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Rechtschreibreform: Von Urin-stinkten und Anal-phabeten

Sinnentstellende Silbentrennungen, kommalose Satzungetüme - viele neue Rechtschreibregeln erschweren das Leseverständnis, statt es zu erleichtern. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat nun Vorschläge zur Nachbesserung vorgelegt.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung will mit neuen Vorschlägen das Lesen erleichtern. Mit den geplanten Änderungen zur Zeichensetzung und Silbentrennung sollen Sinnzusammenhänge wieder schneller erfasst werden können, sagte der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair am Freitag. Zuvor hatte der Rat sich in Mannheim zu seiner sechsten Sitzung getroffen.

Im Deutschlandfunk begründete Zehetmair die Korrekturen mit dem "immer weiter gewachsenen Verdruss, der aus der Bevölkerung und aus der Politik geltend gemacht wurde". Ziel müsse es sein, in der Frage der Rechtschreibung Schüler und Erwachsene miteinander zu versöhnen und damit die Sprache "insgesamt mit dem Volk".

Da-ckel ja, A-cker nein

Der Rat, bestehend aus Gegnern und Befürwortern der Rechtschreibreform, sprach sich dafür aus, keine einzelnen Buchstaben mehr abzutrennen. Als Beispiele nannte der Zehetmair die Wörter A-cker oder E-sel. Auch sinnentstellende Trennungen sollen künftig nicht mehr zuzulassen sein: Das Wort Analphabet soll nicht mehr in Anal-phabet oder Urinstinkt in Urin-stinkt getrennt werden können. "Irreführendes muss unterbleiben", sagte Zehetmaier.

Auch bei der Zeichensetzung kommen alte Regeln zu neuen Ehren: Vor einem erweiterten Infinitiv wird künftig wieder ein Komma stehen. Zehetmair betonte jedoch, dass bei der Zeichensetzung eine Kann-Bestimmung für die Schulen vorgeschlagen werde: "Wir wollen das als pädagogische Brücke verstehen."

Keine Änderung der neuen Trennregeln soll es bei Wörtern mit ch und ck geben: Der Rat sprach sich dafür aus, ch und ck bei Trennungen zusammenzuhalten. Dackel wird also weiterhin Da-ckel getrennt - und nicht, wie früher üblich, Dak-kel.

Änderungen sollen im nächsten Schuljahr in Kraft treten

"Ich habe nicht den Stolz und Ehrgeiz, alles neu zu erfinden", sagte Zehetmair, ehemals bayerischer Kultusminister. Die deutsche Sprache solle aber nicht für Kinder und Ausländer erschwert werden. "Mit unseren Vorschlägen wollten wir Sinnbeeinträchtigungen und ästhetische Beeinträchtigungen vermeiden."

Der mit Vertretern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie aus Liechtenstein und der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol besetzte Rat für deutsche Rechtschreibung will sich am 25. November, 3. Februar und 24. März erneut treffen. Die drei Komplexe Getrennt- und Zusammenschreibung, Silbentrennung und Zeichensetzung sollen Ende November in die Anhörung gehen und abschließend in der März-Sitzung behandelt werden.

Ziel bleibe, die Änderungsvorschläge zum Schuljahr 2006/07 in Kraft zu setzen, erklärte Zehetmair. Er zeigte sich zuversichtlich, dass die Kultusministerkonferenz den Empfehlungen des Rats folgen wird. Es gebe "Signale, dass die sich danach richten werden".

Die unstrittigen Teile der neuen Sprachregeln wie die Groß- und Kleinschreibung sowie die Laut-Buchstaben-Zuordnung waren am 1. August in 14 der 16 Bundesländer verbindlich in Kraft getreten. Nur in Bayern und Nordrhein-Westfalen gilt noch die Übergangsregelung. Alte Schreibweisen werden allein in den Schulen dieser beiden Länder auch jetzt noch nicht als Fehler gewertet.

Reuters/DPA / DPA / Reuters