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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen Wenn das Gute liegt so nah

Die eigene Wohnung: Das Gute liegt  näher als lange vermutet
Meike Winnemuth entdeckt die Vorzüge der eigenen Wohnung
© Illustration:Tina Berning/stern
Bei allem Negativen hat uns die Corona-Krise auch etwas geschenkt: ein Visum für das unerforschte Land, das wir unsere Wohnung nennen.

Das Internet ist ein großer Trost dieser Tage. Zwar macht es auch wuschig wie gewohnt, aber in all dem Geröll finden sich immer wieder Goldnuggets, die einen für ein Stündlein oder so aufpäppeln. "Eines Tages werden wir in einem Café sitzen und danach ins Kino gehen", notiert zum Beispiel der britische Autor Matt Haig auf Instagram. "Und was vor Kurzem noch ein stinknormaler Nachmittag gewesen wäre, wird das schönste Erlebnis seit Langem sein. Uns wird all das Glück bewusst werden, das wir nie wahrgenommen haben."

Die eigene Wohnung wirklich wahrnehmen

Genau das ist der Schlüssel zu jeder Sorte von Glück: Wahrnehmung. Hingucken, wirklich hingucken. Wie das sogar in der Enge einer kleinen Wohnung geht, dazu gibt es ein entzückendes Beispiel, das 230 Jahre vor Corona spielt.

1790 saß der französische Offizier Xavier de Maistre für sechs Wochen in Hausarrest (irgendeine dumme Sache mit einem schiefgegangenen Duell) und unterhielt sich prächtig dabei, wie er in seinem Bändchen "Voyage autour de ma chambre" beschreibt. Auf dem Abenteuertrip durch sein Zimmer bricht Monsieur vom Schreibtisch in Richtung Norden auf, wird auf seiner Reiseroute unversehens von einem herumstehenden Lehnstuhl aus der Bahn geworfen und erreicht nach vielen Umwegen schließlich sein rosa-weiß bezogenes Bett: "Jeder Mensch sollte ein rosa-weiß bezogenes Bett haben!", und dagegen ist wenig zu sagen. Er schreitet „von Entdeckung zu Entdeckung“ , betrachtet ausführlich die Bilder an den Wänden (inklusive des allerschönsten von allen – einen Spiegel), er denkt über seine Bücher nach und seinen Hund, all das mit der gespannten und zugleich entspannten Neugier eines Touristen.

Er schafft es, die gewohnte Umgebung mit fremden Augen zu sehen, er rührt sich nicht vom Fleck und kommt doch mächtig in Bewegung. "Sie haben mir untersagt, durch eine Stadt zu laufen", schreibt er, "aber sie haben mir das ganze Universum überlassen: Die Unermesslichkeit und die Ewigkeit stehen zu meinen Diensten."

Eine Expedition in fremde Gefilde

Wenn man sich auf den Spuren de Maistres auf Expedition durch die eigene Wohnung begibt, stellt man schnell fest, was für ein unbekanntes Land das ist. Man zieht Schubladen auf, oft zum ersten Mal in Jahren, und staunt über die Sedimentschichten des eigenen Lebens. Was, das habe ich alles? Ist ja irre. Ein noch eingeschweißtes wahnsinnig kompliziertes 1000-Teile-Puzzle, gekauft für irgendwann – genial, denn irgendwann ist jetzt.

Schnitzeljagd in den eigenen vier Wänden

Überall, so scheint es, hat man sich selbst kleine Carepakete gepackt für Zeiten wie diese: stapelweise Bücher, nie gelesen, darunter eines namens "Fit ohne Geräte", wann habe ich denn das gekauft? Danke, früheres Ich! Angefangenes Strickzeug, Postkarten aus den Museumsshops der Welt, nie beschrieben und an Freunde verschickt, dicke Kochbücher mit nie probierten Rezepten: All diese Dinge lagen die letzten Jahre geduldig da und haben auf ihren großen Moment gewartet – und auf mich.

Aber nicht nur die vergessenen Schätze, sondern auch das, an dem man täglich achtlos vorbeigeht, hat jetzt die große Chance auf Wiederentdeckung. "Man sollte immer versuchen, alle Sachen, auch die gewöhnlichsten, die ganz selbstverständlich da zu sein scheinen, mit neuen, erstaunten Augen, wie zum ersten Mal, zu sehen", sagt ein anderer großer literarischer Hasardeur: Thomas Manns Hochstapler Felix Krull. "Dadurch gewinnen sie ihre Erstaunlichkeit zurück, die im Selbstverständlichen eingeschlafen war, und die Welt bleibt frisch; sonst aber schläft alles ein, Leben, Freude und Staunen."


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