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Streitfall Paternoster Die letzte Runde mit dem rasanten Retrolift

Liebe Zuschauer, lassen Sie sich bei diesem Clip mit uns darauf ein, zu entschleunigen. Es hat etwas Meditatives mit dem Paternoster durch ein Gebäude zu fahren. Und wir behaupten, es ist fast genauso entspannend, diesem jahrzehntealtem Aufzug beim Fahren zuzugucken – auch über den Bildschirm.
Mit einer Geschwindigkeit von etwa einem Kilometer pro Stunde ruckeln Fahrgäste von Stockwerk zu Stockwerk. Kein Warten auf den Aufzug. Kein Knöpfe drücken, kein Ausharren, wenn andere Fahrgäste woanders aussteigen wollen als man selbst.
Das schnelle Rein und Raus macht den alten Gefährten viel unkomplizierter als seine modernen Kollegen. Aber laut der Bundesregierung auch gefährlicher. Das Arbeitsministerium in Gestalt von Andrea Nahles hat verordnet, dass Paternoster ab sofort für die Öffentlichkeit tabu sind. Nur wer explizit von seinem Arbeitgeber in das Paternosterfahren eingewiesen wird, darf das nostalgische Fahr-Vergnügen weiter erleben. Für alle anderen ist Schluss. Oder wird es Ausnahmen geben?
Daniel Krüger, Baustadtrat von Berlin-Schöneberg: "Das werden wir in den nächsten Wochen dann zu klären haben. Aufgrund der Kurzfristigkeit können wir das jetzt noch nicht abschließend sagen. Mein erklärtes Ziel ist, dass die Paternoster zur gegebenen Zeit wieder in Betrieb gesetzt werden können."
Damit ist Daniel Krüger, nicht allein. Grund zu Hoffen gibt es immerhin.
"Es gab in der Vergangenheit schon mehrere Vorstöße, die Paternoster-Anlagen in Deutschland generell still zu legen - und es hat auch immer dann wieder Novellierungen gegeben, die diesen ultimativen Ausschluss dann wieder aufgeweicht haben. Ich bin somit in der Hoffnung, dass es auch in diesem Fall wieder so geschehen wird."
Noch muss man aber davon ausgehen, dass der Stillstand droht. Mein Kollege Andreas Borchers und ich wollen den offiziellen letzten Tag für freien Fahrspaß nutzen und verbringen eine Stunde im Paternoster. Dabei merken wir schnell: Paternoster fahren ist für vieles gut. Zum Arbeiten, einmal tief durchatmen, Emails auf dem Handy checken, für Yogaübungen, zum Lippenstift nachziehen, die Nase pudern, den neusten Flurfunk mit seinem Lieblingskollegen austauschen - dabei darf es allerdings wirklich nur EINEN Lieblingskollegen geben, denn es dürfen maximal zwei Personen gleichzeitig vom Paternoster befördert werden - zum Entspannen, für Lockerungsübungen, um sich einmal so richtig breit zu machen, in Szene zu setzen – oder (fast) unbemerkt kurz hängen zu lassen.
Wenn man seinen Ausstieg verpasst - kein Problem. Innerhalb kürzester Zeit passiert man das gewünschte Stockwerk garantiert noch mal - ohne etwas dafür tun zu müssen. Es handelt sich um das alltägliche Auf und Ab des Leben. Keinen Grund zur Hektik. In der nicht einmal Meter breiten Holzkabine muss man einfach zur Ruhe kommen.
In der nicht einmal Meter breiten Holzkabine muss man einfach zur Ruhe kommen, denke ich, da bleibt der Retro-Lift ruckartig stehen. Meinen Kollegen erwischt es zwischen zwei Stockwerken. Die Füße baumeln schon im 2. Obergeschoss, der Oberkörper hängt noch im 3. fest. Ich harre im Kellergeschoss aus. Im Schein einer Grubenlampe finde ich die Situation zunächst noch amüsant - hätte ich doch bloß schon den Paternoster-Führerschein, dann wüsste ich was zu tun wäre - nach zehn Minuten sirrendem Alarmsignal in meinen Ohren, naht die Rettung. Die Hausmeisterin startet den Motor neu und der Paternoster verfällt sofort in seinen gewohnten Trott. Tock, tock, tock, tock. All die Aufregung wird augenblicklich von diesem meditativen Geräusch verdrängt.
Die Stunde ist um.
Leicht wehmütig verabschieden wir uns von unserem hölzernen Freund und nehmen schon mal - um uns daran zu gewöhnen - die altbewährte Treppe.
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Seit dem 1. Juni gilt: Das Bundesarbeitsministerium verbietet der Öffentlichkeit das Paternoster fahren. Wir haben die Retro-Lifts noch einmal voll ausgekostet. Und vermissen den Fahrspaß jetzt schon.
Von Anna-Beeke Gretemeier

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