Polizeihundeschule in Herzogau "Mordsgaudi" mit Elektroschocks


Waren es entwürdigende Rituale unter Gruppenzwang? Oder doch nur derbe Partyscherze mit Hundefutter, Würgehalsband und Elektroschocks? In jedem Fall werden immer mehr Details der vermeintlichen Initiationsspielchen an der Hundeführerschule Herzogau bekannt. stern.de liegen auch Fotos vor.
Von Georg Wedemeyer

Erst wurde gut gegessen, dann die Tische im Karree aufgestellt, und als das Licht dunkler wurde, trat der Mann mit der Mönchskutte in die Mitte. "Wir wollen heute ein paar neue in den Kreis der Diensthundeführer aufnehmen", raunte er unter seiner Kapuze hervor. "Aber erst müssen sie noch ein paar Prüfungen ablegen." Die 30 bis 40 Zuschauer johlten in freudiger Erwartung. "Eigentlich sollte es kirchlich feierlich wirken", sagt einer, der mehrmals dabei war. Aber dann hätten alle doch immer nur die Sau raus gelassen und sich so lange auf Kosten der Neulinge amüsiert, bis die zum Abkotzen aufs Klo verschwunden waren. Seit die Staatsanwaltschaft derlei bizarre Szenen an einer bayerischen Polizeihundeschule als "Mordsgaudi" durchgehen ließ, hat die Hexenjagd auf die "Verräter" begonnen, die sie öffentlich machten. Der Mann mit der Kutte kam dreimal im Jahr, immer an einem Donnerstag, immer am Ende eines sechswöchigen A-Lehrganges für Polizeihunde. Ort der entfernt an Ku-Klux-Klan erinnernden Rituale war die Freizeitkantine ("Pandurenklause") einer Polizeihundeschule in Herzogau. Ganz tief im bayerischen Wald. Wenn dort der Hund die Prüfungen und Abrichtungen hinter sich hatte, wurde zur Abwechslung mal das Herrchen oder auch das Frauchen gequält. Aber nur die, die zum ersten Mal einen Hund durch diesen Grundlehrgang führten. "Erstlingshundeführertaufen" nannte man das.

Von den derben Sitten erfuhr der Öffentlichkeit durch einen anonymen Brief. "Sexistische Erniedrigungen" seien mit den Hundeführertaufen verbunden, hatte der Schreiber behauptet. "Urin" müsse man trinken, "unter den Tisch kriechen und bellen", "Bier aus einer Schüssel aus dem Schoß eines Ausbilders trinken", "an einem Stachelhalsband" werde man "auf allen Vieren durch die Klause geführt" und "mittels Stromstößen durch ein Elektrohalsband traktiert".

"Verstärkt werden immer öfters Prostituierte aus dem grenznahen Tschechien geholt", heißt es in dem Schreiben weiter. Außerdem komme es häufig zu Tierquälereien ("die Hunde werden massivsten Schläge, Stachelhalsbänder, Wurfketten etc. ausgesetzt") und zu rechtsradikalen Sprüchen in Anspielung auf die Zeit, als sich hier die SS erholte und über dem Bau als "Grenzhotel Bayerische Ostmark" noch die Hakenkreuzfahne flatterte.

Taufen waren eine "Mordsgaudi"

Was auf den Brief folgte, hat Ratlosigkeit hinterlassen. Statt Aufklärung gab es eine merkwürdige Mischung aus Überreaktion und Verharmlosung. Einerseits hat der bayerische Innenminister Joachim Herrmann zwei Beamte der Hundeschule sofort versetzt und einen völlig vom Dienst freigestellt, weil der vor sechs Jahren eine Stripperin nicht raus geworfen hatte. Zusätzlich hat er die Erstlingshundeführertaufen verboten. Doch keiner weiß so recht, warum. Denn andererseits waren diese Taufen doch nur "eine Mordsgaudi". Das jedenfalls hat sich die Regensburger Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen erzählen lassen und geglaubt.

Urin trinken? "Keiner [Polizistin, die Red.] war etwas davon bekannt". Elektrohalsbänder? "Seit 2006 verboten". Stachelhalsband, auf allen Vieren? "Ihm wird das Hundegeschirr angelegt". Bier aus dem Ausbilderschoß? "Die Hundeführer werden mit Bier getauft". Rechtsradikale Straftaten? "Keinerlei Hinweise". Tierquälerei? "Mit einem Softstock geschlagen". Selten hat eine Staatsanwaltschaft so gutgläubig und schnell die Luft aus einem Skandal gelassen. Nach nur wenigen Ermittlungstagen durch die dortige Dienststelle für organisierte Kriminalität kam aus Regensburg der Persilschein für die Polizeihundeführer aus Herzogau: "Keinerlei Anhaltspunkte für strafrechtlich relevantes Fehlverhalten."

"Es ist nicht glaubhaft"

Da waren sogar die Beamten der Bereitschaftspolizei schärfer, die zur gleichen Zeit ihre Kollegen aus Herzogau "disziplinarrechtlich" vernahmen. Als dabei einer der Befragten meinte, er halte sich "grundsätzlich nicht in der Pandurenklause auf" und wisse nichts von Striptease, Alkoholexzessen und Details bei der Hundeführertaufe, stellten sie immerhin fest: "Es ist nicht glaubhaft, dass Sie von den Abläufen keine Einzelheiten kennen."

stern.de gegenüber waren verschiedene Zeugen gesprächiger. Nazisprüche konnten sie sich "schon vorstellen". Einer hatte von "schwer verletzten Hunden" gehört. Schilderungen des Taufrituals wurden sogar mit Fotos belegt. Auf den Bildern, die der Redaktion vorliegen, sind die Details der "Mordsgaudi" deutlich zu erkennen.

