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Milzbrand-Anschläge: Verstrahlte Post

Ob Beschwerdebrief oder Werbesendung - jeder Brief an einen US-Abgeordneten landet unter einer elektromagnetischen Strahlendusche, die eventuell vorhandene Krankheitserreger abtöten soll.

Jeder Brief an einen US-Abgeordneten macht einen Umweg: Von Washington aus reisen Umschläge und Pakete 185 Kilometer in ein Gewerbegebiet in New Jersey, ehe sie zurück in die Hauptstadt befördert werden. Der Ursprung dieses Rituals: die Anthrax-Anschläge im Oktober 2001. Fünf Menschen starben damals, als sie mit Milzbrand-Sporen verseuchte Umschläge öffneten. Seither werden Briefe an den US-Kongress und die Regierung in New Jersey desinfiziert.

Ob Petitionen, Einladungen, Beschwerdebriefe, Werbesendungen oder Zeitungsausschnitte - 4.000 Kilogramm Post landen täglich unter einer elektromagnetischen Strahlendusche, die eventuell vorhandene Krankheitserreger abtöten soll. Das Verfahren kostet pro Jahr zehn Millionen US-Dollar und hat den Kontakt der Abgeordneten zu ihren Wählern verändert: Viele bitten um E-Mails oder Faxe, weil Briefe häufig leicht verkokelt oder stinkend ankommen.

Fünf Todes- und 17 Krankheitsfälle

Wie eine Narbe erinnert die strahlengeschädigte Post an die schmerzhaften Ereignisse im Herbst 2001, als kurz nach den Anschlägen des 11. Septembers eine Serie von Anthrax-Briefen die Nation erschütterte. Fünf Todes- und 17 Krankheitsfälle versetzten die Menschen in Angst und Schrecken, tausende schluckten Antibiotika. Die prominentesten Empfänger verseuchter Post waren zwei Senatoren der Demokratischen Partei, Tom Daschle und Patrick Leahy, der Nachrichtensprecher Tom Brokaw und die Redaktion der "New York Post". Die Absender sind bis heute unbekannt, obwohl mehr als 5.000 Menschen verhört wurden.

Profitiert hat von der Terrorserie die Firma Ion Beam Applications (IBA). Das Unternehmen mit Sitz in Belgien baute vor zwei Jahren gerade eine Fabrik in New Jersey, in der elektromagnetische Strahlung unter anderem zur Abtötung von Bakterien in Nahrungsmitteln eingesetzt werden sollte. Unerwartet meldete sich ein neuer Kunde: Die US-Bundespost, die Briefe und Pakete aus zwei mit Anthrax verseuchten Postämtern desinfizieren musste. Sie zahlte IBA zwei Millionen Dollar (1,7 Millionen Euro), um die Fabrik drei Monate lang exklusiv nutzen zu können. Der Vertrag ist seither vier Mal erneuert worden, was den Belgiern weitere 17,4 Millionen (15,2 Millionen Euro) einbrachte.

Besichtigungen werden von der Firma verweigert. Eine Sprecherin beschreibt das Vorgehen folgendermaßen: Die Post wird per Fließband unter eine Strahlendusche transportiert. Briefe werden von Elektronen durchschossen, Pakete von kräftigeren Röntgenstrahlen. Dadurch wird die DNA-Struktur aller darin befindlichen Mikroorganismen zerstört.

Verzögerte Ankunft

Der Umweg über die IBA-Fabrik dauert nach Angaben der Post zwei bis drei Tage. Weitere Sicherheitskontrollen des US-Kongresses - jeder Umschlag wird eingeritzt, um die Luft darin zu testen - verzögern die Ankunft eines Briefes bei einem Abgeordneten erneut: Zwei Testschreiben, die die Nachrichtenagentur Associated Press von Washington aus an den Kongress schickte, erreichten den Empfänger erst nach neun und zwölf Tagen.

Noch aus einem weiteren Grund hagelte es nach Einführung des Verfahrens Beschwerden: In den ersten Monaten klagten Dutzende Postbeamte und Mitarbeiter des Abgeordnetenhauses über Hautreizungen, Kopfschmerzen und Übelkeit. Nachdem die Strahlendosis reduziert und die bestrahlte Post vor der Auslieferung gelüftet worden war, verstummten die Klagen.

Unangenehme Überraschungen

Die verstrahlten Briefe bergen dennoch unangenehme Überraschungen: "Wir kriegen immer noch vergilbte Briefe mit verklebten Seiten, und einige stinken", berichtet der Sprecher des republikanischen Abgeordneten Peter Hoekstra. Filme und Medikamente können durch die Strahlen beschädigt werden. Eine Alternative ist jedoch noch nicht in Sicht. Leroy Richmond, ein Postangestellter, der sich vor zwei Jahren mit Milzbrand infizierte, hält das System trotz allem für sinnvoll: "Es besteht die Möglichkeit, dass so etwas wieder passiert."

Laurence Arnold
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