, nach der Grundschule.

Wobei, die nächste Schule ist im nächsten Ort, eine Autostunde weit weg, sie hätte dort übernachten müssen, zusammen mit den Schulgebühren hätte das an die zehn Euro im Monat gekostet, wahrscheinlich hätte sich das Sohan Lal nicht leisten können. Sehr wahrscheinlich wäre Mukti keine Ärztin geworden.

Sie hätte geheiratet, ihr Leben zu Hause verbracht. Ihre weiteste Reise wäre die zu den Eltern ihrer Mutter geblieben, 20 Kilometer weit weg. Ihr Leben wäre so still weitergegangen, wie es begann.

Tägliche Berichte über Vergewaltigungen

An Muktis letztem Tag verließ Sohan Lal nachmittags das Feld und ging in eine kleine Ziegelfabrik, in der er nebenher arbeitete. Als er spätabends nach Hause kam, war Mukti schon verschwunden, wieder mit Puja. Es war dunkel, und sie hatten den Müttern gesagt, sie müssten auf Toilette.

Sie gingen dazu immer aufs Feld, zu Hause gab es keine Toilette. Und weil sie Mädchen waren, weil sie nicht gesehen werden durften, gingen sie immer nur in der Dunkelheit. Sie beeilten sich, sie hatten gehört von diesen Geschichten. Männern, die den Mädchen auflauern.

Die indischen Zeitungen sind voll davon, jeden Tag. Neue Gruppenvergewaltigung in Neu-Delhi: eine Schlagzeile. Vergewaltigung in Uttar Pradesh: eine Meldung. Ein Mädchen, tagelang missbraucht worden, springt von einem Hochhaus: eine Spalte.

Indien verzweifelt daran, dass junge Männer denken, sie könnten sich Mädchen einfach nehmen. Mit ihnen Sex haben und sie danach töten. Oft sind die Mädchen neun, zehn Jahre alt und die Männer noch Jungen, nur ein paar Jahre älter.

Viele Inder sind fassungslos darüber. Sie fordern Hinrichtungen, Härte. Anderen ist es egal, es berührt sie nicht besonders.

Der Vater kennt den Ort, ein Feld

Es muss zwischen acht und neun Uhr abends gewesen sein, als Mukti und Puja losgingen. Nur zwei Minuten weiter, wo die Felder beginnen, trafen die Mädchen auf Pappu, den Jungen, der ihnen am Nachmittag angeblich Geld gegeben hatte.

Pappu gestand noch in der Nacht, dass er die Mädchen entführt habe. Er sagte den Polizisten sogar, wo genau er sie vergewaltigt habe. Sohan Lal kennt den Ort, ein Feld, es liegt zwischen seinem Haus und dem Baum, fast in Hörweite des Dorfs.

Pappu sei nicht allein gewesen, da waren noch andere Männer, sagte der Hauptzeuge, er heißt Nazru. Er lebt gleich in der Nähe. Nazru, ungefähr 25 Jahre alt, war oft in Sohan Lals Haus zu Gast. Nazru sagt, er sei wie ein Onkel zu den Mädchen gewesen, er habe sie sehr gemocht. An dem Abend war er auf seiner Weide und trieb die Kühe zusammen, als er Schreie hörte.

Er lief los, hin zu dem Lärm, aber er sah die Mädchen nur noch von fern. Sie schrien um Hilfe, sagt er, dann zerrten die anderen Männer sie weg. Er erkannte sie nicht, nur Pappu erkannte er. Pappu holte seine Pistole heraus und richtete sie auf Nazru.

Nazru sagt, in dem Moment sei er vor Angst einfach abgehauen, die Mädchen waren weg. Nazru ging zum Haus der Eltern und erzählte, was geschehen war. Sohan Lal war noch immer nicht zurück, die Mütter der Mädchen baten Verwandte um Hilfe, gemeinsam zogen sie hinaus auf die Felder, riefen nach den Töchtern, nichts.

Als Sohan Lal nach Hause kam, sammelte er Helfer. 50, 60 Leute. Nachbarn, Freunde. Sie suchten, schrien nach den Mädchen, nichts. Es war Mitternacht, als Sohan Lal zum ersten Mal in seinem Leben zur Polizei ging. Die meisten Polizisten gehörten zu Pappus Kaste, den Yadavs. Er, ein Shakya, erhoffte sich nicht viel von ihnen.

