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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Adventskalender – Verpackungskunst für die Mülltonne?

Warum sind wir bereit, beträchtliche Summen für Adventskalender auszugeben, deren Inhalt wir normalerweise keinesfalls kaufen würden.

Adventskalender: Verpackungskunst für die Mülltonne

Warum sind wir bereit, beträchtliche Summen für Adventskalender auszugeben, deren Inhalt wir normalerweise keinesfalls kaufen würden?

Hej Meike, du zählst schon die Tage bis Weihnachten?" Bis eben nicht, nein. "Zählhilfe naht, denn jetzt gibt es den neuen Ikea-Adventskalender! Er lässt sich zum Verschenken online individuell gestalten, steckt voller Leckereien und enthält zudem …"

Danke, ich bin raus.

Jahrzehntelang lebte der Adventskalender ein bescheidenes kleines Dasein als flachbrüstiges Rechteck mit kindgerechten Winterszenen, gefüllt mit Formfiguren aus minderwertiger Schokolade. Am 6. und am 24. Dezember gab es etwas größere Türchen, und das war's.

Adventskalender für Handwerker

Diese Zeiten sind vorbei, seit auch Erwachsene das Recht auf Adventskalender reklamieren. Für die Kleinen mag miese Schokolade genügt haben, für die Großen muss es mindestens Gourmetware sein, besser noch Alkohol und noch besser irgendein kultiger Konsumschrott, Hauptsache, 24-fach.

Los geht es mit dem Verkauf dieser Erwachsenen-Adventskalender traditionell Anfang Oktober, angeheizt wird er durch das in der Regel gelogene Zauberwort "limitiert". Der galoppierende Irrsinn der Kalenderformen ist kaum noch zu fassen: Es gibt welche für Angler (mit Wobblern, Blinkern, Spinnern und Knicklichtern, 85 Euro), für Craftbeer-Trinker (mit Flötzinger Rosenheimer Märzen und Aldersbacher 1268er Zwickel, 60 Euro) und für Hobbyhandwerker (inklusive Bits-Handhalter mit Rapidaptor-Schnellwechselfutter und phosphoreszierendem Flaschenöffner, 45 Euro). Für zukünftige Männer gibt es einen Playmobil-Adventskalender "Feuerwehreinsatz auf der Baustelle" ("viele coole Zubehörteile zum Absichern, Feuerlöschen und Aufräumen der Brandstelle, sowie flexiblen Silikon-Ölpfützen" , 20 Euro).

Der Advent ist eine besinnliche Zeit, die noch etwas besinnlicher wird durch den Erotik-Kalender von Amorelie in der Classic-Version (130 Euro) oder als Premium-Edition (230 Euro), darin unter anderem der Druckwellenvibrator Womanizer, ein Aphrodisiakum und ein Verzögerungsgel (durchaus mal gleichzeitig verwenden) sowie – Spoiler Alert! – eine Augenbinde in Aubergine hinter Türchen 9 und eine farblich passende Peitsche hinter Türchen 13.

Hungrig geworden? Pringles macht einen Kartoffelchip-Kalender, diverse Gewürzhändler produzieren Kalender mit Rouladen- oder Bratapfelgewürz, und selbstverständlich gibt es Müsli-Adventskalender, einen Adventskalender mit Rezepten für den Thermomix und einen Kalender mit Pastinakenbällchen für Meerschweinchen.

Tand  für die Mülltonne

Der ganze Schwachsinn ist zum einen natürlich Verpackungsmüll hoch 24. Zum anderen eine Maschine zum Gelddrucken. Menschen geben willig absurde Summen für Dinge aus, die sie sich niemals gekauft hätten, wenn nicht ein Papptürchen davor wäre? Und die sie höchstwahrscheinlich schnellstens entsorgen? Faszinierendes Geschäftsmodell! Das, was einem in jeder anderen Jahreszeit im Kosmetikladen als Pröbchen hinterhergeworfen wird, steckt jetzt für 60 Euro im Beauty-Adventskalender, darunter Bodylotions in einer Portionierung, die bei mir gerade mal für den Oberarm reicht. Im Whisky-Adventskalender findet sich zusammengerechnet ein guter Liter diverser Duty-Free-Marken plus 24 Schokotäfelchen – für 130 Euro.

Ähnlich viel gibt aus, wer einen Kalender für die Liebsten aufopferungsvoll selbst bastelt. Natürlich mit Unterstützung der Industrie, die vornummerierte Säckchen in festlicher Vielfalt anbietet und dazu gleich die total individuelle Füllung liefert.

Da soll sich auch diese Kolumne dem Adventstrend nicht verschließen. Vorab – Spoiler Alert! – schon mal das Wort für den 1. Dezember: der.

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