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Schatzsuche: Deutschneudorf im Nazigold-Fieber

Seit Jahren sucht der Bürgermeister eines Erzgebirgsdorfes an der tschechischen Grenze nach dem Bernsteinzimmer und Nazi-Schätzen. Jetzt wähnt sich Heinz-Peter Haustein kurz vor dem Ziel - wieder einmal.

Von Lars Radau

Annett Thümmler braucht nicht zu hoffen. Sie hat bereits Gewissheit. "Das hier ist eine Goldgrube", lacht die 24-Jährige. Die junge Frau mit rotgefärbten Haaren steht im grünen T-Shirt hinter dem Grill eines mobilen Imbiss-Wagens und verkauft Bratwürste. 300 bis 500 Stück täglich, besonders gefragt ist die goldbraun gebratene "Bernstein-Knacker". Bernstein und Gold sind ohnehin gerade wieder einmal schwer angesagt im Deutschneudorfer Ortsteil Deutschkatharinenberg. Anfang der Woche hatte Heinz-Peter Haustein, Ortsbürgermeister, Unternehmer und FDP-Bundestagsabgeordneter wieder schweres Gerät auffahren lassen. Direkt gegenüber seiner Aufzug-Firma, hinter der das Flüsschen Schweinitz den südöstlichen Zipfel des sächsischen Erzgebirges von Tschechien trennt.

Hausstein ist als größter Arbeitgeber - seine Aufzugsfirma hat 150 Beschäftigte - und Bürgermeister des 1300-Einwohner-Nestes nicht nur so etwas wie der Pate von Deutschneudorf, der 53-Jährige hat auch eine Mission. Er ist überzeugt, dass sich in der Nähe seines Ortes das verschollene Bernsteinzimmer finden lässt. Diese Suche betreibt er seit mindestens einem Jahrzehnt sehr engagiert. Um die Jahrtausendwende hatte sogar die sächsische Landesregierung seinen immer wieder energisch vorgetragenen Hinweisen geglaubt und einen verschütteten Stollen in der seit jeher vom Bergbau geprägten Region mit schwerem Gerät aufschließen lassen. Das Bernsteinzimmer fand sich dort nicht - aber seitdem hat der kleine Ort im Erzgebirge ein "Abenteuerbergwerk", das durchaus auch außerhalb der Schnee-Saison Touristen anlockt.


Aufgeben kommt nicht in Frage

Dass sich Haustein mit seiner Suche lächerlich machen könnte, sieht er nicht als Problem. "Damit kann ich leben", sagt Haustein, der als FDP-Mitglied zum blauen Blazer eine blau-gelb-gestreifte Krawatte trägt. "Womit ich nicht leben könnte, wäre aufzugeben - und dann findet sich doch was." Und das sich diesmal was findet, davon ist der grauhaarige Mann "bombenfest" überzeugt. Denn zu den Geschichten, die im Ort ohnehin schon kursierten - über SS-Kommandos, die in den letzten Kriegswochen schwere Kisten in Stollen trugen, über Gold, Silber und versteckte Gemälde - hat sich Christian Hanisch gesellt.

Der 49-Jährige Frührentner aus dem Schleswig-Holsteinischen, der mit seiner starken Brille, fettigen schwarzen Haaren und Tarnklamotten optisch einen interessanten Kontrast zu Haustein bildet, ist Hobby-Schatzsucher. "Also eigentlich bin ich ein Konkurrent von Haustein", sagt er. "Aber das hier ist mir doch eine Nummer zu groß." Denn Hanisch ist nicht nur überzeugt, dass in dem Berg gegenüber des Hausteinschen Aufzugswerks Nazigold lagert - er hat eine schwer anzuzweifelnde Indizienkette. Sein eigener Vater hatte als Oberfeldwebel bei der Luftwaffe die Aufgabe, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges bei der Evakuierung von Görings Landsitz Carinhall in der Schorfheide mitzuarbeiten. Nach Hanischs Angaben legte er nicht nur eine Funkstrecke von Groß Dölln, dem damaligen Militärflugplatz in der Schorfheide, nach Deutschneudorf. Sondern er musste auch mithelfen, kleine, aber schwere Kisten in Flugzeuge zu verladen. Zu genaueren Details äußert sich Hanisch lieber nicht. "Er wollte mit dem ganzen Schiet, so sagt man im Norden, nichts mehr zu tun haben", betont Hanisch. "Da sind ja auch eine Menge schlimmer Dinge passiert". Gleichwohl: Der Vater hinterließ eine Kladde mit Aufzeichnungen und Koordinaten, aus denen das Versteck der Schätze hervorgehen soll. Und 1997, sagt Hanisch, sei er mit seinem Vater, der im vergangenen Jahr starb, vor Ort gewesen. "Und er hat einiges wiedererkannt."