Links Puja, vermutlich 14 Jahre alt, rechts Mukti, 12 Jahre. Mutkis Vater zeigt die einzigen Fotos, auf denen sie lebend zu sehen sind.

Links Puja, vermutlich 14 Jahre alt, rechts Mukti, 12 Jahre. Mutkis Vater zeigt die einzigen Fotos, auf denen sie lebend zu sehen sind.

Die erste Frage: Welche Kaste?

Weniger als 200 Yadavs leben in Katra, aber im ganzen Bundesstaat Uttar Pradesh sind die Yadavs einflussreich. Der Regierungschef ist ein Yadav. Es ist keine hohe Kaste eigentlich, aber eine, die schon immer viel Handel betrieben hat, wodurch einige Yadavs wohlhabend wurden.

Die Yadavs in Katra lebten bis vor ein paar Jahren auf der anderen Seite des Ganges. Der Ganges, Indiens heiliger Fluss, fließt fast direkt an Katra vorbei. Dann kam eine Flut, und die Yadavs verloren ihre Häuser. Sie siedelten nach Katra über.

Es heißt, die Yadavs, die vom anderen Ufer, die seien schlechte Menschen. Man wolle nichts mit ihnen zu tun haben, sagt Sohan Lal.

Die Polizisten schliefen, als Sohan Lal und seine Gruppe ankamen. Nach einer Weile erst stand der Ranghöchste auf, ein Yadav. Er fragte Sohan Lal: welche Kaste?

Er rief zwei seiner Untergebenen, auch Yadavs. Helft uns, unsere Töchter zu finden, flehte Sohan Lal. Eure Töchter werden schon wiederkommen, sagte ein Polizist. Verhört Pappu, rief Nazru, er hat die Mädchen. Einer der Polizisten schlug Nazru daraufhin ins Gesicht.

Der Ranghöchste willigte schließlich ein, er wollte Ruhe, mit den Leuten zog er die Hauptstraße entlang zum Haus von Pappus Familie. Die Polizisten nahmen Pappu mit aufs Revier.

Ein Geständnis wollten sie von ihm, der Diensthabende schlug ihn. Schlug ihn ein weiteres Mal. Sohan Lal und die anderen sahen zu. Dann gestand Pappu, sagte, er habe die Mädchen vergewaltigt und wisse, wo sie seien. Bald seien sie zu Hause, versprach er. Siehst du, sagt der Polizist zu Sohan Lal: Sie kommen nach Hause, jetzt lasst uns in Ruhe.

Ein Leben wie vor Jahrhunderten

In dem Moment, sagt Sohan Lal, habe einer der anderen Polizisten zu Pappu gesprochen. Der Mann, der Nazru geschlagen hatte. Er sagte zu Pappu: Geh nicht als Vergewaltiger ins Gefängnis, die werden dich schlecht behandeln, geh lieber als Mörder, dann wirst du respektiert.

Stunden vergingen, Sohan Lals Helfer suchten weiter, sie organisierten einen Wagen, der Besitzer fuhr sie umsonst.

Es war nach vier Uhr morgens, von den Mädchen keine Spur, von den Polizisten keine Hilfe, Sohan Lal war verzweifelt. Er saß im Wagen, sie fuhren umher, ziellos. Dann klingelte das Handy, Sohan Lals Bruder. Die Mädchen sind tot, sagte der. Wir haben sie gefunden, sie hängen an einem der Mangobäume.

Es wurde gerade hell. Und nichts war klar. Was war wirklich geschehen in der Nacht?

Es ist eine Geschichte von einfachen Leuten, von Armut, rückständigem Denken. Vom Leben in einem indischen Dorf, wo Menschen beinah so leben wie vor Jahrhunderten.

Mukti und Puja wohnten in einem Haus, einem Flachbau, immerhin aus Ziegeln statt aus Stroh, es liegt im Hinterhof. Sohan Lal gehört ein Drittel des Hauses, der Raum rechts. Hier wohnte Mukti mit ihren Eltern. In den beiden anderen Zimmern wohnen Sohan Lals Brüder, unter ihnen Pujas Vater, mit ihren Familien.

