VG-Wort Pixel

Für Rechtshänder ausgelegte Welt Internationaler Tag der Linkshänder: "Es fehlt die öffentliche Aufmerksamkeit"

Internationaler Tag der Linkshänder
Das Leben als Linkshänder bringt in unserer für Rechtshänder ausgelegten Welt einige Beschwerlichkeiten mit sich
© STOCK4B/VisualEyze / Picture Alliance
Heute ist der Internationale Tag der Linkshänder. Dieser Tag soll auf die Probleme aufmerksam machen und Vorurteile aus der Welt schaffen. Lesen Sie hier, worunter Betroffene leiden. 

Wer denkt, dass "links" und "rechts" eine neutrale Seitenbezeichnung ist, liegt bei genauerer Betrachtung offenbar falsch. Hinter diesen vermeintlich urteilsfreien Begriffen, können klare Wertungen erkannt werden, nicht nur politisch betrachtet. 

"Rechtschaffen" zu sein und den "rechten Weg" zu beschreiten, erscheint den meisten Menschen erstrebenswerter, als "linkisch" zu sein. Links liegen gelassen zu werden, ist wohl schmerzhafter als zur Rechten Platz nehmen zu dürfen. Wer zwei linke Hände hat, wird es handwerklich wahrscheinlich niemandem recht machen können.

Links galt als Unglücksseite

"Schon bei den eher vernunftgeleiteten alten Griechen galt links als die Unglücksseite", sagt Johanna Barbara Sattler, Leiterin der Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder. Sattler kämpft seit langem für einen bewussteren Umgang mit Linkshändern. "Linkshändern und ihren Nachteilen in verschiedenen Lebensbereichen wird kaum Aufmerksamkeit zuteil", beklagt die Expertin, die seit den 1980er Jahren zum Thema forscht.

Der Internationale Tag der Linkshänder am 13. August soll auf die Probleme aufmerksam machen und Verständnis für die oft unter Vorurteilen leidenden Betroffenen wecken. Viele Menschen würden ihre Linkshändigkeit unterdrücken, da sie durch Nachahmung im Kindesalter oder durch bewusste Umschulung auf die rechte Hand in eine "Falschhändigkeit" gingen, erklärt Sattler. Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie Probleme mit der Feinmotorik könnten unter anderem die Folgen sein. "Die Menschen brauchen beispielsweise mehr Kraft und Zeit beim Lösen von Aufgaben", so Sattler.

Mit solchen Problemen hatte auch die Psychologin Marina Neumann während ihrer Schulzeit zu kämpfen. "Kind, wir schreiben hier mit rechts", wurde ihr gleich nach der Einschulung 1958 eingetrichtert, erzählt sie. Das habe ihr die Schule unnötig schwer gemacht. Das Abitur konnte sie nach eigener Aussage nur mit viel Kraft und Energie bewältigen.

Die Folgen der unterdrückten Linkshändigkeit 

Anderen Kindern gehe es wahrscheinlich ähnlich, vermutet Neumann. "Viele unterdrückte linkshändige Kinder, auch wenn sie intelligent sind, kommen in der Schule nicht gut mit. Sie können sich zum Beispiel nur schwer konzentrieren, haben feinmotorische Probleme beim Schreiben. Dadurch werden sie zu Außenseitern und ihr Selbstbewusstsein leidet." Dass bei Kindern mit Lern- und Leistungsproblemen nie eine unterdrückte Linkshändigkeit in Betracht gezogen werde, sei diskriminierend und missachtend, findet Neumann.

Menschen, die ihre Linkshändigkeit unterdrücken mussten, können auch noch im Erwachsenenalter das Schreiben mit ihrer angeborenen dominanten linken Hand erlernen. "Auf die eigene starke Hand zurückzugehen ist eine Bereicherung und Befreiung", berichtet Neumann aus eigener Erfahrung. Sie unterstützt deswegen schwerpunktmäßig Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei der Rückschulung auf ihre dominante linke Hand. Sie und Sattler fordern außerdem, dass Erzieher im Umgang mit der unterschiedlichen Lateralität von Kindern geschult werden müssten. "Da reicht es nicht nur, eine Bastelschere für Linkshänder im Schrank zu haben", so Neumann.

Auch Sattler wünscht sich bei der Ausbildung von Erziehern etwas mehr Sensibilität für das Thema. "In den meisten Lehrplänen hat das bisher keinen Platz", sagt sie. Lediglich in Bayern habe man ihre Vorschläge teilweise bedacht. "Das macht mich natürlich froh", sagt sie. Sie sieht aber anhand der schwerwiegenden Folgen von unterdrückter Linkshändigkeit noch jede Menge Handlungsbedarf.

Genaue Zahlen zum Linkshänderanteil in der Bevölkerung in Deutschland gibt es nicht. "Die statistischen Angaben schwanken stark und reichen von niedrigen Prozentsätzen bis zur Hälfte der Bevölkerung", sagt Sattler, die davon ausgeht, dass Linkshändigkeit genetisch bedingt ist. Eine Studie von 1977 analysierte nach Epochen Tausende Darstellungen von Menschen mit abgebildeten Gegenständen mit dem Ergebnis, dass bis zu 14 Prozent Linkshänder waren. Auch bei Auswertungen von Grabfunden ergibt sich meist ein Verhältnis von etwa 80 Prozent Rechtshändern zu circa 20 Prozent Linkshändern.

Abgesehen vom überwiegenden Teil des Abendlands gibt es aus historischer Sicht für die Linkshänder doch noch einige Lichtblicke. In China und Japan gilt links schon lange als Glücks- und Ehrenseite. Bei den Ägyptern und Juden galt die Rechtshändigkeit zwar als Norm, aber Darstellungen in Tempeln zeigen den wohl bekanntesten Herrscher des Pharaonenlandes Ramses II. als Linkshänder.

deb /Wilhelm Pischke DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker