Kinderschänder Dutroux Belgiens Schande


Zehn Jahre sind verstrichen, aber die Fernsehbilder, die am 15. August 1996 um den Globus gingen, haben sich vielen Menschen eingebrannt. Der Kinderschänder-Prozess um Marc Dutroux erschütterte Belgien. Bis heute sind noch viele Fragen offen.
Von Albert Eikenaar

Zwei total verängstigte belgische Mädchen, 13 und 14 Jahre alt, ihre schmächtigen Körperchen nur von dünner Unterwäsche bedeckt, werden total erschöpft aus einem dunklen Kellerverlies einer verlassenen Wohnung in der Instustriestadt Charleroi befreit. Live im Abendprogramm zu sehen. Laetitia Delhez hatte eine Woche unterirdisch verbringen müssen, die 13-jährige Sabine Dardenne jedoch mehr als 2 Monate. Beide waren von dem belgischen, arbeitslosen Kinderschänder und Autoknacker Marc Dutroux -39 damals - entführt worden. Sie überlebten ihre Gefangenschaft. Vier andere wurden von dem Gelegenheitsklempner und seinen Helfershelfern getötet: Zwei junge Frauen aus Hasselt, An Marchal (18) und Eefje Lambricks (17) sowie noch zwei ganz junge Kinder, Julie Lejeune, Mélissa Russo aus Lüttich, ganze acht Jahre alt. Auch sie wurden von Marc Dutroux verschleppt und monatelang eingesperrt. Bis sie durch Auszehrung starben. Er budddelte sie auf seinem Grundstück ein. Die vergewaltigten Opfer müssen unmenschlich gelitten haben. Die Jüngsten verhungerten und verdursteten grausam. Aus Plastikflaschen tranken sie ihren eigenen Urin. Belgien stand an jenem Tag, als Laetitia und Sabine fast nackt "aus dem Kinderkäfig” krochen, am Vorabend einer schweren Krise. Premier Jean Luc Dehaene erklärte dem stern später, dass der Staat gefährlich nah am Abgrund balancierte. Einen Moment lang befürchtete er sogar den Zusammenbruch. König Albert war der Katalysator, der die Bombe entschärfte. Er weiß die Masse des Volkes zu besänftigen.

Als am Freitag, den 9. August 1996 im Ardenner Städtchen Bertix im Süden Belgiens, Laetitia abends um neun Uhr nicht vom Schwimmunterricht nach Hause zurückkehrte, löste das Großalarm aus. Der Fall kam auf den Tisch von Staatsanwalt Michel Bourlet in Neufchateau, der sofort eine Großfahndung einleitet. Dass in anderen Departements schon mehr Mädchen spurlos verschwunden waren, weiß er nicht. Im verteilten Belgien wurden solche Infos nicht auf nationaler Ebene koordiniert. Bourlet ging die Sache rasch an, mit voller Überzeugung, aber besorgt. Er glaubt zu spüren, dass Laetitia nicht einfach abgehauen ist. Seine Rechercheure entdecken bald, dass ein berüchtigter Pädophiler aus Charleroi in Bertix gewesen war. Obwohl Bourlet keine Beweise hatte, aber über genügend Routine, Fingerspitzengefühl und Indizien verfügte, ließ er Dutroux verhaften. Die nächsten 48 Stunden wird der schäbige Mann aus dem armseligen belgischen Kohlerevier fast rundum die Uhr verhört. Bis ihm die Polizisten auf den Wecker gehen. Der Kinderkiller flippt aus: "Jetzt ist es genug. Ich werde Euch zwei Mädchen geben”, sagt er, plötzlich gelassen, als ob ihm eine schwere Last von den Schultern fällt.

Belgien hatte nun seine Affäre Dutroux. Die Fahnder fahren sofort nach Charleroi. Dort stoßen sie nach Hinweisen ihres Peinigers hinter einer Betonwand in dessen Wohnung auf die zwei scheu und verwirrt reagierenden Laetitia und Sabine. Zwanzig Minuten vor Sieben, am Donnerstag, den 15. August 1996.

Bei den späteren Ermittlungen stellte sich heraus, wie sehr die belgische Justiz und Polizei geschlampt hatten bei der Fahndung nach An, Eefje, Julie und Melissa. Das belgische Volk erlitt einen Schock. Wütend reagierte es einerseits auf Dutroux, der die Mädchen gewaltsam folterte, mit Vergnügen missbrauchte. Andererseits galt das Entsetzen den Behörden, die ein Jahr lang nicht imstande gewesen waren, die Verschwundenen lebend zu finden. Wochenlang veröffentlichte die Presse neue Einzelheiten. Es entwickelte sich ein Riesenskandal. Nicht allein Dutroux galt als der Bösewicht, man zielte auch auf die Staatsbürokraten und ihre Schlampereien. Dabei ging es um Faulheit, Unfähigkeit, gravierende Fehler, Arroganz, verfilzte Justiz sowie Misskommunikation zwischen Polizei und Magistratur. Fahnder waren Dutroux längst auf den Fersen gewesen. Sie wussten von seinen üblen Machenschaften, griffen trotzdem nicht ein. Eine Untersuchungsrichterin ging nach der Entführung von Julie und Melissa einfach in Urlaub. Sie kümmerte sich nicht um das Los der Kinder und die Verzweiflung der Eltern. Polizisten ließen die Dossiers liegen, weil die Führung nicht da war. Hunderte von größeren Missständen und kleineren Pannen wurden später von dem parlamentarischen Ausschuss aufgelistet, die dem Fall Dutroux auf den Grund ging. Der Bericht führte zu einschneidender Modernisierung der Polizei, mehr Mitteln, Sanierung der verkrusteten Strukturen und der Ineffizienz. "Die Parteikarte spielt keine Rolle mehr. Nur Kompetenz”, heißt es jetzt. Justizminister Marc Verwilghen erklärte, dass ohne die groben Fehler der Fahnder "die Mädchen noch hätten leben können”. Eine bittere Aussage, die Schlagzeilen machte.

