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Globalisierung: Tausche Sex gegen Fische

Im afrikanischen Viktoriasee wimmelt es von Viktoriabarschen. Doch während die Delikatesse auf europäischen Tellern landet, hat die Bevölkerung nichts von dem Fischreichtum. Im Gegenteil: Am See gehören Hunger und Prostitution zur Tagesordnung - die HIV-Quote liegt bei 70 Prozent.

Vor dem Eingangstor der Fischfabrik Pêche Fish am kenianischen Ufer des Viktoriasee steht ein Lastwagen, aus dem Arbeiter Fische ausladen. Die Fische sind bis zu einem Meter lang. Sie werden gewaschen, gewogen und nach ihrem Gewicht sortiert. Arbeiter in weißen Gummistiefeln und blauen Schürzen schneiden die Tiere mit großen Messern auf, entnehmen die Gräten, schneiden Haut und Kopf ab. Die Filets werden noch einmal in Eiswasser gewaschen und schließlich in Folie verpackt. Alles wirkt klinisch sauber.

Viktoriabarsch heißt der Fisch, der hier in Ostafrika für den Export nach Europa und in die USA verarbeitet wird. Wer allerdings in der Stadt Kisumu den Fisch bestellen möchte, fragt meist vergeblich. Die Delikatesse wird aus den Fischfabriken direkt zum Flughafen in Kenias Hauptstadt Nairobi gebracht. Etwa vier Euro kostet ein Kilo Viktoriabarsch in Europa. Viele Kenianer können sich das nicht leisten. Sie haben oft nur einen Euro am Tag zum Leben. So essen sie stattdessen Tilapia, einen kleinen Fisch voller Gräten, den man für ein paar Cents überall kaufen kann.

Etwa 73 Millionen Euro haben die Fischer vom Viktoriasee nach offiziellen Angaben in diesem Jahr erwirtschaftet. Wie viel von diesem Geld jedoch die Fischer bekommen und was an ausländische Unternehmen fließt, lässt sich nur schwer feststellen. Die meisten Fabriken haben feste Verträge mit den Fischern und eigene Gesellschaften, die sie beliefern. Mit Lastwagen voller Eis fahren sie die Küste ab, um den Fang einzusammeln. "Bis so ein Lastwagen voll ist, können schon mal vier bis fünf Tage verstreichen", erzählt Edward Orongo, Einkäufer für Pêche Fisch.

Fischhandel mit Prostitution eng verbunden

Die Tilapia-Fischer hingegen verkaufen ihren Fang meist an Frauen aus der Umgebung, die die Fische zum Markt in Kisumu bringen. Der Fischhandel ist eng mit Prostitution verbunden. Frauen haben Sex mit Fischern, um die Ware zu einem guten Preis zu bekommen, mit Busfahrern, um die Fische auf dem Busdach transportieren zu dürfen, und schließlich auch noch mit Markthändlern, damit sie ihre Waren weiterverkaufen. "Deswegen ist die Aidsrate am Viktoriasee besonders hoch", sagt Jorge Rojas, der für die Organisation Ärzte ohne Grenzen am Viktoriasee arbeitet. Schätzungsweise 70 Prozent aller Fischer sind HIV-positiv.

Auch die drohende Überfischung des Sees bereitet den Fischern große Probleme. "An manchen Tagen ist es schwierig, überhaupt Fisch zu bekommen", sagt Orongo. Der Viktoriabarsch, der in den 60er Jahren im See angesiedelt wurde, ist ein Raubfisch, der sich von kleineren Fischen ernährt. Er soll in den vergangenen Jahren schon mehrere Fischarten im See ausgerottet und den Menschen am Ufer einen Teil ihrer Lebensgrundlage entzogen haben.

Und schließlich leiden die Fischer unter der Verschmutzung des Wassers in der Nähe der großen Städte. In der Nähe von Kisumu ist der See durch Abwässer so stark verunreinigt, dass manche Fischer nach Tansania oder Uganda abgewandert sind. Denn die Fischfabriken achten auf Qualität. Sie kaufen keinen Fang, wenn die Fische mit Schadstoffen belastet sind.

Elena Stein/DPA / DPA