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Vom Stiefvater vergewaltigt: Behörden verbieten Zehnjähriger die Abtreibung

Sie ist schwanger und selbst noch ein Kind: Der Fall einer missbrauchten Zehnjährigen erzürnt Menschenrechtler. Denn die Behörden verweigern die Abtreibung und spielen mit dem Leben des Mädchens.

Von Oliver Noffke

In diesem Krankenhaus wird die zehnjährige Schwangere behandelt

In diesem Krankenhaus wird die zehnjährige Schwangere behandelt

Es ist nur ein kleiner Protestzug. Etwa 200 Menschen halten am Montag in Ciudad del Este der zweitgrößten Stadt in Paraguay selbstgemalte Plakate hoch. "No Mas Abuso" steht darauf, kein Missbrauch mehr, darunter das Wort "infantil". Der Fall einer Zehnjährigen, die vergewaltigt und geschwängert wurde, sorgt seit Tagen für Schlagzeilen. Zum einen, weil dies nur ein besonders krasses Beispiel für ein größeres gesellschaftliches Problem zu sein scheint: dem Wegsehen bei Kindesmissbrauch durch Verwandte. Zudem sorgt die Reaktion der zuständigen Behörden für Entsetzen.

In dem mehrheitlich katholischen Land darf ausschließlich abgetrieben werden, wenn das Leben der werdenden Mutter in Gefahr ist. Bislang sehen die Beamten bei der Zehnjährigen dafür keine Anhaltspunkte und haben entsprechend einem Schwangerschaftsabbruch noch nicht zugestimmt. Stattdessen soll ein "Sondergremium" den Fall beraten.

Für Tarah Demant von Amnesty International ist dies eine untragbare Situation, denn es sei schon viel zu lang gewartet worden. "Momentan ist sie zwar in stabiler körperlicher Verfassung", so Demant gegenüber stern, "aber im fünften Schwangerschaftsmonat kann jede weitere Verzögerung dramatische Folgen für ihre körperliche und mentale Gesundheit bedeuten." In dem südamerikanischen Land sei zudem die Wahrscheinlichkeit, bei einer unter 16-Jährigen im Kindbett zu sterben, vier Mal höher als bei erwachsenen Frauen.

Dass in den Amtsstuben Paraguays eine Schwangerschaft bei einem 34 Kilo schweren Kind für gesund gehalten wird, erzürnt auch die Abteilung für Menschenrechte der Vereinten Nationen. Das Abtreibungsgesetz in Paraguay sei restriktiv und es fehlen Ausnahmen für Inzest- und Vergewaltigungsfälle. Auch wenn festgestellt werde, dass der Fötus nicht lebensfähig sei, müssten Frauen und Mädchen ihn trotzdem austragen. Im konkreten Fall spielten die Beamten nicht nur mit der Gesundheit des Mädchens, sondern auch mit seiner Zukunft.

Was mit dem Mädchen geschieht, wenn es die Schwangerschaft überlebt, sei unklar, sagt Demant. "Es ist extrem unwahrscheinlich, dass sie als Kind mit Baby ihr Grundrecht auf eine Schulausbildung erhalten wird." Amnesty International versucht deshalb mit einer Petition die zuständigen Behörden zu einer schnellen Entscheidung zu bewegen.

Stiefvater soll Täter sein, Mutter ebenfalls festgenommen

Mittlerweile wurde zwar der Stiefvater als mutmaßlicher Täter ausgemacht und verhaftet. Aber was soll man von einer Polizei halten, die einen Verdächtigen übersäht von Wunden und Beulen der Presse vorführt? Zudem soll die Mutter schon im vergangenen Jahr den Missbrauch angezeigt haben, ohne dass etwas passiert sei, steht im Bericht der UN. Nun wurde sie ebenfalls verhaftet, weil sie von dem Missbrauch gewusst, aber weggeschaut haben soll.

Für die Nachrichtenagentur AP ist es schon eine Sensation, dass in Ciudad del Este überhaupt demonstriert wurde. Bislang ist die Grenzstadt eher für zwielichtige Gestalten und Straßenprostitution bekannt, statt für soziales Aufbegehren. Mädchen, die selbst Opfer sexueller Gewalt waren, seien auf die Straße gegangen. Die Leiterin eines Heimes für Straßenkinder berichtete von einem ähnlichen Fall. Erst im letzten Monat habe eine Zwölfjährige in ihrer Obhut ein Kind zur Welt gebracht. Ebenfalls ein Missbrauchsopfer.

Im benachbarten Foz do Iguaçu, einem der beliebtesten Ausflugsorte Brasiliens, wird Besuchern von einer Fahrt über den Rio Paraná offen abgeraten. Der Ruf der Stadt ist seit Langem ruiniert. Ende der 1990er bezeichnete der US-Journalist Jeffrey Robinson Ciudad del Este als Knotenpunkt des organisierten Verbrechens und "Anus der Erde".