Sie teilen sich den Hof, auf ihm findet das Leben statt. Hier waschen sie sich, kochen sie, schlafen sie. Alles ist öffentlich, nichts privat. Wenn ein Mann und eine Frau Sex haben wollen, warten sie, bis das Dorf schläft, dann gehen sie aufs Dach ihres Hauses. Sie schlafen kurz miteinander, leise, ein schneller, unbemerkter Moment.

Die Jungen fühlen sich den Mädchen überlegen

In Katra leben um die 5000 Menschen, sie gehören zu mehr als 25 Kasten, die sich nicht vermischen. Der Bürgermeister sagt, es sei friedlich. Der Vorfall, also der Tod der beiden Mädchen, sei einmalig gewesen.

Bitte, sagt er, schreiben Sie das: Wir sind ein friedliches Dorf.

Woran fehlt es in Katra? An allem, sagt der Bürgermeister.

Es gibt keine weiterführende Schule. Nach der achten Klasse musste Puja die Schule verlassen. Es gibt keinen Arzt, nur ein paar Männer, die am College waren und die Leute für 20 Rupien, 25 Cent, untersuchen. Sie sitzen in kleinen Läden an der Hauptstraße, in die jeder hineinsehen kann, sie impfen, verschreiben Schmerzmittel. Wenn sie nicht weiterwissen, schicken sie die Patienten in die nächste Stadt.

Wer sich das nicht leisten kann, muss eben mit seinen Beschwerden, mit seiner Krankheit leben.

Jeder, der kein eigenes Land hat, sagt der Bürgermeister, hat keine Arbeit und geht fort.

Es gibt in Katra Internet über das Mobilfunknetz, aber nur jeder Zwanzigste ist online, sagt der Bürgermeister. Jeder Fünfte hat einen Fernseher oder sieht bei Nachbarn fern. So ist die Dorfgesellschaft zerschnitten in höhere und niedrigere Kasten, hinzu kommt die Informationskluft.

Die einen gucken Videos auf Youtube und schreiben sich auf WhatsApp, die anderen, dazu gehören Sohan Lal und seine Familie, hören nur Radio, und das nur selten.

Die einen, die wenigen, sehen Bollywood-Filme, die anderen haben davon nur entfernt gehört. Die einen Jugendlichen, wenige, sind aufgeklärt, andere haben keine Ahnung, was Sex überhaupt ist. Sie leben alle im selben Dorf, sie kennen einander, aber die einen, die wenigen, sehen herab auf die anderen, die vielen.

Und Jungen, auch arme Jungen, wissen immer mehr, haben mehr gesehen als Mädchen. Jungen dürfen sich frei bewegen, Mädchen bleiben meistens zu Hause. Jungen fühlen sich Mädchen überlegen.

Rätsel um ein zerstörtes Handy

Sohan Lal, der Angst hatte vor der örtlichen Polizei, bat die Bundespolizei um Hilfe, das Central Bureau of Investigation (CBI). Eine Behörde, der die Leute vertrauen, auf sie hoffte Sohan Lal.

Pappu kam in Untersuchungshaft, und die Ermittlung begann. Aber sie entwickelte sich anders, als Sohan Lal es sich vorgestellt hatte.

Das CBI fand merkwürdig, dass Sohan Lal und sein Bruder das Handy der Familie versteckt hatten. Auch Puja hatte es benutzt. Als die Familie das Gerät herausgab, war es fast zerstört. Die Ermittler fanden Hunderte Anrufe von Pappu. Im Dorf gab es das Gerücht, Pappu habe mit Puja eine Affäre gehabt.

Sohan Lal sagt, er habe davon nicht gewusst, er kenne sich ja nicht aus mit Handys, er wisse nur, wie man einen Anruf annimmt und auflegt. Und als er sich einmal furchtbar geärgert habe, habe er das Handy gegen die Wand geschleudert, deshalb sei es in dem Zustand.

Was hätte er, das Familienoberhaupt, getan, wenn er von einer Affäre erfahren hätte? Ich hätte ihr vorgeschlagen, dass sie den Mann heiratet, sagt er.

Das CBI fand auch verdächtig, dass auf den Kleidern der Mädchen keine männliche DNA zu finden war, und auf Pappus Kleidung keine weibliche. Gab es gar keine Vergewaltigung?

Die Eltern erklären es damit, dass die lokale Polizei die Kleider zur Untersuchung schickte. Vielleicht haben die einfach andere Kleider geschickt, sagt Sohan Lal, oder sie haben sie vorher noch gewaschen.

