Lebensrettung Ein Dankeschön auf Weltreise


1981 hat ein deutsches Versorgungsschiff 104 vietnamesischen Bootsflüchtlingen das Leben gerettet. 25 Jahre später macht sich Tyronne Dang aus Hawaii auf den Weg nach Ostfriesland und will nur eins: endlich Dankeschön sagen.
Von Marlies Uken

Alwin Prahm läuft in den Hinterraum seiner Aalräucherei. Lachsfilets liegen auf Metalltischen, an einer Art Wäscheständer hängen goldbraune Aale und betrachten kopfüber den Fliesenboden. Der 58-Jährige im blau-weiß gestreiften Fischerhemd und Jeans greift tief in eine Styroporkiste und zieht einen fast 80 Zentimeter langen Hecht unter der Eisdecke hervor. "Dat is' doch mal einer, was", verkündet er und hält ihn Tyronne Dang hin. Der Vietnamese, ein sanfter, durchtrainierter Mann mit schwarzem Haar, im edlen Pullover und grüner Bundfaltenhose, tritt zögernd in die Fischwerkstatt ein, nickt zwar anerkennend höflich. So recht weiß er den tropfenden Fang aber noch nicht zu würdigen. Auf den ersten Blick haben Prahm und Dang etwa soviel gemeinsam wie eine derbe Hafenpinte und ein schickes Thai-Restaurant.

Dabei verbindet sie eine Schicksalsnacht: Prahm war erster Offizier der Winsertor, einem deutschen Versorger. Am 19. April 1981 sichtet Peter Hohls, der Kapitän des Schiffs, ein treibendes Boot mit Flüchtlingen aus Vietnam im Meer vor Malaysia. Hohls zögert nicht, lässt sofort die Maschinen stoppen. 104 Menschen nimmt er an Bord. Darunter Dang.

Auf See sterben für die Freiheit

Dang, der damals in Saigon bei seinen Eltern lebt, will aus dem kommunistischen Vietnam so schnell wie möglich fliehen. "Ich hatte zwei Möglichkeiten", erinnert er sich, als er nach der Tour durchs Fischgeschäft in Prahms enger Küche sitzt, "entweder in Vietnam gefangen sein und jeden Tag ein bisschen sterben. Oder auf See sterben, aber wenigstens in Freiheit." Seine zierlichen Hände streicheln die Luft, wenn er erzählt.

3000 US-Dollar bezahlt er irgendwelchen Schleppern, es ist bereits sein zwölfter Ausbruchsversuch. Doch der Motor der nur zehn Meter langen Nussschale fällt nach zwei Tagen aus. "Wir trieben ohne Wasser und Essen auf See", erzählt Dang mit leiser Stimme und atmet tief durch. "Wir waren so verzweifelt." Aus Angst um ihr Leben stecken die Flüchtlinge nachts ihre Sandalen in Brand, um Schiffe auf sie aufmerksam zu machen. Prahm und Hohls, die mit der Winsertor auf dem Weg zu einer Bohrinsel bei Singapur sind, machten Halt.

"Als würde ich neu geboren"

"Es war mein 25. Geburtstag, als ich weinend an Bord geklettert bin" sagte Dang. "Und es war, als würde ich neu geboren." Nach der Rettung landet er in einem Flüchtlingslager der Vereinten Nationen in Malaysia, fliegt anschließend in die USA. Dort studiert er Medizin und lässt sich in Honolulu auf Hawaii als Doktor nieder. "Ich hab immer an den Kapitän gedacht", sagt Dang. "Er ist fast wie eine Art Vater, schließlich hat er mir ein zweites Leben geschenkt." Große Worte für eine große Tat.

Dem Kapitän konnte Dang indes nicht mehr persönlich danken. Peter Hohls starb unter mysteriösen Umständen drei Jahre nach der Rettungskaktion auf einer seiner Fahrten. Dang konnte nur noch einen Kranz am Grab "seines" Kapitäns niederlegen und in aller Stille dem Retter gedenken.

So sitzt nun Alwin Prahm neben Dang am Küchentisch und hört sich die Geschichte des ehemaligen Flüchtlings an, die für sechs gemeinsame Stunden an Bord auch seine ist. Eigentlich ist Prahm ein zupackender, kräftiger Mann, der gerne lacht und schnackt. Doch so bewegt wie Dang hat er sicher noch nie über diese Nacht geredet, in der er mithalf, 104 Menschen das Leben zu retten. "Ich bin eben so: Wenn einer Hilfe braucht, dann helfe ich ihm." Er erzählt lieber Handfestes. "Wir mussten die Leute erst einmal unterbringen und mit Wasser und Reis versorgen." Im Morgengrauen liefert er die "Boatpeople" dann in dem Flüchtlingslager ab.

Seemanns-Alltag für den Lebensretter

Für Prahm geht danach der Seemanns-Alltag weiter, um die Aktion macht er kein Aufsehen. Er wird Anfang der 90er arbeitslos, kauft eine Aalräucherei bei Leer/Ostfriesland und baut zusammen mit seiner Frau Luise ein florierendes Fischgeschäft auf. An die Rettungsaktionen denkt er nicht mehr oft.

Dang am anderen Ende der Welt um so mehr. Dass er seinem Lebensretter nicht persönlich danken kann, treibt ihn um. Jedes Jahr schreibt er eine Dankespostkarte mit der Adresse "Winsertor - Hamburg" - mehr Angaben hat er nicht. Jedes Jahr kommt die Karte mit dem Stempel "Unbekannt" zurück. 2005 setzt er noch einmal alle Hebel in Bewegung, bittet die Deutsche Botschaft in Washington um Hilfe und lässt eine Suchanzeige im Magazin des deutschen Reedereiverbands schalten. Mit Erfolg. Über Freunde von Peter Hohls kommt er an Prahms Telefonnummer in Holterfehn.

Mit zitternden Knien am Telefon

Nach einigem Hin- und Her kommt Ende Februar ein erstes Telefonat zustande. "Captain Prahm speaking" schreit der Seemann in Holterfehn in den Hörer, weil er den Anrufer nicht versteht. In Honolulu steht Dang mit zitternden Knien am Telefon und muss fast weinen. "In dem Moment war ich wahnsinnig glücklich", erinnert er sich. Er fragt Prahm, ob er am 19. April vorbeikommen kann. Dang will unbedingt seinen 50. Geburtstag und den 25. Jahrestag seiner Rettung mit ihm zusammen feiern. Eine ganze Weltreise ist ihm das wert. Prahm ist ein wenig überrascht, willigt aber ein. "Das ist ja schon eine besondere Geschichte."

"Jetzt komme ich endlich zur Ruhe"

Und jetzt sitzt der Vietnamese Dang aus Honolulu plötzlich bei den Prahms in der Küche. Einen Tag zuvor war er bereits in Hamburg und hat am Grab von Peter Hohls Blumen niedergelegt. Luise hat eine große Fischplatte serviert, in den Gläsern perlt der Sekt, gleich steht eine Geburtstagsfeier mit anderen ehemaligen Crewmitgliedern an. Dang findet wieder große Worte, spricht von einem Kreis in seinem Leben, der sich jetzt geschlossen habe. "Jetzt komme ich endlich zur Ruhe", sagt er. Prahm spitzt nur die Lippen, schiebt verlegen die Platte mit den Lachsschnittchen hin und her. "Vielleicht fahren Luise und ich jetzt auch mal nach Honolulu", sagt er. Mehr nicht.


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