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Auf beiden Seiten der Grenze Schweizer Atommüll-Pläne nahe Deutschland lösen Sorgen und Protest aus: "Schon sehr schockierend"

Eine Landschaft vor wolkenbedecktem Himmel
Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat entschieden, ein geologisches Tiefenlager im Gebiet Nördlich Lägern zu errichten – wenige Kilometer südlich der deutschen Gemeinde Hohentengen.
© Michael Buholzer / Keystone / DPA
Die Schweiz will in unmittelbarer Nähe von Deutschland ein Endlager für Atommüll schaffen. In der Region lösen die Pläne Enttäuschung, Ängste und Protest aus – auf beiden Seiten der Grenze. Die wichtigsten Fragen und Antworten.  

Irgendwo muss der Atommüll hin. In der Schweiz soll er nach Nördlich Lägern – und damit ganz in die Nähe von Deutschland. Die zunächst geplanten Bauten liegen nur etwa 2,3 Kilometer südlich der Landesgrenze. Die Menschen in der Region fühlen sich überrumpelt. Am Samstag teilte die zuständige Nationale Genossenschaft ihren Standort-Vorschlag für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) mit. Eine Anwohnerin sagte den Tamedia-Zeitungen, sie werde ihren Hof mit ihrer Familie verlassen müssen. "Wir können ja nicht mit einem Tiefenlager im Garten leben."

Der Zeitungsverbund zitiert auch Astrid Andermatt, die sich seit Jahren im Verein "Nördlich Lägern ohne Tiefenlager" engagiert: "Ein Tiefenlager in Nördlich Lägern – diese Vorstellung ist schon sehr schockierend." Dass der Atommüll irgendwo wird entsorgt werden müssen, war klar. Dass er nach Nördlich Lägern soll nicht. Drei Standorte, alle in Grenznähe, hatte die Nagra ins Auge gefasst. 

Der Standort als unerwarteter Favorit

Wie der "Tagesanzeiger" berichtet, habe sich das Zürcher Weinland praktisch schon damit abgefunden, dass die Nagra ihren Standort für ein Tiefenlager vorschlagen werde. Vor sieben Jahren habe sie noch mitgeteilt, dass Nördlich Lägern im Vergleich zum Weinland deutliche Nachteile habe. Jetzt schlägt die Nationale Genossenschaft Nördlich Lägern als Standort vor.

Die Schweizer müssten sehr gut begründen, warum ein zurückgestellter Standort plötzlich zum präferierten Standort wird, sagte der Bürgermeister von Hohentengen, Martin Benz, der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Seine Gemeinde liegt besonders nah am favorisierten Standort. "Der Bahnhof, der für An- und Abtransporte benutzt werden könnte, liegt ein paar Hundert Meter von unseren Wohngebieten entfernt. Wenn der Atommülltransport über die Straße kommt: die ist auch nur 850 Meter weg."

Den Bewohnern sei klar, dass der radioaktive Müll vorhanden ist und entsorgt werden muss. Auch sie seien für die Lagerung am sichersten Ort. "Aber diese Fragen müssen beantwortet werden: Was gibt es für Störfallszenarien, und wie ist man darauf vorbereitet?"

Der Bürgermeister ist mit seinen Fragen nicht allein. Mehrere deutsche Städte und Gemeinden am Hochrhein kritisieren die Pläne aus der Schweiz, zu denen auch der Bau einer Brennelemente-Verpackungsanlage am Standort Würenlingen rund 15 Kilometer südlich der deutschen Gemeinde Waldshut-Tiengen gehört. Das stelle für 67.000 Menschen eine große Belastung dar, teilten mehrere Bürgermeister am Sonntag gemeinsam mit.

Was sind die größten Sorgen auf deutscher Seite?

"Wir haben überall Trinkwasserbrunnen, wir haben Aare und Rhein in der Nähe. Die Frage nach dem Trinkwasserschutz ist eine große Sorge der Bevölkerung", sagt Martin Steinebrunner von der Deutschen Koordinationsstelle Schweizer Tiefenlager (DKST) beim Regionalverband Hochrhein-Bodensee der dpa.