Das CBI, unsicher, ob Sohan Lals Geschichte stimmt, brachte beide Familien zu einem Lügendetektortest. Eine Beamtin stellte ihnen Fragen: Waren Sie schon einmal in Mumbai? Waren Sie schon einmal im Kino? Saßen Sie schon einmal auf einem Stuhl? Dann: Wie haben Sie die Mädchen getötet?

Wochen vergehen - die Aussagen verändern sich

Sohan Lal und sein Bruder bestanden den Test nicht. Pappu bestand.

Nazru, ein kräftiger Mann, immer mit einem Grinsen im Gesicht, war der gute Zeuge gewesen, der Retter. Wenn man ihn sucht, muss man zu seinem Feld, dort arbeitet er. Es ist ein heißer Nachmittag, er setzt sich auf die Erde, wartet auf Fragen

Als die Wochen vergingen, Verhöre sich wiederholten, änderte Nazru seine Aussagen. Er wurde verdächtig.

Er sagte nun, Pappu habe ihn in der Nacht nicht mit einer Waffe bedroht. Er habe nur Angst gehabt, Pappu könnte eine Waffe besitzen, und sei deshalb geflohen.

Er konnte sich nicht mehr an Pappus Begleiter erinnern, von denen er erzählte, sie seien mit den Mädchen verschwunden. Pappu sei allein gewesen, sagte er jetzt.

Die Mädchen hätten um Hilfe geschrien, sagte er zuerst. Nein, daran könne er sich nicht erinnern, sagte er dann.

Er sei auf der Weide bei den Kühen gewesen, sagte er, bevor er seine Aussage änderte: Er sei Wasser holen gewesen.

Er gab zu, dass er zwar danach zum Haus der Eltern gegangen sei, aber denen nicht von den Mädchen erzählte, sondern: dass auf dem Feld Räuber seien. Erst zwei Stunden später berichtete er von den Mädchen. Nazru, heißt es, sei eifersüchtig gewesen auf den jüngeren Pappu, der so viel Kontakt zu den Mädchen hatte. Vielleicht, heißt es, habe Nazru in der Nacht auch etwas von den Mädchen gewollt, und Pappu ging dazwischen? Sie prügelten sich, dann liefen beide nach Hause, aber was geschah mit den Mädchen?

Mädchen tun so etwas nicht

Puja, erzählt Nazru nachmittags am Feld, sei ein tolles Mädchen gewesen. Ein wenig schüchtern, aber sehr hübsch und freundlich. Mehr als eine Freundin, sagt er, eher eine Verwandte.

Was, wenn er erfahren hätte, dass Puja eine Affäre hatte?

So etwas ist nicht richtig, sagt Nazru, Mädchen tun so etwas nicht. Ich hätte sie vielleicht geschlagen.

War es ein Ehrenmord?, fragten die Zeitungen nach ein paar Wochen. Es schien, als würden sich die Ermittlungen gegen Sohan Lal und seine Familie richten. Töteten sie die Mädchen wegen der Affäre? Oder war es Nazru, aus Eifersucht?

Oder war es Pappus Vater, den sie im Dorf als gefährlichen Mann beschreiben, als einen, dem man alles zutrauen kann. Es heißt, der Vater habe vor einigen Jahren seinen eigenen Bruder lebendig angezündet, weil er dessen Haus wollte. Noch während der Bruder im Feuer starb, habe er auf ihn eingetreten. Wollte der Vater Pappu schützen, nachdem der die Mädchen vergewaltigt hatte?

Vater Sohan Lal geht jeden Tag zu dem Baum, an dem seine Töchter gefunden wurden

Vater Sohan Lal geht jeden Tag zu dem Baum, an dem seine Töchter gefunden wurden

Ein Mann mit dem Ruf, sich zu nehmen, was er will

Sein Haus liegt am Ortseingang, zu Fuß zehn Minuten von Sohan Lal. Ein Ziegelbau, unverputzt, drinnen besteht der Boden aus Heu. Es ist kalt an diesem Morgen, kurz nach sechs Uhr, die Sonne geht gerade auf, die Familie steht um einen kleinen Haufen Äste, mit dem sie ein Feuer machen. Sie wärmen sich.

