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Medienrummel setzt Kumpel in Chile zu: Völlig fertig mit den Nerven

Gut zwei Monate haben die 33 Bergleute in Chile unter Tage ausgehalten. Aber der Medienwirbel übersteigt ihre Kräfte. Die meisten sind überfordert - und manche sehnen sich sogar zurück in die Tiefe.

Dem "Spaßvogel" und Moderator der Videos aus der chilenischen Unglücksmine, Mario Sepúlveda, ist eineinhalb Wochen nach der Befreiung das Lachen vergangen. "Wenn ich an die schönen Augenblicke zurückdenke, die wir (dort unten) erlebt haben, und an die Menschen, die ich lieben lernte, würde ich lieber wieder dort (in der Mine) sein", sagte er im Fernsehen.

Die Männer stehen im grellen Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Interviews ohne Ende, Verhandlungen über die Bezahlung von Auftritten in Fernsehshows und in der Werbung, Einladungen aus aller Welt, Gala-Essen, Arbeitsangebote und dazu Stress mit den Familien, wer wo wie und zu welchem Preis die Geschichte des längsten Martyriums unter Tage in der Geschichte des Bergbaus erzählen soll, haben viele der Bergleute an den Rand des Nervenzusammenbruchs getrieben. Alkoholexzesse, Schlaflosigkeit und Angstattacken sind die Folge.

Bergmann und nicht Weltstar

Mit tränenerstickter Stimme und zitternd klagte Sepúlveda bei einem Galadinner, wie schwer ihm und seinen Kameraden "dieses neue Leben" falle. Der Millionär Leonardo Farkas, der das Essen ausgerichtet hatte, und der Leidensgenosse aus der Tiefe Claudio Yánez mussten den schwankenden Sepúlveda stützen. Bei der Rettung am Mittwoch vor einer Woche war er noch wie ein Derwisch um das Bohrloch gesprungen, hatte Präsident Sebastián Piñera und das halbe Kabinett gleich zweimal umarmt. Jetzt will er nur seine Ruhe und als der anerkannt sein, was er ist: ein Bergmann und nicht ein Weltstar.

Der "große" Yonni Barrios, der als "Arzt unter Tage" und als der "Untreue von Atacama" bekanntgeworden war, weil er Spritzen setzen konnte und sich seine Frau und seine Geliebte bei der Mine über den Weg liefen und prompt in die Haare gerieten, nahm ebenfalls an dem Abendessen in dem Küstenort Caldera teil. Aber nur, weil er die fünf Millionen Pesos (7500 Euro), die Farkas jedem der 33 Bergleute spendete, für den Kauf eines Kleinlastwagens brauchen konnte. Mit der Presse sprechen wolle er partout nicht, klagte seine Stieftochter der Zeitung "La Tercera". "Er war immer ein Einzelgänger, der am liebsten neben dem Radio hockt und Rancheras (Musik) hört, und das hat sich nicht geändert", sagt die Frau nervös, weil er doch "so alle Chancen (auf Geld) vorbeirauschen lässt".

Galoppierende Rennpferde

"Einem Armen kann nichts Schlimmeres passieren, als über Nacht reich zu werden", sagt der Gewerkschafter Javier Castillo. Ein Besuch am Tag nach der Rettung im Haus der Mutter des gefeierten Schichtführers Luis Uzúra in Copiapó bestätigte diese Sorge. "In der großen Familie gibt es sowieso schon Spannungen. Die Mutter von Luis spricht nicht mehr mit seiner Frau, und die Aussicht auf das große Geld könnte alle gegeneinander aufbringen", warnte Jaime Martínez, ein Freund der Familie.

Inzwischen hat sich die Situation weiter verschärft. Die Ansprüche und Ratschläge aus dem "Familienkreis", der sich angesichts der erhofften Einnahmen schnell um Vettern dritten Grades, Großtanten und Stiefenkel erweitert hat, setzen den Geretteten schwer zu. Die "Helden der Tiefe" erscheinen wie Rennpferde, mit denen viel Geld zu verdienen ist. Sie müssen nur "galoppieren", aber gerade das wollen oder können die Arbeiter nicht. Enttäuschung, Frustration und Streit in den oft von Armut geprägten Familien sind die Folge.

Die Psychologen warnen die Öffentlichkeit, die Geretteten seien sehr "schwach" und müssten geschont werden. Wer sie jetzt mit Angeboten jeder Art überhäufe, tue ihnen keinen Gefallen. Den Männern raten sie, einfach kürzerzutreten, sich Zeit zu lassen und Ruhe zu bewahren. "Das Abendessen (mit Farkas) fand ich wunderschön, aber es hätte ebenso gut eine Woche später stattfinden können, wenn die Männer in einem besseren Zustand gewesen wären", sagte Alberto Iturra, der die 33 Bergleute während ihrer Gefangenschaft in mehr als 600 Meter Tiefe in der Mine San José betreut hatte. Die Geretteten sollten den vielen Angeboten und Ansprüchen nicht ausweichen, meint Iturra, aber sie "höflich und freundlich" zurückweisen, wenn ihnen etwas zu viel werde.

Jan-Uwe Ronneburger, DPA / DPA
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