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Sex-Skandal im Jesuiten-Orden: Dritter Pater gesteht Missbrauch

Der Skandal um sexuellen Missbrauch von Schülern an Jesuiten-Schulen weitet sich aus: Jetzt hat ein dritter Pater Übergriffe auf Kinder zugegeben. Auch er unterrichtete früher am Berliner Canisius-Kolleg. Der heutige Schulleiter fürchtet, die bisher enthüllten Fälle seien nur die "Spitze des Eisbergs".

Am Canisius-Kolleg in Berlin sollen in den 70er- und 80er-Jahren Schüler systematisch sexuell missbraucht worden sein

Am Canisius-Kolleg in Berlin sollen in den 70er- und 80er-Jahren Schüler systematisch sexuell missbraucht worden sein

Der Missbrauchsskandal an Schulen und Einrichtungen des katholischen Jesuiten-Ordens nimmt immer größere Dimensionen an. Mittlerweile gestand ein dritter Pater sexuelle Übergriffe auf Jugendliche in Hannover - drei Opfer hatten sich gemeldet.

Er unterrichtete Anfang der 70er Jahre auch am Berliner Jesuiten-Gymnasium Canisius-Kolleg. Schulleiter Klaus Mertes sagte dem "Tagesspiegel", es sei wohl erst die "Spitze des Eisbergs" zu sehen.

Berlin, Hannover, Hamburg

Nach Angaben der Jesuiten arbeitete der dritte Täter als Religionslehrer am Canisius-Kolleg (1970-1971), als Jugendseelsorger in Hannover (1971-1975), dann wieder als Lehrer und in der Jugendarbeit in Berlin (1976-1981) und schließlich als Lehrer und Jugendseelsorger in Hamburg (1981-1983). Danach sei er mehr als 20 Jahre lang Projektleiter eines Hilfswerks gewesen. Den letzten Posten musste er abgeben, als sich vor einiger Zeit ein Opfer meldete.

Auch in Hamburg soll er Jungen sexuell belästigt haben. Der Schulleiter der Sankt-Ansgar-Schule bestätigte am Mittwoch: "Heute hat sich ein Opfer per E-Mail bei mir gemeldet." Der Pater habe auch Jugendfreizeiten betreut. Bei einem Zeltlager soll er den Jungen demnach pornografische Bilder gezeigt haben.

Suspendierter Pater zeigte sich selbst an

Die deutsche Leitung des Jesuiten-Ordens in München rechnet mit weiteren Hilferufen von Opfern. Die Vorfälle aus den 70er Jahren in Hannover "geben Anlass zu der Befürchtung, dass es auch an anderen Orten solche Übergriffe gegeben hat", erklärte der deutsche Jesuiten-Chef, Stefan Dartmann, auf der Internetseite seines Ordens. Der beschuldigte dritte Pater habe inzwischen eine Tat zugegeben und nach Aufforderung gegen sich selbst Anzeige erstattet. Der Orden habe den Mann vom priesterlichen Dienst suspendiert.

In dem Berlin-Blog "Spreeblick" schreibt ein Teilnehmer unter dem Pseudonym "Ehemaliger": "Es gab auch Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre von anderen Patres Annäherungsversuche und Streben nach körperlichem Kontakt zu Schülern." Neben der "Tradition" der Übergriffe" habe immer eine "Tradition des Wegschauens" bestanden.

"Nicht nur an katholischen Schulen"

Canisius-Rektor Mertes kritisierte im "Tagesspiegel" erneut, dass frühere Lehrer und Schulleiter bewusst weggesehen hätten. "Das Schweigen ist sozusagen das Benzin für den Motor des Täters." Mertes betonte: "Das, was bei uns sichtbar geworden ist, passiert auch an anderen Schulen, nicht nur an katholischen."

Der Skandal betrifft offenbar bundesweit Einrichtungen der Jesuiten. So wird ein ehemaliger Sportlehrer des Kollegs verdächtigt, drei Schüler in Hamburg und zwei Schüler in St. Blasien im Schwarzwald sexuell belästigt zu haben. Außerdem soll er weitere Missbräuche in Chile und Spanien eingeräumt haben. Es habe sich um "exzessive körperliche Bestrafungsrituale" gehandelt, berichtete die Rechtsanwältin Ursula Raue, die im Auftrag der Jesuiten die Vorfälle untersucht.

Mordanschlag auf mutmaßlichen Täter

Bei einem als Täter verdächtigen ehemaligen Religionslehrer gibt es laut Ordensleitung Hinweise darauf, dass er nach seiner Zeit in Berlin sowohl in Mexiko als auch in Göttingen und Hildesheim Mädchen unsittlich berührt hat. Dieser Pater verließ den Orden 1985. Ein Jahr später wurde auf ihn ein Mordanschlag verübt, den er offenbar leicht verletzt überlebte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Sexueller Missbrauch ohne Vergewaltigung verjährt in Deutschland zehn Jahre nach Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers. Laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung erwägen und prüfen einige der Opfer eine Klage auf Schadenersatz.

APN/AFP