Sohan Lal hatte gesagt, die Yadavs hätten Verbindungen zur Polizei. Die Polizisten streiten das ab, sie waren erst seit Kurzem in Katra stationiert. Die Yadavs, sagte Sohan Lal, könnten doch die Bundespolizei bestochen haben. Die seien einflussreich, in Indien könne man alles kaufen.

In Wahrheit ist die Familie so arm wie die Familie der Mädchen. Der Vater trägt jeden Tag den gleichen Rock und ein zerrissenes T-Shirt. Als Pappu im Gefängnis war, verfiel das Feld, die Ernte ist verloren.

Da steht er am Feuer, der Vater, Veere Singh Yadav, ein Mann, der vielleicht bald 60 wird, auch er hat nicht gezählt. Er hat graue Haare und einen grauen Schnauzbart, den er sich fast bis zum Kinn wachsen lässt. Veere Singh ist ein strenger Vater, er befiehlt und erwartet Gehorsam. Im Dorf hat er den Ruf eines Mannes, der sich nimmt, was er will.

Neben ihm am Feuer steht seine Frau, ein traumatisierter Mensch. Als Pappu im Gefängnis war, bekam Veere Singh Angst vor den Leuten im Dorf, fürchtete Rache und flüchtete auf die andere Ganges-Seite. So war die Mutter allein, zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie irrte umher, wusste nicht wohin, wünschte sich die Familie zurück.

Davon hat sie sich noch nicht erholt. Es fehlt Pappu, angeblich 18 Jahre alt. Pappu, der die beiden Mädchen zuletzt gesehen und sich mit Nazru geprügelt haben soll. Pappu, der Hauptverdächtige. Sein Vater wird ihn immer entschuldigen, wird sagen, Pappu habe am Feld zu arbeiten. Vielleicht will er Pappu verstecken?

Angst vor den Leuten im Dorf

An diesem Morgen macht sich Veere Singh auf zur anderen Seite des Flusses, wo Pappu wartet. Er trägt einen langen Stock bei sich, wie immer, und läuft los. Ein schneller Schritt, er ist das Laufen gewöhnt. Eigentlich will er nicht, dass man ihm folgt. Er geht trotzdem weiter, erst als man ihn fotografieren will, wird er wütend, brüllt, droht mit dem Stock. Minutenlang will er sich nicht beruhigen, wie eine Autorität, die sich herausgefordert fühlt.

Er sagt, er wisse ja nicht, was geschehen sei in dieser Nacht, aber es könne nur die Familie der Mädchen gewesen sein. Ein Mord, damit die Ehre der Familie gewahrt bleibt?

Dagegen spricht, dass fast alle Verwandten die Nacht über nach den Mädchen suchten, jedenfalls zum Todeszeitpunkt, den die Obduktion ergab: 1 bis 1.30 Uhr.

Der Einzige, der für die ganze Nacht kein Alibi hat, ist er: Veere Singh. Er sei am Feld gewesen, sagt er. Aber niemand kann das bezeugen.

Am Fluss bindet er seine Kleidung bis auf die Unterhose über den Kopf und watet und schwimmt auf die andere Seite. Dort wird ihn Pappu empfangen.

Pappu hat einen schlechten Ruf, sagt Sohan Lal, ein aggressiver Typ sei er. Sohan Lal zeichnet das Bild eines jungen Mannes, der sich nimmt, was er will, wie sein Vater.

So meint es das Dorf. So meint es zu wissen. Die Gerüchte im Dorf zeichnen Pappu als Mann, dabei ist er noch ein Junge.

Eine Untersuchung ergab, dass Pappu 15 ist. Ein schüchterner Sohn, dem Vater gehorsam. Vor allem an der Arbeit auf dem Feld interessiert. Sein Leben, sagt ein Bruder, sei das Feld, an zweiter Stelle kämen die Tiere, an dritter die Familie.

Was ist wahr? Wahr ist die Angst, die in Pappus Gesicht steht, als er das einzige Mal in sein Elternhaus kommt, sich zeigt. Er schläft immer in der Hütte am Feld, drüben auf der anderen Seite des Ganges. Auch er hat Angst vor den Leuten im Dorf.

Wo ist Europa?

Er hat das Haus durch den Hintereingang betreten und will sich nur drinnen treffen, bloß nicht draußen an der Straße. Die Angst.

