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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Zeig mir Deine Tasche und ich sag Dir, wer Du bist

Was der Mensch auf seinen Reisen und Spaziergängen mit sich herumträgt, sagt viel darüber, was er braucht – und wer er ist.

Die Tasche ist die Offenbarung des Besitzercharakters

Der Inhalt der Tasche spiegelt häufig die Persönlichkeit des Besitzers wieder

Als ich vor ein paar Jahren auf Weltreise ging, habe ich mir nach circa fünf Monaten ein blaues ID-Armband anfertigen lassen, auf dem einige wenige Daten eingraviert waren: Name, Wohnort, Kontaktpersonen mit Telefonnummern. Irgendwann war mir nämlich jäh klar geworden, dass ich im Fall eines Unglücks oder eines plötzlichen Komas von niemandem hätte identifiziert werden können. Große blonde Frau, schätzungsweise um die 50 (damals), aber deutlich jünger aussehend (Entschuldigung, musste sein) – mehr hätte man über mich nicht sagen können, wenn ich an irgendeiner Straße in China oder in einem Park in Addis Abeba aufgefunden worden wäre.

Schwedin? Holländerin? Touristin oder Einwandererin? Es hätte keinerlei Anhaltspunkte gegeben. Denn ich bin kein großer Freund von Handtaschen, ich stopfe mir immer nur das Nötigste in die Hosentaschen – Handy, bisschen Geld, ganz gewiss keinen Personalausweis – und laufe los. Solche ID-Armbänder sind eigentlich für Jogger gedacht, aber für Menschen, die gern allein auf steile Berge klettern oder weit hinaus ins Meer schwimmen, taugen sie auch.

Immer an die Identifikation denken!

Nun muss man ja nicht gleich mit dem Schlimmsten rechnen, nicht mal als Deutsche, aber die Frage, was man unbedingt bei sich tragen sollte, stellt sich auch in heimischen Wäldern. Ich gehe gern ein paar Stunden mit dem Hund, ich nehme dabei ungern mehr mit als eine Handvoll Trockenlunge (für ihn) und zwei Gassibeutel (auch für ihn). Handy, okay. Kann man eine Leiche anhand ihres Handys identifizieren? Ich frage für eine Freundin.

Fun Fact: Man hat eine weibliche Leiche, der man die Finger abgetrennt und die Zähne herausgeschlagen hatte, schon anhand der Seriennummern ihrer Brustimplantate identifiziert. Soll gar nicht so selten vorkommen, würde aber in meinem Fall leider nicht funktionieren. Einschub Ende.

Ganz anders sieht es aus, wenn ich in der heimischen Zivilisation unterwegs bin oder gar reise. Da wäre ich unfassbar leicht zu identifizieren, da tut es nämlich ein Handtäschchen schon mal gar nicht, da verlasse ich das Haus nur mit Laptoptasche. Ich könnte schwören, dass Forensiker oder Historiker anhand des typischen Frauentascheninhalts mühelos bestimmen können, wie lange eine Leiche schon in der Kiesgrube liegt oder zumindest, aus welchem Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts sie stammt. Ich zum Beispiel werde nervös, wenn ich nicht eine vollgeladene Powerbank dabei habe, die für mindestens fünf Handyladungen voll Strom gut ist – alles unter 30 Prozent Akkuladestand schmerzt mich auf physische Weise.

Die Powerbank darf in der Tasche nicht fehlen!

Ebenso muss ich zwingend einen großen Thermobecher Tee mit mir herumschleppen, ich könnte ja verdursten. Außerdem immer dabei: Laptop, zwei bis drei Notizbücher, fünf bis sechs Stifte, vier bis fünf Sorten Teebeutel, zwei bis drei Sorten Hundekekse, zwei bis drei Sorten Schmerztabletten (Kopf/ Rücken/Fieber) sowie ein mit Tweed bezogener Flachmann mit mindestens zwölf Jahre altem Single Malt, falls die Tabletten aus sind. Nur um das Allernötigste zu nennen. Ein paar Bücher natürlich, klar. Denn wie soll es menschenmöglich sein, nur ein einziges Buch zur Zeit zu lesen?

Porträt: Nackt bis auf die Taschen

Gleichzeitig spart man sich jede Menge Dinge, die historisch immer Inhalt von Frauentaschen waren. Adressbuch/ Kalender > Handy. Walkman > Handy. Taschenspiegel > Handy-Selfiemodus beziehungsweise ab einem gewissen Alter irrelevant. Unter Umständen könnte ich sogar auf Bücher verzichten, denn > Leseapp > Handy. Hatte ich die Powerbank erwähnt? Powerbank. Powerbank. Niemals aus dem Haus ohne Powerbank.


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