Im grünen Polizeioverall liegt ein Täufling auf dem dunkelrot gekachelten Boden der Pandurenklause. Um den Hals trägt er ein Würgehalsband mit rotem Verschluss und ein Elektrohalsband mit schwarzen Funkempfänger. Das andere Ende der Leine hat sein "Pate" in der Hand. Vor dem Täufling wartet die Prüfungsaufgabe: Ein Schnapsfläschchen, das er mit den Zähnen fassen und austrinken muss. Der Pate hat schon das nächste Fläschchen in der Hand. Ein anderes Bild zeigt einen großen silbrigen Hundenapf gefüllt mit einer gelben Flüssigkeit. Ob es wirklich Urin war, hat der Fotograf nicht überprüft. Das nächste Bild zeigt den Täufling, der aus diesem Napf schlabbert und trinkt. Aus dem Hundenapf muss nach übereinstimmenden Erzählungen von Zeugen auch Trocken-Hundefutter gegessen werden. Wer nicht gleich loslegt, wird - so ein Zeuge - schon mal mit einem Elektroschock ermuntert.

Hundefutter, "Urin" und Schnaps

Die Leinenhalter sind nach den Schilderungen meist externe Ausbilder, die nur für den Kurs von einem der bayerischen Polizeipräsidien nach Herzogau abgeordnet wurden. Denn die Taufe ist keineswegs eine Erfindung von Herzogau, die als zentrale bayerische Polizeihundeschule erst im Jahr 2000 eingerichtet wurde. Schon früher ging es dabei anderswo rau zu. Beliebt sei das Ex-Trinken von Maßkrügen gewesen, die eine hochprozentige Mischung enthielten. Wer absetzte, erhielt einen Elektroschock. Anfängliche Versuche, das Ritual in Herzogau freundlicher zu gestalten, seien von den Seminarteilnehmern unterlaufen worden. Einer sagt: "Es hat sich von mal zu mal gesteigert und wurde immer schlimmer."

Wenn es mehrere Täuflinge gab, so schickte der Mann mit der Kutte die anderen raus, solange einer "geprüft" wurde. Neben Hundefutter, "Urin" und Schnaps musste der Täufling auch Küchenreste essen oder ein Stück Sahnetorte, jeweils ohne Zuhilfenahme der Hände. Ziel war offenbar die Magenrevolte. In dieser Hinsicht war die Taufe selbst der Höhepunkt. Dabei wurde meist nicht Bier verwendet, wie die Staatsanwaltschaft glaubt, sondern ein Gebräu aus Brühe, Salatöl, Maggie, Essig, Bier und anderen Zutaten.

Die ölige dunkle Mischung, das ist deutlich auf den Bildern zu sehen, wird dem Täufling aus einem Maßkrug über den Kopf gegossen und von einer Schüssel aufgefangen. Die muss der Probant dann zu schlechter Letzt austrinken, was die Bilder ebenfalls dokumentieren. Mit schwarzem Ruß malt der Kuttenmann den frisch Getauften dann Kreuze und Striche ins Gesicht zum Zeichen ihrer Weihe. Nicht zu sehen ist, wie sie anschließend auf der Toilette verschwinden und ihre Mägen entleeren.

Dann wird es keine Pandurenklause mehr geben"

Es muss hunderte solcher Fotos geben. Fotografieren war bei der Taufe nicht verboten. Warum auch? Kaum einer hatte ein Unrechtsbewußtsein, und die Teilnahme an der "Gaudi" war freiwillig, abgesehen vom unausgesprochenen Gruppenzwang. Der allerdings muss selbst für Vorgesetzte enorm gewesen sein. Der Beamte, der nun wegen der Stripperin suspendiert wurde, gab in der Vernehmung an, er habe sich nicht getraut, den Auftritt zu unterbinden. Er wollte kein Spielverderber sein. Anfangs war es gar nicht so schwer, zu den Vorfällen gesprächsbereite Insider zu finden. Das hat sich geändert, seit die Staatsanwaltschaft den Stöpsel gezogen hat. Nun sinnen die Hardliner unter den Hundeführern auf Rache. Anonyme Drohungen und Warnungen kursieren. Informanten knicken plötzlich ein. Sogar Pressesprecher bitten um Nichterwähnung dessen was sie gesagt haben, weil an ihrem Stuhl gesägt würde. Um seine Quellen zu schützen, sieht sich stern.de daher gezwungen, die Bilder von den Erstlingshundeführertaufen nicht zu veröffentlichen. Schon bald werden sie historischen Wert haben. Denn nächstes Jahr soll die Hundeschule Herzogau nun vorgezogen renoviert werden. Innenminister Joachim Herrmann heute auf einer Pressekonferenz erleichtert: "Dann wird es keine Pandurenklause mehr geben."

Mitarbeit: Rupp Doinet, Jörg Völkerling


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