Ich glaube an Gott, sagt er. Dass es Gerechtigkeit gibt. Dass er niemandem etwas getan habe, sagt er. Und dass er jetzt langsam wieder aufs Feld müsse.

Wie es im Gefängnis war? Mit wie vielen Häftlingen er sich die Zelle teilen musste? Weiß nicht, sagt er. Viele. Ich kann nicht zählen.

Vielleicht kam Pappu nach dem Streit mit Nazru nach Hause und erzählte dem Vater, er habe die Mädchen angefasst. Weil er von Vergewaltigungen gehört hatte, aber gar nicht wusste, was das eigentlich ist. Vielleicht fühlte sich Pappu schuldig, obwohl er es nicht war.

Vielleicht hielt Pappu die Mädchen gefangen, wollte sie gar nicht töten, was dann der Vater tat?

Pappu, warum beschuldigen dich die Leute, was glaubst du? Ich weiß es nicht, wirklich. Ich hoffe einfach nur auf Gott.

Nach wenigen Minuten sagt er, dass er losmüsse. Das Feld. Ein Foto noch, dann rennt er los, schlägt die Tür zu und ist verschwunden. Er hat nicht vor den Fragen Angst oder vor der Kamera, er hat Angst, dass ihn draußen, am Weg zum Feld, jemand sieht und ihm etwas antut.

Im Dorf heißt es, die Yadavs hätten Geld und könnten ihre Kinder auf bessere Schulen schicken, auf die Highschool, aber im Gegensatz zu Mukti und Puja war Pappu niemals auf einer Schule.

Als Pappu weg ist, steht einer seiner Verwandten am Hof vor dem Haus und fragt: Woher kommt ihr eigentlich? Deutschland, Europa. Wo ist Europa?, fragt er. Na ja, welche Länder kennst du? Pakistan?

Die Polizei spricht von Selbstmord

Es ist ein Leben ohne Wissen, ohne Nachrichten, im immer gleichen Rhythmus von Saat und Ernte, von Monsun und Trockenzeit, geprägt vom Heute statt vom Morgen. Die Menschen in Katra wurden noch nie gestört, noch nie hatten sie einen Ausländer gesehen, und nach dem Tod von Mukti und Puja wird geboren und gestorben wie seit Jahrhunderten.

Ein halbes Jahr nach der Todesnacht verkündet die Bundespolizei ihr Ergebnis. Eine Vergewaltigung habe es nicht gegeben, sagt die Polizei. Die Mädchen hätten Selbstmord begangen. Was zuvor passierte, wisse man nicht.

Kann das sein? Konnten Mukti und Puja auf den hohen Baum klettern, jeweils auf einem dünnen Ast balancieren, einen Schal am Baum und an ihrem Hals anbringen und das Gleichgewicht halten, bevor sie sich fallen ließen? Und was war geschehen, dass sie nur noch den Tod als Ausweg sahen?

Am Morgen nach jener Sommernacht war es laut, erzählt Pravesh, ein junger Mann, Nachbar der beiden Mädchen, er wachte um fünf Uhr auf, hörte Frauen weinen. Er nahm seine Kodak-Kamera und verließ das Haus. Er schloss sich dem Strom der Menschen an, ging hinaus auf die Felder, dann stand er unter dem Baum, und an dem Baum hingen die leblosen Körper zweier Mädchen.

Pravesh betreibt ein Fotogeschäft, nebenher fotografiert er bei Hochzeiten oder Geburtstagen. An dem Morgen sah er die Gesichter der Menschen, die sich um den Baum versammelt hatten. Hunderte, vor allem Männer. Frauen mit Kindern schickten sie weg. Ein erstes Foto, und dann Dutzende weitere. Von den Weinenden, den Schockierten, den Neugierigen.

Von Sohan Lal, der vor aller Augen seine tote Tochter sah. Von seiner Frau, Muktis Mutter, die bei dem Anblick zusammenbrach.

Damit die Polizei die Leichen nicht entfernte, den Mord nicht verschleiern konnte, blieben die Leute noch bis zum Nachmittag an dem Baum. Dann erreichte das Bild der Mädchen die Welt, es schockierte einen Moment lang. In Neu-Delhi gingen Demonstranten auf die Straße. Der UN-Generalsekretär verurteilte die Tat.

Die Leichen von Mukti und Puja, begraben im trockenen Flussbett des Ganges, überspülte bald das Wasser des Monsun.

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