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Korruption: Dunkle Kanäle im Gesundheitswesen

Im deutschen Gesundheitswesen versickern laut einer Studie der Organisation Transparency International jährlich zweistellige Milliardensummen durch Missbrauch.

Im deutschen Gesundheitswesen versickern nach Schätzung von Korruptionswächtern bis zu 20 Milliarden Euro pro Jahr durch Betrug und Missbrauch. Diese Zahl nannte die Organisation Transparency International in Berlin. Der Schaden entstehe unter anderem durch Chipkartenmissbrauch, Betrug bei der Abrechnung von Ärzten und Zahnärzten oder dubioses Pharmamarketing. Die Beiträge könnten niedriger sein oder die Versorgung besser, wenn das Problem intensiver bekämpft würde, erklärte die Organisation.

Transparency-Vizevorsitzende Anke Martiny sagte, auf die geschätzte Schadenssumme in Deutschland sei man auf Grundlage internationaler Erfahrungen und Hochrechnungen gekommen. Demnach versickerten in Industrieländern drei bis zehn Prozent der Kosten im Gesundheitswesen in dunklen Kanälen. Das bedeutet für Deutschland sechs bis 20 Milliarden Euro. Das deutsche System sei dadurch besonders anfällig, dass entscheidende Kontrollfunktionen bei den Länderaufsichten lägen und damit zersplittert seien, sagte Martiny.

Gefahren vorwiegend bei Arztsoftware und Pharma-Industrie

Besonders großes Missbrauchspotenzial sehen die Korruptionswächter bei der Arzneimittelversorgung. Ein Beispiel sei die Arztsoftware zur Auswahl von Medikamenten, die von großen Arzneimittelherstellern gesponsert und den Ärzten kostenfrei zur Verfügung gestellt werde, sagte Stefan Etgeton von der Verbraucherzentrale Bundesverband. Die Software bevorzuge die Produkte der Sponsoren. Preis oder individuelle Indikation des Patienten träten in den Hintergrund.

Als Verschwendung von Ressourcen prangerte Arzneimittelexperte Peter Schönhöfer auch das aggressive und teure Marketing der Pharmaindustrie für neue teure Arzneien an, die gegenüber vorhandenen keinen Vorteil bringen. Mit Milliardenaufwand würden sinnlos Produkte in den Markt gedrückt, die einzig die Ausgaben der Kassen hochtrieben.

Marketing bedrohe therapeutische Versorgung

Zulassungsstudien, wissenschaftliche Beiträge auf Kongressen und Vorgaben in Ärzteleitlinien würden zum Großteil von Wissenschaftlern erstellt, die als "Mietmäuler" die Linie des Herstellers wiedergäben. Schönhöfer sprach von einer "Korrumpierung des Wissenschaftsbetriebs" durch die Pharmaindustrie. "Marketing ist heute die stärkste Bedrohung für die therapeutische Versorgung", sagte der Mitherausgeber des "Arzneimittel-"Telegramms".

Bedenklich finden die Gesundheitsexperten auch, dass häufig Pharmafirmen hinter so genannten Patienten-Selbsthilfegruppen stecken. Die Industrie versuche, auch über diese "U-Boote" ihre Arzneien zu vermarkten, sagte Etgeton.

Martiny forderte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und ihre Länderkollegen auf, sich dem Problem stellen und es gemeinsam bekämpfen. "Wir müssen eine neue Kultur schaffen, die Korruption im Medizinbereich ächtet." Nötig seien unter anderem bessere Maßnahmen gegen Chipkartenmissbrauch, Regressmöglichkeiten gegen Arzneimittelhersteller bei falschen Versprechungen, eine Professionalisierung der Selbstverwaltung und wirksamere Strafverfolgung. Auf internationaler Ebene soll ein Anti-Korruptions-Institut gegründet werden.

Gesundheitsministerium: Es gibt "schwarze Schafe"

Das Bundesgesundheitsministerium sieht nicht die Gefahr einer weit verbreiteten Anfälligkeit für Korruption im Gesundheitswesen. Die übergroße Zahl der Mitarbeiter in diesem Bereich mache einen prima Job, sagte Ministeriumssprecher Klaus Vater mit Blick auf Berichte über zweistellige Milliardenschäden im Gesundheitswesen durch Korruption. Er räumte ein, es gebe schwarze Schafe. "Das Gesundheitsmodernisierungsgesetz bietet zum erstenmal ein gute, breite gesetzliche Grundlage um mit diesen Fällen klarzukommen und solche Fälle abzustellen", sagte er weiter. Die Kassenärztlichen Vereinigung würden darin aufgefordert, Stellen zu schaffen, um Korruption zu bekämpfen. Seines Wissens nach komme man gut voran. Ende des Jahres werde man einen Überblick haben.

Zu Angaben der Antikorruptions-Organisation Transparency International, jährlich würden dem Gesundheitswesen bis zu 20 Milliarden Euro durch Betrug und Korruption entzogen, nahm Vater zunächst keine Stellung, weil ihm der Bericht nicht bekannt sei.

Eine Transparency-Sprecherin hatte zuvor erklärt: „Wir können davon ausgehen, dass drei bis zehn Prozent des Gesundheitsbudgets verloren gehen.“ Grundlage dieser Schätzung seien Studien aus den USA, die nach Ansicht von Transparency auf europäische Länder übertragbar sind. Die Betrügereien gibt es nach Einschätzung der Organisation auf allen Ebenen, vom Arzt über die Apotheken bis hin zu Anbietern von Hilfsgeräten, der Pharmaindustrie, den Krankenkassen und Patienten.

AP/Reuters / AP / Reuters