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Mhallamiye-Kurden-Fehde in Lüneburg: Eine Stadt am Rande des Nervenzusammenbruchs

Mehr oder weniger öffentlich bekriegen sich in Lüneburg zwei kurdische Familien. Zahllose Verletzte gab es bereits, die Polizei ist überfordert - und provoziert mit einem Facebook-Posting.

Polizeischutz für das Landgericht: Zwei kurdische Familien bekriegen sich, die Beamten müssen Sonderschichten schieben.

Polizeischutz für das Landgericht: Zwei kurdische Familien bekriegen sich, die Beamten müssen Sonderschichten schieben.

Lüneburg ist ein idyllisches Städtchen mit Universität und viel Fachwerk. Aber es brodelt an der Illmenau - und zwar nicht nur wegen zwei Clans, die der kurdisch-libanesischen Minderheit der Mhallamiye zugerechnet werden und sich seit einiger Zeit mehr oder weniger öffentlich bekriegen, sondern auch wegen eines Statements auf Facebook, das die Polizeigewerkschaft über diese unschöne Fehde abgegeben hat.

Genauer: "Der DPolG OV Uelzen (Bundespolizeigewerkschaft Uelzen, d. Red.) möchte mit aller Deutlichkeit sagen: Wir müssen keine marodierenden Großfamilienclans in unserer Gesellschaft akzeptieren, die glauben, das Recht in die eigene Hand zu nehmen… Wir sind zu Recht stolz auf unsere Demokratie - unsere Toleranz - unsere Liberalität. Aber es muss rote Linien geben, für Menschen, die sie ausnutzen. Die sie missbrauchen, um ihre kriminellen Machenschaften durchzusetzen. Die ihren Wertvorstellungen aus ihren Kulturkreisen mit Drohung und Einschüchterung Geltung verschaffen wollen. Wir müssen nicht vor lauter Toleranz alles hinnehmen, was eigentlich die große Mehrheit in unserer Gesellschaft nicht will."

Posting entfernt

Die Polizeigewerkschaft hat das Posting, das wir hier erwähnen mittlerweile gelöscht. Deshalb können wir nicht weiter darauf verlinken, d. Red.

Äußerst klare Worte, die auf fruchtbaren Boden fallen: Fast 350 Likes hat dieses Posting, üblicherweise heben zwei, drei Dutzend Menschen den Daumen bei den Einträgen der Polizeigewerkschafter. Auch die Kommentatoren überschlagen sich - vor Begeisterung oder vor Entrüstung: "Als Deutscher hat man in diesem Land nichts mehr zu sagen, und wenn man was sagt, ist man sofort ein Nazi" … mokiert sich einer mit nach nahezu milden Worten. Und mit ihm steigen unzählige Weitere in den Chor der "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen"- Wutbürger ein. Mäßigende Stimmen? Kaum zu lesen.

Die Nerven liegen blank

Ganz offenbar liegen im beschaulichen Lüneburg selbst bei der Polizei die Nerven blank. Seit Jahren fallen Mitglieder zweier Großfamilien durch zahllose Straftaten auf. Bis 2013 beschäftigte sich eigens eine Sonderkommission mit der Fehde, dann beruhigte sich die Lage. Aber im vergangenen September eskalierte der Streit wieder, als es in einem Fitnesscenter zu einer Messerstecherei kam. Folge: fünf Verletzte. Die gedemütigte Seite beschloss daraufhin "Blutrache" zu nehmen und machte sich bewaffnet mit Baseballschlägern, Schlagstöcken, einer Pistole und einem Revolver zum Krankenhaus auf, wo die Konfrontation mit dem anderen Clan in einer wilden Schießerei endete. Unter den mutmaßlichen Tätern war auch ein Polizeianwärter. Folge: acht Verletzte.

Mittlerweile stehen wegen dieses Gewaltausbruchs sieben Männer in Lüneburg vor Gericht. Die Anklage wirft ihnen versuchten Mord vor. Vergangenen Freitag wurden die ersten Zeugen vernommen, später gingen drei Frauen aufeinander los, anschließend attackierten einige Mitglieder der Erzfeind-Familie drei Männer des angeklagten Clans sowie Polizisten, die sie begleiteten. Nur mit einem Kraftakt konnten die Ausschreitungen beendet werden.

Die Dauerfehde zwischen den Clans überfordert die örtliche Polizei offenbar. Nach dem jüngsten Vorfall wurde eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei nach Lüneburg verlegt, um sowohl Streife zu fahren als auch um die Wohnorte der verfeindeten Familien zu kontrollieren. Angesichts dieses Irrsinns ist auch dieses Facebook-Posting der Polizeigewerkschaft entstanden - verständlich vielleicht, aber sicher wenig geeignet die Gemüter zu beruhigen.

Niels Kruse

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