Bei dem Dutroux-Skandal sowie allen Untersuchungen stand eine immer wiederkehrende Frage im Mittelpunkt. War der Autoschieber ein Einzelgänger, der lediglich von ein paar kleinen Komplizen unterstützt wurde oder war er "nur” ein Mitläufer in einer viel größeren Verbrecherbande – in einem umfangreichen Pornonetzwerk bis in die oberen Kreise, bis ins Königshaus sogar? Es gab viele Belgier, die glaubten, dass Dutroux seine Schandtaten nicht allein verübte, dabei geschützt wurde. Das Volk forderte Klarheit und ging im ‘Weißen Marsch’ am 20. Oktober 1996 auf die Straße. "Wir verlangen die Wahrheit”, hieß es. Noch nie waren Wallonen und Flamen so einträchtig, sich so nahe gewesen. Staatsanwalt Bourlet versuchte an Hand von "nüchternen Fakten” in einem breiten Umfeld um Dutroux zu recherchieren. Ohne eine Verschwörungstheorie zu vertreten meinte er, dass hinter Dutroux doch mehr stecken könnte. Nach 8 Jahren intensiver Nachforschungen ergab im Frühjahr 2004 der Prozess und das von Schöffen gesprochene Urteil, dass Dutroux ein Einzeltäter gewesen war. Das Gericht schickte ihn lebenslänglich in den Knast.

Damit ist die Dutroux-Geschichte jedoch nicht definitiv beendet. Michel Bourlet, der sich im tiefen Süden Belgiens mit Kleinkriminalität, mit "Hühnerdieben” befasst, lässt nicht locker. Voriges Jahr hat er ein zweites Dossier abgeschlossen, worin alle bei der Gerichtsverhandlung ungeklärten Fragen aufgelistet werden. Bourlet berichtete in der belgischen Presse, dass Dutroux selbst einmal erklärte, dass er die Kinder bräuchte für ein internationales Postitutionsnetz, für Liebhaber der "Kleinen”. Sein Assistent Michel Nihoul, allglatter Kaufmann und Charmeur, hätte außerdem Sexfeste für die Brüsseler Society organisiert – und möglicherweise blutjunge Mädchen in höhere Kreise vermittelt, wo sich die Auftraggeber Dutroux’s befänden. Aber das wichtigste sei, so sagte der Polizist diese Woche dem Humo-Magazin, dass im Keller von Dutroux’s Haus fremdes Sperma und tausende Haare von Unbekannten gefunden worden waren. "Der Vorschlag, dies untersuchen zu lassen macht aus mir doch keinen Komplotteur?” fragt er. Es sei seine berufliche Aufgabe, diese genetischen Spuren zu recherchieren.

Der Untersuchungsrichter Jean Langlois soll nun entscheiden, was mit dem ungelösten Material passiert. "Er will dieser Tage die Dokumente mal einsehen”, sagt Bourlet. Doch Langlois verfügt schon seit September 2005 über diese Akten, die angeblich neues Licht auf den Dutrouxfall werfen könnten. Der Staatsanwalt möchte lediglich, dass man die fremde DNA in der Datenbank überprüft. "Sie stammt sicher nicht von den bekannten Tätern”. Ob so ein Ver-gleich tatsächlich statt findet, bleibt offen. Wenn nicht, bahnt sich möglicherweise eine zweite Dutroux-Affäre an. Ein neuer Krach zwischen Magistraten. Die Belgier reagieren gelassen. Für sie ist Dutroux ein inzwischen geschlossenes, lehrreiches Buch. Sie scheinen damit zufrieden zu sein. Den ganzen Unmut, die Entrüstung, der Schrei um Gerechtigkeit hat einiges Positive bewirkt. Der Kleinkrieg der Justizbehörden und der Kripo steht im Prinzip auf Sparflamme. Das alte, verkrustete System ist modernisiert, besser strukturiert. Die Behörden zeigen eine andere Mentalität. Sie reagieren nicht länger bürokratisch sondern entschieden. Es gibt eine nationale belgische Polizei, die im ganzen Staat auftreten kann. Sie hört nicht bei der Sprachgrenze auf. Vorbei mit der Laxheit. Die neue Organisation, der frische Wind, stand neulich in Lüttich auf dem Prüfstand, als dort -wieder- zwei Mädchen, Stacey und Nathalie, entführt und getötet wurden. Die Kripo startete sofort, ohne -wie früher- zu zögern mit groß angelegten Ermittlungen, komplett mit Einsatz von Hubschraubern, Sonarspezialisten, Taucherteams und Hunden. Man informierte Eltern und Bevölkerung korrekt, soweit es die Suchtaktik nicht störte. Seit "Dutroux” wurde eine spezielle Gruppe "vermisste Personen” eingerichtet, über die Grenzen der Justizressorts hinaus, geleitet von Alain Remue. Diese Suchtruppe bearbeitete zwischen 1996 und 2006 etwa 10.200 Dossiers. Ganze 9.371 davon konnten geschlossen werden: 8 von 10 Vermissten wurden lebend aufgespürt und 1.100 Tote. Davon 700 Selbstmörder. Remue: "Auf diese Zahlen sind wir stolz. Dutroux hat uns mit der Nase auf die Fakten gedrückt. Das neue System ist effektiv”.


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