Warum vergräbt die Schweiz ihren Müll nicht weit weg von den Grenzen?

Zum einen muss die Erdbebenwahrscheinlichkeit so gering wie möglich sein, zum anderen muss der Stein im Untergrund bestimmte Eigenschaften haben. In der Schweiz eignet sich nur der Opalinuston zur Einlagerung. "Der Opalinuston ist dicht, kann allfällige Risse selbst wieder abdichten und bindet radioaktive Teilchen an sich", teilte die Nagra mit. "So schließt er radioaktive Stoffe langfristig ein." Diese Voraussetzungen gibt es nur im Grenzgebiet. 

Um wie viel Material geht es?

Die hoch radioaktiven Abfälle aus Atomkraftwerken sowie Medizin, Industrie und Forschung umfassen 9300 Kubikmeter. Das entspreche dem Volumen nach etwa acht Einfamilienhäusern, so die Nagra. Dazu kommen rund 72.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Die vier verbliebenen Schweizer Atomkraftwerke dürfen betrieben werden, so lange sie sicher sind. Das kann bis in die 2040er Jahre gehen.

Wie gefährlich ist ein Endlager?

Radioaktive Strahlung kann Körperzellen zerstören, unter anderem im Blut, der Haut und der Schilddrüse. Unter anderem gelten Leukämie, Schilddrüsen- und Lungenkrebs als mögliche Spätfolgen. In dem Lager gibt es technische und natürliche Barrieren, die verhindern sollen, dass Radioaktivität nach draußen gelangt. Das Material wird in Uranoxid oder Glas eingebettet sowie in dickwandige Behälter aus Stahl oder in Zement verfestigt in Fässer gepackt. Die Lagerstollen werden mit Betonit oder Zementmörtel aufgefüllt. Die Stollen liegen Hunderte Meter tief. "Die benötigte Einschlusszeit beträgt bei hochaktiven Abfällen etwa 200.000 Jahre und bei schwach- und mittelaktiven Abfällen rund 30.000 Jahre", so die Nagra.

Was ist mit dem Transport des radioaktiven Materials?

Es ist noch nicht bekannt, wie das Material zum Endlager geschafft werden soll. Die Nagra wollte sich am Montag äußern. Verpackt werden soll das Material für die Endlagerung am derzeitigen Zwischenlager für atomare Abfälle in Würenlingen rund 15 Kilometer südlich der deutschen Gemeinde Waldshut-Tiengen. Dort muss eine "Heiße Zelle" gebaut werden, ein Hochsicherheitsbau.

Wann soll gebaut werden?

Die Nagra will bis 2024 ein Baugesuch einreichen, über das Regierung und Parlament entscheiden. Danach dürfte es eine Volksabstimmung geben. Wird der Bau nicht abgelehnt, sollen die Arbeiten 2031 beginnen. Die mehrjährige Einlagerung begänne etwa 2050. Das Lager würde über Jahrzehnte beobachtet und etwa 2125 endgültig versiegelt.

Werden die deutschen Gemeinden entschädigt?

"Bei der Aushandlung von Kompensationszahlungen wollen wir angemessen beteiligt werden, sowohl bei den Verhandlungen als auch im Ergebnis", sagt Steinebrunner. Bürgermeister Benz sagt, Hohentengen werde darauf pochen, mit Schweizer Gemeinden bei der Entschädigung gleichgestellt zu werden.

Eine genauere öffentliche Erläuterung von Seiten der Nagra soll am Montag folgen. Am 15. September ist eine Informationsveranstaltung in Hohentengen geplant, wo die Nagra ihre Entscheidung erklären will. Menschen auf beiden Seiten der Grenze werden diese Entwicklungen aufmerksam verfolgen.

Quellen: Tagesanzeiger, Nagra

key DPA

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