Sprengfallen der Nazis

Haustein und Hanisch fanden zueinander, der Unternehmer war schnell bereit, den Großteil der Kosten für eine neue Suchaktion zu übernehmen. Das Spezialunternehmen Schneeberger Bergsicherung hat dafür einen baggergroßen Gesteinsbohrer aufgefahren, der in regelmäßigen Abständen laut kreischend Löcher von oben in den Berg bohrt. "Wir sind auf der Suche nach einem Hohlraum", erklärt der Maschinenführer. Denn zu Anfang der Woche hatten ebenfalls eigens angeheuerte Spezialisten mit einer Art Sonar mehrere Hohlräume im Berg ausgemacht - und in einem sollen auf dem Bildschirm des Messgerätes auch längliche, quadratische Gegenstände auszumachen gewesen sein.

So scharen sich seit Tagen Journalisten aus aller Welt - unter anderem waren amerikanische und japanische Kamarateams vor Ort- und Neugierige um die Bohrstelle, machen bislang aber nur Annett Thümmlers Würstchenbude zur Goldgrube. Jede neue Entwicklung verbreitet sich wie ein Lauffeuer - einige Dorfbewohner waren schon fast davon überzeugt, dass der Durchbruch geschafft sei, als Haustein Mitte der Woche kurzfristig die Baggerarbeiten stoppen ließ, die die Bohrung vorbereiteten. "Wegen der Sprengfallen, die die Nazis sicher angebracht haben", erzählt ein untersetzter Zuschauer, der das Geschehen "von Anfang an" verfolgt hat.

Explosive Stimmung

Doch explosiv ist die Stimmung momentan offenbar nur zwischen den Schatzsuch-Partnern Haustein und Hanisch. Dem Schleswig-Holsteiner ist ganz offenkundig auch der Rummel eine Nummer zu groß, den der medienerfahrene Bundestagsabgeordnete entfacht hat. Und so richtig einig über das, was möglicherweise in dem Stollen liegt, sind sich die beiden auch nicht mehr. "An das Bernsteinzimmer habe ich noch nie geglaubt", sagt Hanisch in mehrere Mikrofone. Und Haustein kontert, dass die Schatzhöhle, nach der gerade gebohrt wird, nur der "Eingang zu einem Labyrinth" sein könne, an dessen Ende der Bernstein-Schatz versteckt sein sollte. Überhaupt, die Schatzhöhle: Dass darin Gold liege, habe er so auch nie behauptet, betont Hanisch. Und Haustein, der ein paar Meter weiter wieder von Reportern umlagert ist, schnappt zu, als ihm dieses Zitat überbracht wird: "Wer hat denn immer von 1,9 Tonnen ‚Reichsparteigold' gesprochen - ich jedenfalls nicht."

Doch wenig später stehen die beiden wieder einträchtig beieinander - zwischen zwei Polizisten und zwei Männer in Uniformen der sächsischen Forstverwaltung. Denn fast unbeachtet hat der Bohrer im Laufe des Tages die Grenze zwischen einem Privatgrundstück und dem Sächsischen Staatsforst überschritten. Eine Genehmigung hatten die Schatzsucher dafür nicht offenbar nicht eingeholt. Sie wird aber nach kurzer Diskussion vor Ort ausgestellt. "Dass das nicht ganz kostenlos ist, wissen Sie ja", flachst der Forst-Mann Haustein an. Der lächelt etwas gequält - für die gute Woche, die die Sucharbeiten bislang dauern, hat er rund 10.000 Euro investiert. Insgesamt, sagt Haustein, habe ihn die Suche nach dem Bernsteinzimmer bislang mehr als 25.000 Euro gekostet. Aber jeder Euro davon sei gut angelegtes Geld. "Wir sprechen uns wieder, wenn wir hier fündig geworden sind", pflaumt er einen Zuschauer an, der sich sein Grinsen nur mühsam verkneift.

Obskure Gestalten und CIA-Agenten

Immerhin: Neben allerlei obskuren Gestalten - wie etwa zwei Wünschelrutengängern und einem ehemaligen CIA-Agenten, der auf der tschechischen Seite des Erzgebirges nach Schätzen gräbt - hat Hausteins Schatzsuche auch wieder den Freistaat Sachsen auf den Plan gerufen. Er musste im zuständigen Chemnitzer Regierungspräsidium Rede und Antwort stehen. Seitdem sind -mehr oder weniger unauffällig - ständig auch Polizisten und andere Staatsbedienstete in der Nähe. Denn sollte Haustein tatsächlich fündig werden, gehört die Beute zunächst dem Freistaat Vom Finderlohn, der ihm trotzdem zustünde will der Unternehmer eine deutsch-tschechische Schule bauen, in der auch Kinder aus der tschechischen Partnergemeinde jenseits der Schweinitz lernen könnten.

Dass die Schule - dank des Fundes - irgendwann steht, davon ist Haustein überzeugt. "Ich habe gleich gesagt, dass es hier länger dauert", betont er. Noch bis einschließlich Montag soll in Deutschneudorf gebohrt werden. Dann ist erstmal eine Pause angesagt - weil Haustein in Berlin dicke Bretter zu bohren hat. Im Bundestag, als Experte seiner Fraktion für gesetzliche Unfallversicherungen.

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